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Unterhaltungsfernsehen : Dann noch viel Spaß beim Rübenziehen mit Jörg Pilawa

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Als sollte das apokalyptische Szenario noch einmal mit einem schlagenden Beispiel aus der Praxis belegt werden, zeigte Çagla Menderes vom türkischen Formatehändler Global Agency daraufhin einen Trailer ihres weltweiten Verkaufsschlagers „Shopping Queen“. Was die aus Istanbul eingeflogene Rednerin als Erfolgsformel für Showformate ausgab - einfach zu verstehen und höllisch viel Marketing -, konnte man entgegen der Intention durchaus als handtaschenkonfektionierte Reformulierung der vorangegangenen Infragestellungen verstehen. In einigen Vorträgen wurden dem Fernsehen dann erniedrigende Vorschläge angetragen: eine App-Verkäuferin regte an, noch viel stärker mit App-Verkäufern zusammenzuarbeiten, ein Witzbuchautor, der für seine Bücher über Frankreich Titel mit dem Wort „Merde“ wählt, forderte mehr „intelligent shit“ und das energischere Hofieren von Witzbuchautoren, ein Vertreter der Gamesbranche gab zu, schon lange nicht mehr fernzusehen, aber schlug den Produzenten vor, Shows zu Browserspielen wie „Farmville“ zu entwickeln: Rübenziehen mit Jörg Pilawa um 20.15 Uhr. Er musste dann aber selbst einräumen, dass das mit „Quizduell“ eigentlich schon geschehen sei.

Hatte er nicht einmal gesagt, er wolle nicht für immer und ewig der „Quizonkel“ sein? Oder hat das ein anderer Jörg Pilawa gesagt? „Das ganze Leben ist ein Quiz“, wusste schon Hape Kerkeling. „Und wir sind bloß die Kandidaten.
Hatte er nicht einmal gesagt, er wolle nicht für immer und ewig der „Quizonkel“ sein? Oder hat das ein anderer Jörg Pilawa gesagt? „Das ganze Leben ist ein Quiz“, wusste schon Hape Kerkeling. „Und wir sind bloß die Kandidaten. : Bild: ARD/Uwe Ernst

Wie aber könnte die Unterhaltung im Fernsehen wieder an Ansehen gewinnen? Es war ein wenig vorhersehbar, dass sich in der Schlussdiskussion alle Hoffnungen auf eine Rückkehr des Unvorhersehbaren richten würden. Kai Blasberg kann leicht mehr Anarchie und Innovation fordern, schließlich ist er Geschäftsführer des kleinen, umtriebigen Senders Tele 5, wo man schon aus finanziellen Gründen Unkonventionelles ausprobiert. Ob witzig kommentierte Trashfilme - eines der Erfolgsformate von Tele 5 - schon die Rettung sind, sei aber dahingestellt. Treffend schien Blasbergs Analyse, dass die Fernsehunterhaltung seit zehn Jahren in einer Endlosschleife gefangen sei und die gegenwärtig zurückkehrenden alten Gameshows - Aufgüsse wie „Das ist Spitze!“ - ganz sicher keinen Ausweg darstellten.

Fernsehen wie im Jahr 1995

Für den Youtuber Dominik Porschen befindet sich Fernsehen gar noch im Jahre 1995. Da sei einfach zu viel Geld im Spiel, das führe dann eben zur fünfzehnten Staffel „DSDS“. Etwas profunder war der Vorschlag von Lisa Gotto (ifs Filmschule Köln), das Fernsehen solle sich ganz auf echte Live-Events (mit Inhalt) konzentrieren und dabei das Risiko des Scheiterns in Kauf nehmen. Die entscheidende Person auf der Bühne aber war Ute Biernat. Wie würde sich die Geschäftsführerin von Ufa Show & Factual positionieren? Sie ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, schob den Schwarzen Peter allerdings den Sendern zu: Inhalte und Innovation wolle „überhaupt niemand haben“, denn es gehe beim Fernsehen „zahlengetrieben“ zu, es fehle jede Bereitschaft zum finanziellen Risiko. So sei man da gelandet, wo man ist: „Was mich am Fernsehen stört, ist der hohe Grad an Perfektionismus. Das ist nicht überraschend, das ist vorhersehbar, das ist alles Shiny Floor, glatt, ausgeleuchtet bis in die letzte Ecke.“

Dass führende Fernsehmacher die eigenen Shows inzwischen als das perfekt inszenierte Nichts bezeichnen, darf aber nicht so verstanden werden, als würde sich hier bald etwas ändern. Dafür ist das System viel zu schwerfällig geworden. Und dafür sind die Quoten selbst der miesesten Unterhaltungssendungen noch viel zu gut. Mit Wolfgang Trepper kann man mit Blick auf deren Zuschauer allenfalls seufzen: „Und die dürfen alle wählen.“

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