https://www.faz.net/-gqz-8xfzx

ARD-Krimi „Toter Winkel“ : Nicht reden, sondern handeln, das hast du mich gelehrt

  • -Aktualisiert am

Ihm schwant etwas: Herbert Knaup spielt Karl Holzer. Bild: WDR/Thomas Kost

Wegsehen oder nicht? Im Krimi „Toter Winkel“ spielt Herbert Knaup einen Mann, der sich fragen muss, ob sein Sohn ein Rechtsterrorist ist.

          „Musst du ihn töten?“ Langsam gleitet die große Hand über das weiche, graue Fell. Ein prüfender Blick, dann steht das Urteil des jungen Mannes fest. Während er mit dem Mädchen redet, bleibt seine Stimme hell und weich. Nur die Augen verraten, was noch kommen mag. „Ja, sonst ist die Rasse nicht mehr rein. Das zerstört die natürliche Ordnung.“

          Binnen Sekunden wechselt Thomas Holzer die Rolle – vom liebenden Vater zum pflichtbewussten Sohn zum undurchsichtigen Hobbymetzger, auf dessen Tat die Familienidylle am Mittagstisch folgen soll, Kaninchenkeule inklusive. Doch die Stimmung ist dahin. Die seiner Tochter, weil das süße Kaninchen nun vor ihr liegt; die seines Vaters, der hinter den Worten des Sohnes mehr vermutet, als er wahrhaben möchte. Doch Holzer senior schweigt.

          Der Krimi „Toter Winkel“ unter der Regie von Stephan Lacant lebt von Grau-, Erd- und Blautönen, szenischer Spannung, der Ruhe und den Sollbruchstellen, die der Schnitt erzeugt. Die Kamera leitet mit wenigen aktionsgeladenen Einblenden zu jenem Zwiespalt, der einen Vater überkommen kann, wenn er merkt, dass sein Sohn ihm fremd ist. Die Rolle ist wie geschaffen für Herbert Knaups pointiertes Spiel, um das die gesamte Handlung (Buch Benjamin Zakrisson Braeunlich) wie am Reißbrett entworfen scheint. Diesmal ermittelt er, der als Allgäuer Kommissar in den „Kluftinger“-Krimis einen reflektierten Haudegen gibt, auf eigene Faust – und gegen den eigenen Sohn. Dabei fühlt sich der Friseurmeister Karl Holzer in der Kleinstadtidylle und dem gepflegten Einfamilienhaus eigentlich wohl. Seine Frau kümmert sich, wenn nicht gerade um Sohn und Enkelkind, um Haus und Herd, während der Kaninchenzüchter in seinem Friseursalon Altherrenwitze zum Besten gibt.

          Man kennt und mag sich, schätzt die Rollenverteilung von anno dazumal. Oder fügt sich zumindest. Man übt den Schulterschluss, schimpft auf die Jugend und erinnert sich verklärt an alte Zeiten. Doch diese Welt gerät aus den Fugen. Ein Freund muss nach einem Pressebericht um seinen Laden bangen, unbemerkt mischt sich völkisches Liedgut ins Repertoire der Enkelin Nora, und von der vermeintlichen Abschiebung einer Familie aus dem Kosovo und der Flucht ihrer Tochter Anyá (Emma Drogunova) nimmt kaum jemand Notiz. Bis Manuel, ein Jugendfreund von Sohn Thomas (Hanno Koffler) tot aufgefunden und als Rechtsterrorist verdächtigt wird. Als Holzer ein Bild von Manuel und Thomas beim Hitlergruß findet, verfällt er in Schockstarre.

          Zielstrebig, familiär, undurchsichtig

          Während sich die Dramaturgie manchmal im Hin und Her von Ausharren, Abwägen und Handeln verzettelt, bleiben viele Fragen offen, denen Vater Holzers Schweigen und sein Wegsehen noch mehr Tiefenschärfe geben. Nüchtern betrachtet, reichen drei: Hat Thomas mit einem rechtsextrem motivierten Verbrechen zu tun? Wenn ja, was hat er getan? Wie kam es dazu?

          Muss die Familie aus dem Kosovo wirklich in einer Nacht- und Nebel-Aktion abgeschoben werden? Tochter Anyá ((Emma Drogunova)) ist das nicht geheuer.

          „Nicht drüber reden, sondern handeln. Das hast du mir beigebracht, Papa“, sagt Thomas. Das ganze Land sei doch mittlerweile „scheißtolerant“. Die Frage nach der Täterschaft klärt sich im Laufe der Spielzeit, der Rest bleibt ein Vexierspiel mit offenem Ausgang. Unentschlossenheit, das Abwägen zwischen Abgrenzung und familiärer Solidarität stehen dann doch einer Einordnung des Krimis in den Kontext des verdeckten Rechtsextremismus im Weg.

          Anleihen an die oft aufgeregte Asyldebatte verpuffen, sie werden dem zentralen Vater-Sohn-Konflikt geopfert. Bleibt also Thomas, der spröde Zielstrebige, der Familienvater, der Undurchsichtige. Er leugnet Verbindungen zum rechtsextremen Untergrund, in sein Leben erhält der Zuschauer kaum Einblick. Da ist es wieder, das Versteckspiel im „Toten Winkel“, das der Film ausreizt. Zum Schluss aber löst es sich in erstaunlicher Klarheit auf.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Kultur willkommen

          Meineckes Amerika-Bild : Kultur willkommen

          Zur Dreihundertjahrfeier der Harvard Universität reiste der Historiker Friedrich Meinecke 1936 nach Amerika. Ein Reisebericht aus dem Privatarchiv hält das ungewöhnliche Aufeinandertreffen zweier Kulturen fest.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Der Rest ist Schweigen

          „Polizeiruf 110“ aus München : Der Rest ist Schweigen

          Matthias Brandt tritt zum letzten Mal als Kommissar Hanns von Meuffels auf. Er sprach schon vor zwei Jahren davon, die Rolle zu beenden. Sein Abgang ist einer mit Würde und Melancholie.

          Topmeldungen

          Der Regelfall: Deutsche Polizisten als Freunde und Helfer beim DfB-Pokalspiel am 18. August in Ulm

          „NSU 2.0“ in Frankfurt : Die Polizei – dein Feind und Henker?

          Rechtsextreme drohen einer Frankfurter Anwältin, ihre zwei Jahre alte Tochter zu ermorden. Spuren führen zu einem rechtsextremen Netzwerk inmitten der Frankfurter Polizei. Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen zeigen sich alarmiert.

          Reisewarnung wegen Brexit : Warnt May die Briten vor Europareisen?

          Der Brexit steht vor der Tür und ob es einen Deal gibt, ist immer noch unklar. Angeblich plant die britische Regierung darum eine Reisewarnung für Europa. Die Regierung dementiert. Doch die Unruhe wächst.

          Schwangerschaftsabbrüche : Die alten Gräben

          In der Debatte über das Werbeverbot für Abtreibungen wird viel Falsches behauptet. Auf beiden Seiten des ideologischen Grabens. Dabei darf man auch den größten Missstand nicht aus dem Auge verlieren. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.