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Nach der Stürmung des Kapitols : Vom Ideal der versöhnten Nation

Wenn nur die Fotos gut sind: Trump-Anhänger im Kapitol am 6. Januar 2021 Bild: EPA

Amerikanische Präsidenten-Serien wie „The West Wing“ und „House of Cards“ sind ein Abbild ihrer Zeit – und wirken nach Donald Trumps Amtszeit ziemlich alt. Den Mob hatten sie nie auf der Rechnung.

          3 Min.

          Das Leben sei eine Kopie der Kunst, sagt man gern mit Oscar Wilde, wenn man an die schillernde Beziehung zwischen Realität und Fiktion erinnert wird, doch in den Vereinigten Staaten galt das immer nur bedingt. Kunst hat dort eher den Auftrag, leicht verständlich zu sein, sich am Markt zu behaupten und im Einzelfall sogar für Erbauungszwecke herzuhalten. So lassen sich auch die beiden herausragenden amerikanischen Präsidenten-Serien des 21. Jahrhunderts, „The West Wing“ und „House of Cards“, als Fernsehlehrstücke ihrer Zeit begreifen. Allerdings: Durch die surrealen Bilder aus dem amerikanischen Kongress vom Mittwoch sind sie wie im Zeitraffer gealtert.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          „The West Wing“ (1999 bis 2006), größtenteils geschrieben von Aaron Sorkin, erzählt über sieben Staffeln hinweg von den Beratern und Redenschreibern im Weißen Haus, und das geschieht auf so witzige, anspruchsvolle Art, dass kein deutscher Sender sich an die Synchronisation dieser Schnellfeuerdialoge herantraute. So blieb dem deutschen Fernsehpublikum verborgen, dass hier politische Aufklärung, ja demokratische Verfassungslehre in großem Stil und bestem Unterhaltungsformat betrieben wurde. Besonders ergreifend war, wie die Figuren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aus ihren Rollen heraustraten und eine Wirklichkeit, welche die Nation aufwühlte, mit ihrer Fiktion verwoben.

          Heute wirkt es unendlich rührend, dass der demokratische Präsident Josiah „Jed“ Bartlet, gespielt von Martin Sheen, zugleich Schachspieler, Lateiner und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften ist. Wer würde so etwas noch für glaubhaft halten? Doch seine praktizierte Verantwortungsethik führt zu den großen Momenten der Serie. Denn in diesem idealisierten Präsidenten findet das Denken der amerikanischen Verfassungsväter seine natürliche Fortsetzung, und Bartlets nur wenig gebrochenes Pathos hat dieselbe Begeisterungskraft wie die alte Überzeugung, Amerikas Demokratie erneuere sich mit jedem Machtwechsel. Sollen das wirklich die ersten Jahre des neuen Jahrtausends gewesen sein, mit diesem Optimismus, diesem Vertrauen auf die Selbstreinigungskräfte des Systems? Ja. Es war einmal.

          Machtgier, Kalkül und blanker Egoismus

          Zehn Jahre darauf, in den späten Obama- und frühen Trump-Jahren, führte „House of Cards“ (2013 bis 2018) von Beau Willimon, das Remake einer britischen BBC-Miniserie von 1990, den Zuschauern einen völlig anderen Politikbegriff vor. Statt Gemeinsinn – Kalkül und blanker Egoismus. Statt geteilter Verfassungsideale – nackte Machtgier. Werden in „The West Wing“ persönliche Ambitionen immer mit politischen Überzeugungen in Beziehung gesetzt, zeigt „House of Cards“ durch seine kalten Hauptfiguren Frank Underwood (Kevin Spacey) und Claire Underwood (Robin Wright), dass private Empfindungen hinter der Instrumentalisierung von Menschen oder Umständen zurückstehen. Deshalb wird zynisches Beiseitesprechen, wie es Shakespeares bösester Herrscher Richard III. praktiziert, zum durchgehenden Stilmittel der Serie.

          Nicht nur Kevin Spaceys Ausscheiden, auch Donald Trumps Amtsführung hat „House of Cards“ dann plötzlich obsolet gemacht. Denn jetzt trat ein Player hinzu, mit dem kaum jemand gerechnet hatte: die unzufriedene Masse, der Mob, ferngesteuert von einem neuen Präsidententypus, der in seinen Fans seine wahren Auftraggeber sieht. Heute wissen wir, dass keine Fernsehserie wahre populistische Energie enthält, womöglich auch deshalb, weil sie im Drama kaum darstellbar ist.

          Der Blick auf die amerikanische Nationalkultur der vergangenen Jahrzehnte, die kollektive Faszination ausgelöst hat – etwa die bisher vierbändige Lyndon-B.-Johnson-Biographie des 85 Jahre alten Robert A. Caro oder das riesige Werk des Dokumentarfilmers Ken Burns –, zeigt das Ausmaß der jüngsten Ernüchterung. Denn aus jenen ambitionierten Projekten spricht noch der Wille, die schärfsten gesellschaftlichen Gegensätze Amerikas durch eine gemeinsame Geschichtserzählung aufzufangen, vielleicht sogar, sie miteinander zu versöhnen.

          Ken Burns, heute 67 Jahre alt, hat seine Arbeitsmethode einmal „Archäologie der Gefühle“ genannt. Dahinter steht der Glaube, man brauche nur durch die richtigen Dokumente und Bilder das subjektive emotionale Erleben von Geschichte wiedererstehen zu lassen – schon ließen sich auch heftig umkämpfte Themen so erzählen, dass sich die Nation hinter einer einigenden Version versammeln kann. Der Amerikanische Bürgerkrieg zum Beispiel, in neun langen Teilen. Oder der traumatische Vietnam-Krieg, in zehn Teilen. Vorbei. Auch dem Kongress hat Burns vor vielen Jahren eine Dokumentation gewidmet. Aber damals waren die Bilder vom fatalen Mittwoch noch das, was sie nun nicht mehr sind: unvorstellbar.

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