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„Traumschiff“ wieder auf See : Alle Mann aufs Sonnendeck

  • -Aktualisiert am

Leinen los: Beatrice (Heide Keller) und Oskar Schifferle (Harald Schmidt) erwarten die Kreuzfahrt-Gäste. Bild: ZDF und Dirk Bartling

Von wegen „Titanic“: Unsinkbar ist nur das „Traumschiff“. Der Fernsehdampfer kentert nie. Die Mannschaft muss aber den Abschied von Chefstewardess Heide Keller verkraften. Das ist großer Bahnhof.

          Im Herbst 1977 streckte die Menschheit die Hand aus. Zwei Voyager-Sonden wurden ins All geschossen, an Bord goldene Schallplatten mit Aufnahmen von Bach, Blind Willie Johnson und Chuck Berry (Justin Timberlake und Helene Fischer waren noch gar nicht geboren; die Außerirdischen werden sich einmal sehr wundern). Bis heute erreichen sporadische Voyager-Nachrichten die Erde. Nur vier Jahre später begann eine nicht weniger erfolgreiche Mission, die diesmal von Deutschland aus in die interstellaren Weiten des Wohlfühluniversums aufbrach: das „Traumschiff“, eine inzwischen Lichtjahre von unserer Gegenwart entfernte Zeitkapsel, die immer noch Nachrichten zur Raumstation in Mainz funkt. Meist zum Jahresende hin und stets mit Happy End (vulgo Hochzeit).

          Es sind Botschaften aus einer Filterkaffeevergangenheit, in der das größte Problem darin bestand, dass das Hemd vielleicht zu flippig geraten ist. Zugleich war das auch schon der lustigste Witz. Die geradezu penetrant sorglosen Menschen von damals existieren längst nicht mehr, hier aber, an Deck des Oberklasse-Kuppelkutters, auf dem sich für jedes einsame Herz ein knuffiger Millionär findet, flöten sie sich nach wie vor ihre Banalitäten zu. Das kann einen fast ein wenig wehmütig stimmen. Nehmen wir nur dieses Mädchen (Annika Schrumpf) aus der aktuellen Folge, das so jammervoll an ihrem Reichtum leidet, den sie für ein wenig Geborgenheit gern hergeben würde. Was war das für eine behagliche Zeit, als man hierzulande an solche Geschichten geglaubt hat.

          Na, wer wird denn gleich handgreiflich werden? Die Brüder Christoph (Herbert Ulrich, links) und Ralf (Jan Sosniok) haben sich beide in Clara (Ellenie Salvon Gonzalez, rechts) verliebt.

          Sozialhilfeempfänger hingegen finden sich an Bord so wenig wie politische Aktivisten, Behinderte oder gar Migrationshintergründe. Die Figuren heißen stets Sabine, Sophie, Clara, Carina, Nico oder Ralf. Diversität scheint selbst beim Wetter unerwünscht zu sein: Sonne, Sonne, Sonne, seit 36 Jahren. Dass Kreuzfahrten, einst ein Zeitvertreib für Betuchte, zum nicht nur ökologisch verheerenden Menetekel des Invasionstourismus geworden sind, solche ketzerischen Gedanken schmalzlächelt die Crew unter Führung von Sascha Sahnetorte Hehn alias Kapitän Victor Burger locker weg. Im Notfall: Eisbombenparade! Und irgendwo im Hintergrund tänzelt immer mal wieder Harald Schmidt durchs Bild, der für einige alberne Zeilen als Gentleman-Ho(r)st eine dreiwöchige Kreuzfahrt – so lange dauern die Dreharbeiten bei vollem Reisebetrieb – herausgeschlagen hat, der alte Fuchs. Und Schmidt hat sicherlich das feinste Näschen für Fünf-Sterne-Trash im ganzen Land.

          An der Raffinesse der Handlung hat sich in all den Jahren tatsächlich nichts geändert: Sie liegt nach wie vor unter der Messbarkeitsgrenze. Dass man mit einer solchen Tennissockendramaturgie selbst in der Ära internationaler Meisterserien Traumquoten erzielt, sagt viel aus über den deutschen Fernsehmarkt. Die eiserne Zuschauertreue hat nicht zuletzt mit den exotischen Drehorten zu tun, die so sauber und deutsch sonst nicht einmal in den teutonischen Postkarten-Krimis aus Venedig oder der Bretagne wirken. Außerdem starrt niemand derart betörend in den Abendhimmel wie Hehn.

          Die neueste Folge – eine Fahrt nach Los Angeles – sticht aus dem Immergleichen trotzdem ein wenig heraus. Dabei erfüllt Schnulzenregisseur Stefan Bartmann durchaus sämtliche „Traumschiff“-Anforderungen: Zwei Brüder rangeln brüderlich um dieselbe Frau, die das freilich auch wert ist, schließlich wird sie von Ellenie Salvo Gonzalez gespielt. Das erwähnte reiche Gör trifft auf den armen, aber optimistischen Nico. Der will Stuntman werden und legt den schlechtest gespielten Unfall des Jahres hin: In L.A. rutscht er beim ersten Hüpfer aus dem Sattel seines Crossbikes und liegt, herzerweichend „Hilfe“ rufend, auf der sanft abfallenden (aber wie in der Video-AG der Schule schräg gefilmten) Sandpiste, bis der rettende Kapitän auftaucht. Erst als dieser die Worte spricht: „Kannst du aufstehen?“, bemerkt der Bruchpilot, dass er – Lazarus noch eins! – aufstehen kann. Er humpelt nur ein wenig. Schnurstracks geht es mit Polizeischutz zum Schiff zurück. Dass das teure Leihfahrrad einfach liegen gelassen wurde, fällt wohl nur Kleingeistern auf.

          Das Besondere an dieser Folge besteht nun darin, dass Crew-Mutti Beatrice (Heide Keller), Königin der Herzen seit der ersten Folge, das Schiff verlässt. Man hat ihr, die ja heißt wie Dantes Muse, noch eine Karriere als Erfolgsautorin angedichtet, und zwar unter dem wahren Pseudonym Jac Dueppen, unter dem Keller etwa diese „Traumschiff“-Folge verfasst hat.

          Darin ist viel vom „Aufhören“ die Rede, bevor der Job „zur Belastung wird“. Sogar eine „Titanic“-Anspielung gibt es. „Soll das jetzt alles auf einmal vorbei sein?“, fragt Kapitän Victor ergriffen. Hach, denkt man: „auf einmal“? Außerdem kennt man doch seinen James-Last-Sender (vom König der Aufzugsmusik stammt bekanntlich die Titelmelodie des „Traumschiffs“). Und tatsächlich ist Ersatz für Beatrice im Anmarsch, wie eine eigene Sondersendung enthüllt: gespielt von Barbara Wussow, die Sascha Hehn bereits in der „Schwarzwaldklinik“, Wolfgang Rademanns zweiter Zuckerguss-Serie aus grauer Vorzeit, selig weggeheiratet hat. Das ist rund. Als würden Voyager 1 und Voyager 2 sich irgendwo da draußen wiederbegegnen und eng umschlungen in eine ferne Eierlikörgalaxie entschweben.

          Das Traumschiff: Los Angeles läuft an Neujahr um 20.15 Uhr, im ZDF; gefolgt von einer Kreuzfahrt ins Glück-Episode. Das Traumschiff-Spezial zum Abschied von Heide Keller beginnt um 23.15 Uhr.

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