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ZDF-Zweiteiler „Im Wald“ : Kommissar in der Komfortzonenkrise

  • -Aktualisiert am

Einsatz: Oliver von Bodenstein (Tim Bergmann) und Pia Sander (Felicitas Woll) Bild: ZDF und Sophie Schüler

Im ZDF läuft der Zweiteiler „Im Wald“, frei nach Büchern von Nele Neuhaus. Auch wenn die Quoten stimmen, zeigt sich die Mainstream-Misere des ZDF. Das Läppische wird Programm.

          Selbst im traditionell konservativen ZDF-Taunus ist das Männerbild nicht mehr in Stein gemeißelt. In den letzten Quotenbringerfilmen nach Nele Neuhaus konnte man Grafenspross Oliver von Bodenstein (Tim Bergmann) beim gepflegten Schwachwerden zusehen. Während er und seine Kollegin Pia Kirchhoff (Felicitas Woll), die nach Heirat mit dem Direktor des Opel-Zoos Sander heißt und ein Ausbund an Stabilität geworden ist, Morde sonder Zahl aufklärten, ging seine Ehe aus Zeitmangel den Bach hinunter.

          Die Kinder sieht er nur noch sporadisch. Er haderte mit seiner privilegierten Herkunft und verdächtigte seinen Gutsherren-Vater übelster Taten. In „Im Wald“ ermittelt er nun als wandelnde Komfortzonenkrise. Gelegentlich hebt er die Stimme und verhaftet vorschnell jemanden. Er ist aber immer top rasiert und wie aus dem Ei gepellt, stellt die richtigen Fragen und hat mit Karoline Albrecht (Henriette Richter-Röhl) eine herausragend verständnisvolle Freundin. Selbst sein Vorbild Inspector Lynley durfte einen ganzen Roman lang mal Schluffi sein, Bodenstein hält sich vor dem beantragten Sabbatical picobello auf dem Posten. Im Büro beobachtet der Mann still einen Bonsai.

          Gruseln für Anfänger

          In der neuen Verfilmung, der dritten, die sich hundertachtzig statt früher neunzig Minuten gönnt, um ein fast unüberschaubares Personaltableau und unzählige Verstrickungen in eine Art Haupthandlung und vielerlei Nebenstränge zu sortieren, ist wieder einmal Tag der Abrechnung. Während die früheren Adaptionen gelegentlich an Grzimek-Dokumentationen erinnerten, gibt es dieses Mal höchstens hier und da Füllbilder von Kellerasseln, die bedächtig über Laub klettern (Kamera Marcus Kanter). Auf dem Friedhof wabert der Nebel, ruft das Käuzchen.

          Eine Glöckner-von-Notre-Dame-Gestalt verbirgt sich im Mondschein hinterm schmiedeeisernen Tor: Gruseln für Anfänger. An die Stelle der Aufnahmen der Taunusfauna sind zahllose Rückblenden in Vergilbungsoptik getreten. „Im Wald“ spielt auf zwei Zeitebenen, zwischen denen beständig gewechselt wird. Das hilft nicht, all die Geschwister, Eltern und übrigen Verwandten der zahlreichen Verdächtigen, gespielt von Martin Feifel, Veronica Ferres, Martin Lindow, Samuel Weiss, Birge Schade und Hannes Wegener, auseinanderzuhalten, geschweige denn, ihnen mit Interesse zu folgen.

          Viele Handlungsstränge, viele Tote

          Auf einem verlassenen Platz der Waldfreunde fliegt spektakulär ein Campingwagen in die Luft. Zurück bleibt eine verbrannte Leiche, die Gerichtsmediziner Henning Kirchhoff (Kai Scheve) als einen der Söhne von Rosemarie Herold identifiziert. Beinahe gleichzeitig legt diese einst lebenslustige Frau dem Pfarrer die Beichte ab, bevor im Pflegeheim ihr letztes Stündlein schlägt. Als nächster muss der Pfarrer dran glauben, nicht der letzte Tote. Inzwischen hat der junge Intensivtäter Elias Lessing (Timur Bartels) die Journalistin Felicitas Molin (Andrea Sawatzki) als Geisel genommen. Eigentlich wollte er nur bei der Geburt seines Babys dabei sein, nun wird eine junge Biologin mit seinem Brief im Gepäck niedergeschlagen und verschleppt.

          Rosemaries Sohn schrieb an einer Dorfchronik. Die Spuren führen in den Sommer 1982, als Bodensteins bester Freund, der deutschrussische Spätaussiedler Artur Berjakov (Nils Wolf), mitsamt einem zahmen Fuchs im Wald spurlos verschwand und die Mutter nach Tagen der Untätigkeit der lokalen Polizei das gesamte Dorf Waldhain mit Unterstützung einer geheimnisvollen Ikone verfluchte. Im Hofheimer Kommissariat rollt man die Ereignisse auf. Zu Kai Ostermann (Michael Schenk) und Tariq Omari (Atheer Adel) gesellt sich die forensische Psychologin Kim Freitag (Mira Bartuschek), die immerzu Profiling-Grundbegriffe aufsagt.

          ZDF in der Misere

          6,98 Millionen, 20,7 Prozent der Zuschauer, haben den ersten Teil am Dienstagabend gesehen: Vordergründig bestätigt die Einschaltquote, dass „Im Wald“ alles hat, was ein Thriller publikumswirksam aufbieten kann. Bis auf Atmosphäre, Stimmung, schlüssige Figurenzeichnung, Individualität. Diese Machart kann man als symptomatisch für die Mainstream-Misere des Spielfilmformats im ZDF ansehen. Es pilchert bei den Grafen, Krimibilder zeigen ein „Best-of-schon-einmal-gesehen“. Das Läppische ist Programm.

          „Durch die relativ hohe Anzahl der Figuren und Konstellationen ist es bei den Taunuskrimis enorm wichtig, dass die Zuschauer durch mitreißende Emotionsdramaturgie ganz eng am Geschehen gehalten werden“, stellt die Produzentin Annette Reker im Pressetext fest. Sonst bestehe die „Gefahr der Verunsicherung des Publikums“. Und das will keiner. Anna Tebbe, die bislang fast jedes Neuhaus-Buch zum Drehbuch umgeschrieben hat, und Regisseur Marcus O. Rosenmüller tun ihr Bestes, um der Gefahr zu entgehen. Als Film für Fans erfüllt „Im Wald“ die Erwartungen, aber mehr als kleinmütige Komfortzonenfiktion sieht man nicht.

          Der zweite Teil von Im Wald – Ein Taunuskrimi läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

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