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„Frau Roggenschaubs Reise“ : Sie könnte auch Amok laufen

  • -Aktualisiert am

Sie trägt eine schwere Last: Rose Roggenschaub (Hannelore Hoger) mit der Gitarre von Jimi Hendrix (oder auch nicht). Bild: ZDF / HARDY BRACKMANN

Im ZDF prallen heute Welten und Generationen aufeinander: Hannelore Hoger spielt eine verbitterte Frau, die einen jungen Sinto trifft und ihre Vorurteile über Bord kippt. Damit wären aber noch nicht alle Fragen geklärt.

          Rose Roggenschaub ist wütend, sehr wütend. Extrem schlecht gelaunt. Beleidigend, sobald sie den Mund öffnet. Politisch unkorrekt heißt das euphemistisch. Rassistisch träfe es aber auch. Die indischen Call-Center-Mitarbeiterinnen der Hamburger Reederei beschimpft sie als Klone mit Spatzenhirn. Den jungen Sinto, der bei der Hippie-Nachbarin die Dachrinne säubert, spricht sie hartnäckig mit „Zigeuner“ an. Keine Frage, die Roggenschaub will sich mit Absicht unbeliebt machen. Weil ihr Unrecht widerfahren ist. Und weil das, was ihr angetan wurde, mit einem gepflegten Wutanfall nicht zu überwinden ist. Stilles Leiden ist aber auch nicht die Art dieser Frau mit der nadelspitzen Zunge. Austeilen eher, ohne Rücksicht auf Verluste.

          Hannelore Hoger spielt eine Frau, deren Vergangenheit man sich ex negativo erschließen muss, um sie zu verstehen. Mögen muss man diese Rose Roggenschaub auch dann noch nicht. Sie mag einmal eine duldende Ehefrau, eine wunderbar funktionierende Mitarbeiterin in allen Lebens- und Wirtschaftslagen und im übertragenen Sinn ein liebenswürdiges Schaf gewesen sein. Nun wurde ihre Stelle in der Kundenbetreuung gestrichen, nachdem sie die indischen Neu-Kolleginnen per Skype ausreichend geschult hat. Ihr Noch-Ehemann Klaus (Christian Redl) taucht mit seiner neuen Freundin (Michaela May) auf, die den Part der unterstützenden Verstärkerin jedes Worts von Klaus übernommen hat und ihn grenzenlos anhimmelt. Ihr spuckt die verlassene Gefeuerte erst einmal in den Kaffeepott.

          Ist sie verletzt oder intolerant?

          Das ist der Anfang von „Frau Roggenschaubs Reise“, die sie im übertragenen Sinn antritt. Die Titelheldin könnte genauso gut Amok laufen, wenn es denn ihre Art wäre, Amok zu laufen. Ihre Rache aber ist subtiler und bringt sie in Kontakt mit der Sinti-Großfamilie von Sasha Mandel (Rahul Chakraborty) und seiner Mutter Marinela (Rigoletta „Loli“ Weiß). Vorübergehend zieht die holde Rose sogar auf deren Grundstück in den Wohnwagen, um eine wertvolle E-Gitarre durch physische Belagerung zurückzubekommen.

          Kommen ins Gespräch: Sasha Mandel (Rahul Chakraborty) und Rose Roggenschaub (Hannelore Hoger).

          Die Rolle der Frau Roggenschaub hat die Drehbuchautorin Beate Langmaack Hannelore Hoger auf den Leib geschrieben. Das macht aus dem Film keine übermäßig schwere Aufgabe für den Regisseur Kai Wessel. Alles, was es zu erzählen gilt, ist: Eine durch Störfälle des Lebens boshaft gewordene Alte, die ihr gutes Herz aber nur vorübergehend verlegt hat, trifft auf eine andere Lebensweise, warmherzige und spontane Menschen, lernt etwas über das Schicksal der Sinti und Roma, den Versuch ihrer Vernichtung während der Nazi-Herrschaft und die Hamburger Sturmflut 1962, durch die viele sesshaft wurden, kippt betroffen ihre Vorurteile über Bord und sorgt für eine bessere Zukunft - für die nach wie vor Diskriminierten, aber auch für sich selbst. Das ist pädagogisch gemeint, wird aber abgefedert durch die Spiellust Hannelore Hogers und die Qualität des Buchs, vor allem die sprachlich genauen und ironisch gefärbten Dialoge.

          Doch das Kalkül geht nicht auf. Der Film ist kein Selbstläufer geworden, er findet seine Tonlage nicht - oder nur in ganz speziellen, einzelnen Momenten. Frau Roggenschaubs Rolle will sich einfach nicht klären. Ist sie nun bloß zutiefst verletzt oder tatsächlich übel intolerant? Ist die Familie Mandel ein Gegenmodell, oder dient sie bloß, dramaturgisch gesprochen, als Hintergrund für die Entwicklung einer einsamen Frau? Braucht es die gesellschaftspolitischen Ausführungen, bei denen man immer den Eindruck hat, ein öffentlich-rechtlicher Redakteur habe sie im Dutzend billiger gedruckt in der Schublade liegen und nun hervorgezogen? Die Ironie, ohnehin ein schweres Geschäft, entfaltet sich nur ansatzweise. Die Geschichte des jungen Sasha, der viel lieber Musiker werden möchte als Werftarbeiter, verläuft im Sande. Die Fender Stratocaster, auf der angeblich schon Jimi Hendrix gespielt hat, hat als Unterpfand der Rache irgendwann ausgedient. So läuft die ganze Geschichte und deshalb der ganze Film nicht recht rund.

          Dafür entschädigt die ein oder andere punktgenau im Bild getroffene Szene (Kamera: Achim Poulheim) und die Musik der Hamburg-Wilhelmsburger Band Django Deluxe. Wenn die unkonventionelle Nachbarin im Flatterkleid das Gartentrampolin energisch mit dem Staubsauger bearbeitet, kommt genau die Kombination von Ironie und Ernsthaftigkeit zustande, die der Film offenbar beabsichtigt.

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