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Neue TV-Serie „Blindspot“ : Mein Name ist Jane, ich weiß von nichts

Auf dem Times Square erscheint eine nackte Schöne. Ihren ganzen Körper bedecken Tätowierungen, und sie hat ihr Gedächtnis verloren. Woran sie sich nicht erinnern kann - die Serie „Blindspot“ enthüllt es.

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          Ach, immer diese Vergesslichkeit! Wem ist, seit Jason Bourne 1988 erst im amerikanischen Fernsehen, dann im Kino amnesierte, nicht schon alles vor laufender Kamera das Gedächtnis abhanden gekommen - und das lange, bevor die Demenzfilm-Welle das Thema in ganz andere Lebensbereiche als die des qua Blackout geheimnisvollen und am besten stets bewaffneten Agenten/Polizisten/Helden trug.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Schon vor Jahren wachte für eine Fox-Serie gleichen Namens ein gewisser John Doe - was nominell in etwa Max Mustermann bedeutet - nackt und ahnungslos auf einer Insel auf. Der „Star Trek“-Kommandant Riker lief zeitweilig mit gelöschter interner Festplatte durch die Gegend, was allerdings nicht weiter bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass sogar der „Tatort“-Kommissar Ivo Batic einen Fall als mnemotechnischer Totalausfall in Sachen eigene Biographie lösen musste. Weil Filmriss nicht aus der Mode kommen will, inszenierte auch das ZDF jüngst wieder einmal einen Krimi um einen vergesslichen Kommissar („Amnesia“ lautete der anspielungsreiche Titel), und wie man mit einem Motiv, so abgenutzt, dass man es eigentlich vergessen kann, doch noch richtig Staat machen kann, zeigte in dieser Saison HBO mit seiner exzellenten Serie „The Night Of“. In der geht es um einen vergesslichen Taxifahrer, der ein grausames Verbrechen begangen haben könnte. Wenn er sich nur der fraglichen Stunden entsinnen könnte.

          Fernsehtrailer : „Blindspot“

          Bekleidet ist sie nur mit Tattoos

          Und nun steigt am New Yorker Times Square eine einzig mit ihrer Ganzkörpertätowierung bekleidete Frau (Jaimie Alexander) aus einer herrenlosen Sporttasche, die der Mann vom Bomben-Sprengkommando gerade nach Drähten abtasten wollte, und sagt: Ich weiß von nichts. Muss sie auch nicht, schließlich besteht ihre Aufgabe in der Serie „Blindspot“ darin, als an das FBI adressierte wandelnde Geheimbotschaft den Special Agents und sich selbst ein Rätsel nach dem anderen aufzugeben. Die Tattoos sind allesamt noch frisch, ein Unbekannter hat der bald als Jane Doe firmierenden Frau flächendeckend Codes auf den Leib mit Modelmaßen eingeschrieben.

          Good Cop und Frau ohne Gedächtnis: Sullivan Stapleton und Jaimie Alexander.
          Good Cop und Frau ohne Gedächtnis: Sullivan Stapleton und Jaimie Alexander. : Bild: Sat.1

          Der Trick ist uralt, schon Herodot wusste in seinen antiken Räuberpistolen von menschlichen Datenträgern zu berichten, denen eine Top-Secret-Nachricht unter die erst rasierte, dann wieder mit Haaren bedeckte Kopfhaut genadelt wurde. Jane Doe muss zwecks eingehender Lektüre nur entkleidet und in eine Art Nacktscanner gestellt werden, ein Monstercomputer von den Ausmaßen jener raumfüllenden Magnetbandrechner, die einst Raketen der Nasa navigierten, soll bei der Entschlüsselung helfen. Das ist schon wieder charmant, ebenso die Tatsache, dass der erste Hinweis unübersehbar zwischen Janes Schulterblättern prangt: „Kurt Weller FBI“ steht da.

          Special Agent mit Frauenretter-Expertise

          Besagter Special Agent (Sullivan Stapleton) erhält nicht etwa einen Telefonanruf von seiner Vorgesetzten Mayfair (Marianne Jean-Baptiste) nach dem Motto: Hier ist ein dubiose Dame, die scheint etwas mit Ihnen zu tun zu haben, kommen Sie mal her. Er wird per Hubschrauber von einer dramatischen Geiselrettungsaktion abgeholt. Der Geiselnehmer wollte gerade einen Säugling erschießen, irgendwo im „ländlichen Kentucky“, wie wir erfahren. Was übrigens nichts zur Sache tut außer zu illustrieren, dass Weller wirklich ein extrem cooler Special Agent mit Frauenretter-Expertise ist - und auf den Schwarm roter Heringe vorauszudeuten, die in „Blindspot“ mit schönster Regelmäßigkeit durch die von Schusswechseln, Nahkämpfen, Explosionen und Verfolgungsjagden gesättigten Bilder flitzen.

          Es ist schon erstaunlich, wie viel ausgesprochen unrätselhafte Vertrautheit die Serie nach einer Idee von Martin Gero und Greg Berlanti ausstrahlt, allein dadurch, dass sie ihre halbstündigen Episoden nach dem immer gleichen hektischen Rhythmus taktet: Nahaufnahme eines Tattoo-Details, Aufsager von der Entschlüsselungs-Expertin im Team (Ashley Johnson), Ausrücken der versammelten Mannschaft zu dem Ort oder dem Menschen, auf den das Hautbild hinweist, Konfrontation mit dem amerikanischen Bösen (fehlgeleitete Militärs, von Washingtons Politik zur Mordlust getriebene Chinesen), Kampf auf Leben und Tod, Flashback der Protagonistin (Vergangenheit erkennt man daran, dass sie in ihr lange Haare statt Bob trägt). Ein Teilrätsel gelöst, eine größere Katastrophe verhindert und Zoom auf das nächste Tattoo, das durch die Decodierung des vorherigen lesbar geworden ist.

          Was diese Frau alles kann

          Das Mysterium Frau wird von der Serie, die beim Sender NBC 2015 so erfolgreich war, dass sie in die nächste Staffel gehen soll, ganz genau in Augenschein genommen. Wobei man „Blindspot“ zugutehalten muss, dass sich der Voyeurismus in geradezu puritanischen Grenzen hält und die Hauptdarstellerin aus der undankbaren Aufgabe, vor allem ratlos und leise verzweifelt zu wirken, das Beste macht. Dass sie auch anders kann als hilflos schauen, darf sie immer wieder zeigen - und dabei über sich selbst staunen. Denn Jane Doe hat zwar ihr episodisches Gedächtnis durch eine ebenfalls per Nadel verabreichte üble Droge verloren, nicht aber ihre Fähigkeiten. Etwa, einen tadellosen Lidstrich zu ziehen. Die anderen Kompetenzen kommen zum Vorschein, sobald es bedrohlich wird: Jane beherrscht Nahkampftechniken und schießt millimetergenau, außerdem spricht sie die seltsamsten Idiome. Denn sie war, soviel darf verraten werden, Marine in einer supergeheimen Spezialabteilung. Vielleicht aber auch eine Killerin.

          Kein Wunder, dass Kurt Weller sich angesichts dieses Plots darauf verlegt, konsequent den guten Cop zu mimen, der Jane irgendwie zu kennen glaubt. Die beiden ermitteln Seite an Seite. Bilanz nach zwei Tagen: zwei Drohnenattacken, Angriff auf die Freiheitsstatue und die New-Yorker U-Bahn, Weller rettet viele Leben, Jane seins. So kann das wohl immer weitergehen, zuweilen durchaus unterhaltsam. Aber lange an Jane Doe erinnern wird man sich trotzdem nicht.

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