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„Flussaufwärts“ bei Arte : Odyssee auf dem Strom

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Ihr Wasserweg ist das Ziel: Homer (Olivier Gourmet, li.) und Joé (Sergi López) auf großer Fahrt. Bild: © Man's Films

Zwei Brüder besteigen ein Boot und setzen zu einer Flussfahrt an. Sie soll sie bis zur Quelle und zu ihrem verstorbenen Vater führen. In Marion Hänsels poetischem Film „Flussaufwärts“ geht es ums Suchen und Finden.

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          Am Anfang sind das Naturgeräusch und ein durchsichtiges Morgenlicht, welches das tiefe Wasser transparent macht. Leichte Überbelichtung, die sich später mit Lagerfeuerschwärze den Deutungsraum streitig macht. Vieles ist, manches bleibt rätselhaft in diesem gleichwohl deutlichen Film, dessen Metapherndichte direkt ins „Herz der Finsternis“ führt. Nicht nur die Kulisse erinnert an die Abenteuergeschichten Jack Londons.

          Zwei Männer um die fünfzig, die kaum reden, steigen aus einem Taxi. Ein Bootsanleger wartet, in mediterraner Landschaft der kargen Geröllvariante. Ausgeladen werden Proviant und Alkohol. Viel Alkohol, massenhaft Dosenbier, Wein und geschmuggelter Whisky. Ein breiter, ruhiger Fluss ist das Zentralmotiv. Die Männer wollen ihn bis zu seiner Quelle befahren. Mehr Lethe als Weg zur Erkenntnis. Der Eigner des Mietboots warnt vor Felsen, Sandbänken und Wasserfällen. Sicheres Ankern noch bei Tageslicht sei unbedingt notwendig. Der Fluss ist tückisch in seinem Glitzern. Den Sinn des Trips begreift der Mann nicht, aber er vermietet Boote. Was ist das Ziel? Was auch immer.

          Wasserplätschern, Windrauschen, Kinderlachen, dazu eine Komposition, die an Eric Satie erinnert (Originalmusik und Piano Paul M. van Brugge, Sopransaxophon Erik de Reus) und die Stille zu feiern scheint. Beim Ablegen bekommt Joé (Sergi López) in letzter Sekunde einen Welpen an Bord gereicht. Homer (Olivier Gourmet), der Mann am Steuer, ist verärgert über den lebenden Ballast. Dass die Männer Brüder sind, die sich zuvor nie gesehen haben und den Spuren des toten Vaters folgen, soll man glauben. Das eigentliche Ziel bleibt vage. Könnte man den Spruch aus seiner Banalität lösen, dann wäre in „Flussaufwärts“ von Marion Hänsel nach der literarischen Vorlage von Hubert Mingarelli der Weg das Ziel.

          Homer kannte seinen Vater nicht, der verließ die hochschwangere Mutter, die nie mehr seinen Namen erwähnte. Homer ist Fuhrunternehmer mit großer Flotte geworden, um irgendwann als erfolgreicher Mann vor den Augen des geheimnisvollen Unbekannten bestehen zu können. Joé reiste um die Welt wie auf der Flucht, wurde Schriftsteller. Zehn Bücher kann er vorweisen.

          Dass seine Kindheit nicht glücklich war, der Vater als Fremdenlegionär bestenfalls auf bang erwarteter Stippvisite in Erscheinung trat, all das vertrauen die fremden Brüder erst nach und nach einander an. Auf der Suche nach dem verschwiegenen Kloster in den Bergen Kroatiens, in dessen Eremitage der Vater erschossen worden sein soll, stoßen sie auf den irischen Wildhüter Sean (John Lynch), der zum Führer ihrer Odyssee wird. Unfälle geschehen. Nicht jeder kommt ungeschoren davon. Die Brüder finden auf eigentümliche Weise zueinander und zu sich selbst. Am Ende dieses mythopoetischen, hochmusikalischen und deutungsscheuen Films steht ein Bild wie ein antiker Hexameter. Eine Meerenge, inzwischen ohne Skylla und Charybdis. Homer hat beschlossen, seine Flotte zu verkaufen. Auch sein Bruder wird als ein anderer zurückkehren.

          Hänsels Film lebt von der Bildgestaltung des Wasserwegs in unterschiedlichen Zuständen (Kamera Didier Frateur) und der Präsenz der beiden Hauptdarsteller. Ein Abenteuerfilm ohne Action und eine zeitlose Mythenbearbeitung ohne wesentliche Zugeständnisse an Erklärparameter, welche die allermeisten Filme begleiten. „Flussaufwärts“ ist eine Sehexpedition zum aufmerksamen Schauen.

          Flussaufwärts, heute um 20.15 Uhr auf Arte.

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