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Doku „Inside IS“ bei Phoenix : Im Reich des Terrors ist ein Menschenleben nichts wert

Auch Kinder macht der „Islamische Staat“ schon zu Milizionären: Szene aus Jürgen Todenhöfers Film. Bild: Phoenix

Was geschieht, wenn wenig gebildete Menschen mit verquasten Überlegenheitsphantasien und hoher Gewaltbereitschaft über andere herrschen wollen: Jürgen Todenhöfers Dokumentarfilm „Inside IS - 10 Tage im Islamischen Staat“.

          Geschrieben wird über den IS viel. Bilder aus dem Leben in dessen Reich des Terrors gibt es kaum. Wenn, dann nur solche, welche die Milizionäre selbst als Propaganda nach draußen senden. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat gerade wieder einen Bericht über die Grausamkeit und die Gewalt im Machtbereich des sogenannten Islamischen Staats veröffentlicht - über Folter, Massenhinrichtungen, die kollektive Bestrafung von Dörfern als Instrumente der Schreckensherrschaft.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das Anschauungsmaterial dazu bietet der Dokumentarfilm von Jürgen Todenhöfer und seines Sohnes Frédéric. Ihre Bilder aus Mossul lassen das Grauen der physischen und psychischen Gewalt gegen Menschen sichtbar werden. Ein Propagandafilm für den IS ist das nicht, wie Kritiker Todenhöfers behaupten. Die Doku entlarvt, wie die Propagandamaschine des IS funktioniert, eröffnet erschreckende Einblicke in den Alltag der Terrormiliz und zeichnet ein Psychogramm von IS-Protagonisten. Das macht jedem klar, mit welchem Gegner wir es zu tun haben. Der Film dokumentiert die Banalität des Bösen. Er zeigt, was geschieht, wenn wenig gebildete Menschen mit verquasten Überlegenheitsphantasien und hoher Gewaltbereitschaft über andere herrschen wollen.

          Vor einem Jahr erschien Todenhöfers Buch „Inside IS“ und wurde ein Bestseller. Die Filmaufnahmen seines Sohnes waren zunächst als Videotagebuch und Protokoll des Reiseverlaufs und der Gespräche mit Repräsentanten des IS gedacht. Seit fast einem halben Jahrhundert bereist Jürgen Todenhöfer den Nahen Osten. Mit dem Deutschen Abu Qatadah aus Solingen, der früher Christian Emde hieß und sich in Mossul dem IS anschloss, hatte Todenhöfer ein halbes Jahr lang über Skype in Kontakt gestanden, bevor er sich zu seiner gefährlichen Reise entschloss. Er und sein Sohn reisten mit einer schriftlichen Garantieerklärung, die vom „Diwan des Kalifen“ unterzeichnet war. Sie sagte ihnen „sicheres und freies Geleit“ zu, um die Territorien des IS „sicher bereisen“ zu können. Das war ihre Lebensversicherung. Denn am Ende des Films droht ihnen ein IS-Mann: „Wir werden nach Deutschland kommen, wir werden Sie suchen, wir werden Sie finden, und wir werden Sie töten.“ Getötet werden in dem Film andere. Aus Pietät vor den Opfern werden Hinrichtungen nur andeutungsweise gezeigt, etwa wenn ein Panzer auf einen „Verurteilten“ zurollt.

          Auf der Abschussliste des IS

          Die Repräsentanten des IS versuchen, ihre Errungenschaften anzupreisen, etwa dass sie islamisches Recht durchsetzen und die öffentliche Ordnung sichern. Das treibt jedem Zuschauer eine Gänsehaut auf den Rücken. Etwa wenn im Gerichtsgebäude ein „Richter“ erzählt, alle Richter aus der Zeit vor dem IS seien getötet worden. Oder wenn der Freitagsprediger schreit: „O Allah, zerstöre die Ungläubigen, töte alle Ungläubigen und lasse keinen mehr von ihnen übrig!“ Oder wenn im Gefängnis ein Mann, der in der Öffentlichkeit mit einer Frau gesprochen hat, auf seine Strafe wartet und ein anderer, weil bei ihm Schlaftabletten gefunden worden sind. In einer Szene wird ein kurdischer Gefangener vorgeführt, umstellt von Jugendlichen mit Gewehren im Anschlag. Eine Stimme aus dem Hintergrund fordert den Häftling auf zu sagen, dass der IS ihn gut behandle.

          Jürgen Todenhöfer im „Islamischen Staat“

          Zwei große Interviews halten den Film wie eine Klammer zusammen. Immer wieder wird zunächst der Solinger Abu Qatadah eingeblendet, der von der kommenden Weltherrschaft des IS faselt. Den Kontrapunkt bildet am Ende des Films der amerikanische Islamgelehrte Hamza Yusuf, einer der führenden islamischen Intellektuellen der Gegenwart. Hamza Yusuf steht auf der Abschussliste des IS, seit er sagt, dass der IS Wahnsinn sei und nichts mit dem Islam zu tun habe. Eine statistisch unbedeutende Zahl von Leuten beanspruche, den wahren Islam zu repräsentieren. Das funktioniere, weil wir im „Zeitalter des Spektakels“ lebten und man umso mehr Aufmerksamkeit erhalte, je dramatischer man etwas mache.

          Ein Frankenstein-Phänomen

          Todenhöfer traf Hamza Yusuf in Paris in einem Café. Dort erinnert Yusuf an einen Grundsatz im islamischen Recht, wonach ein Muslim, sobald er ein Visum für ein Land beantragt habe oder dieses betrete, sich vertraglich verpflichte, die Rechte dieses Landes zu achten. Geschehe das nicht, sei man ein Verbrecher. Nur wenige Straßen weiter hatten am 13. November 2015 Terroristen des IS, die 130 Menschen töteten, nicht nur diesen Grundsatz verletzt.

          Immer mehr werden aber, vor allem nach dem britischen Bericht zum Irak-Krieg in der vergangenen Woche, Todenhöfer zustimmen, wenn er zu Beginn des Films sagt: „Der IS ist ein Frankenstein-Phänomen, das durch die Irak-Invasion 2003 leider zum Leben erweckt wurde. Anstatt ein paar hundert internationaler Terroristen in den Bergen des Hindukusch haben wir jetzt über hunderttausend.“

          Offen bleibt in dem Film jedoch, was den IS – nach der Einladung von Abu Qatadah – veranlasst hat, Todenhöfer in sein Reich zu lassen.

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