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Im ZDF: „Eine Frau verschwindet“ : Die Furcht steht ihm ins Gesicht geschrieben

Sie fahren noch einmal ans Meer, der Erinnerung wegen: Peter Haber und Maja Maranow spielen das Ehepaar van Leeuwen Bild: ZDF

Wenn man in einem Fernsehfilm Gesichter sehen, in ihnen lesen und in sie eintauchen will, dann hier: Maja Maranow und Peter Haber brillieren in Matti Geschonnecks „Eine Frau verschwindet“

          Bruno van Leeuwen muss aufpassen. Auf seine Fälle, auf seine Frau, auf seine Stadt. „Man muss aufpassen“ auf Amsterdam, sagt er. „Ich muss aufpassen auf diese Stadt.“ Dabei geht er einem Beruf nach, in dem er zwangsläufig erst auftritt, wenn irgendjemand nicht aufgepasst hat. Wenn das Unheil seinen Lauf genommen hat.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auf den Jungen, dessen Leiche im Park liegt, hat niemand aufgepasst. Am wenigsten seine Mutter. Die Freundin weiß nur, dass er am Telefon anders klang als sonst. Das war Todesangst, wird Kommissar Bruno van Leeuwen (Peter Haber) bald wissen. Als er vor der entstellten Leiche kniet, hat er eine andere Frage: „Wo ist das Gehirn?“

          Nach Dienstschluss schaut der Kommissar seinerseits in ein fragendes Gesicht. Es ist das seiner Frau Simone (Maja Maranow). Sie ist, kaum fünfzig, an Alzheimer erkrankt. Mal erkennt sie ihn, mal nicht. Mal weiß sie, wo sie ist, mal nicht. Mal erinnert sie sich bei einer bestimmten Musik oder einer Geschichte, die er ihr vorliest, an Namen, Orte, Erlebnisse und ein gemeinsames Leben.

          Dann findet Bruno sie auf dem Küchenboden kauernd; Simone trinkt aus der Schnabeltasse, klaubt vorgeschnittene Brotstückchen vom Teller und putzt den Badezimmerspiegel mit Zahnpasta. Vor Jahren hatte sie sogar eine Affäre, beim Urlaub in Italien, wie Bruno nun aufdeckt. Auch daran erinnert sie sich nicht. Ihr Mann aber fragt sich, ob er seine Frau denn je kannte.

          Gesichter zum Eintauchen

          „Ich muss aufpassen“, sagt Bruno van Leeuwen, und wir bezeugen, dass er das nicht kann, aber sich seine Überforderung nicht eingesteht. Er liebt seine Frau noch immer, das sehen wir in seinen Augen. Sehnsüchtig blickt er sie an, sucht die, die er geheiratet hat und ist glücklich, wenn er sie findet, und sei es nur für einen Augenblick. Er sei ein Egoist, wirft ihm die Pflegerin Ellen (Johanna Gastdorf) an den Kopf, die er engagiert hat. Er müsse seine Frau endlich in ein Heim geben. Doch Bruno van Leeuwen ist ein Mann, der selbst aufpassen will.

          Aus Motiven des Romans „Und vergib uns unsere Schuld“ von Claus Cornelius Fischer hat der Drehbuchautor Markus Busch Szenen und Dialoge destilliert, in denen Peter Haber, Maja Maranow und Tobias Moretti, der als verdächtiger Hirn- und Naturvolkforscher ins Spiel kommt, agieren, als seien diese für sie und nur für sie geschrieben worden. Dahinter stecken natürlich auch die besondere Regie von Matti Geschonneck, die Kamera von Theo Bierkens und der Schnitt von Eva Schnare. Sie machen vergessen, dass da überhaupt inszeniert, gedreht, geschnitten wird. Wenn man in einem Fernsehfilm Gesichter sehen, in diesen lesen, in sie eintauchen will, dann in diesem.

          Die Angst siegt nicht

          Die Monstrosität des Kriminalfalls, mit dem es der Kommissar zu tun hat, steht dem leisen Schrecken der Alzheimer-Erkrankung seiner Frau in nichts nach. Für den tatverdächtigen Anthropologen Josef Pieters (Tobias Moretti) gibt es sogar ein reales Vorbild: den 2008 verstorbenen Virologen und Nobelpreisträger Daniel Carlton Gajdusek, der eine Tollwutimpfung erfand und die Prionen als Erreger der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit entdeckte. Der schließlich aber wegen sexuellen Missbrauchs von Jungen, die er bei seinen Forschungsreisen in Neuguinea und Mikronesien adoptiert hatte, verurteilt wurde.

          Er habe vor nichts Angst, sagt die ehemalige Assistentin über den von Moretti im Film gespielten Forscher. Der Kommissar weiß es besser. Auch dieser Mann hat Angst, und er wird herausfinden, wovor. Seine eigene Furcht und Trauer wird Bruno van Leeuwen nicht besiegen. Sie steht ihm ins Gesicht geschrieben, wenn er seine Frau anblickt.

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