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„Tatort“ aus Dortmund : Runter kommen sie immer

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Ein „Kick“, der süchtig machen kann: Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) wagt ihren ersten Sprung, der Fallschirmlehrer Jules Lanke (Albrecht Schuch) zurrt fest. Bild: WDR/Thomas Kost

Wer Kommissare am Rande des Nervenzusammenbruchs erleben will, ist beim „Tatort. Schwerelos“ richtig. Hier befinden sich alle im freien Fall. „Lass einfach los“, hört die Kommissarin. Aber was passiert dann?

          3 Min.

          Einfach mal alles vergessen, dich für einen Moment von dir selbst befreien? Lass einfach los, du schaffst das.“ Der Ratschlag, den Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) aus ihrem Selbsterfahrungs-Workshop mit Risikozulage mitnimmt, wäre auch an die übrigen Dortmunder Ermittler nicht verschwendet: Vier Kommissare am Rande des Nervenzusammenbruchs knallen uns der Drehbuchautor Benjamin Braeunlich und Regisseur Züli Aladag („Wut“) vor den Latz. Dabei ist Peter Faber (Jörg Hartmann), bisher bekannt als zornig-verzweifelter Zertrümmerer von Sanitäreinrichtungen, noch der Entspannteste.

          Traumatisiert sind sie allesamt

          Martina Bönisch (Anna Schudt) hat den Kontakt zu ihrem Sohn verloren und vermutet das Schlimmste, Daniel Kossik (Stefan Konarske) hat das Ende seiner Beziehung zu Nora noch nicht verwunden, und diese selbst ist weiterhin traumatisiert von der Abtreibung ihres Kindes. Das ist alles ein wenig dick aufgetragen.

          „Schweres Los“ wäre wohl der bessere Titel gewesen für dieses Drama, aber natürlich hat „Schwerelos“ auch eine gewisse Berechtigung, schließlich spielt der – im Wortsinn zu verstehende – Fall unter Fallschirmspringern. Was die Springer am Risiko anzieht, ist der Kontrollverlust, so kalkulierbar er hier auch ist. Dem bis ins Detail durchorganisierten Leben wird ein Augenblick der völligen Freiheit und Selbstbestimmung entgegengesetzt: ein „Kick“, der süchtig machen kann. Auch der Zuschauer stürzt in spektakulären Aufnahmen – Sprünge aus dem Flugzeug, von Industrieruinen und Talsperren – immer wieder in die Tiefe, für einen Moment alles vergessend, auch das bewusste Aufrufen einer eigentlich nicht nötigen Assoziation.

          Die Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) beraten die Lage.

          Das ungebremst aufgeschlagene Absturzopfer im Film, ein nur noch von Maschinen am Leben gehaltener Familienvater, gehörte nämlich einem Fallschirmspringerverein aus der Grimmepreis-Stadt Marl an. Genau wie der FDP-Politiker und passionierte Fallschirmspringer Jürgen W. Möllemann, der vor zwölf Jahren eben dort, in den Tod sprang. Er stand in Verdacht, Steuern hinterzogen zu haben. In der „Tatort„-Version stellt sich schnell heraus, dass jemand den Fallschirm des Opfers manipuliert hat. Stringent, aber ziemlich routinemäßig wird nun im Umfeld des Springers ermittelt.

          Wie die Indizien gesammelt werden, folgt nicht immer den Spielregeln, wobei lebensfremde Alleingänge endlich einmal geahndet werden. Wann wurde zuletzt ein Fernsehkommissar wegen Verstoßes gegen die Ausweispflicht zusammengefaltet?

          Etwas Elegisches, aber auch Mildes, Verzeihendes liegt über diesem Film: Schmerz und Linderung sind seine Leitmotive. Das ist ein merklicher Tonlagenwechsel im Dortmund-„Tatort“. Er wird auch ästhetisch vollzogen. So wirkt das Hochofenwerk Phoenix-West, das schon beim letzten Faber-Auftritt („Hydra“) als Kulisse diente, dieses Mal nicht wie ein bedrohliches Labyrinth, sondern wie eine wehmütige Erinnerung, wie eine zerfallende Kathedrale des Gestern. Insbesondere aber das dicht erzählende Drehbuch, das nach fünf rasanten Folgen aus der Feder von Jürgen Werner erstmals in neuer Verantwortung lag, stellt ganz auf das Tragische ab. Braeunlich nimmt sich mit einer erstaunlichen Wahrhaftigkeit individuellen Schicksalen an. Sie interessieren ihn, nicht gesellschaftliche Großdiagnosen – was bemerkenswert ist, wenn man weiß, dass „Schwerelos“ der erste von Hans W. Geißendörfer, dem Vater der „Lindenstraße“, produzierte „Tatort“ ist.

          An der Grenze des Erträglichen

          Auch dank phantastischer Nebendarsteller entwickelt der Film eine Intensität, die fast an die Grenzen des Erträglichen geht. Das Sterben dehnt sich über lange Szenen, und wenn die Geräte abgeschaltet werden, weigert sich die Kamera, dezent wegzusehen. Sie blickt den Angehörigen ins Gesicht. „Diese Leere, hört das irgendwann wieder auf?“, fragt die Ehefrau des Abgestürzten (Inez Bjørg David) den auf seine Weise mitfühlenden Faber. Und der antwortet: „Nein. Aber man lernt, damit zu leben.“ Für einen Augenblick hat sich der „Tatort“ von sich selbst befreit, seine Grundregeln vergessen, losgelassen – und äußere Spannung ganz durch innere Spannung ersetzt.

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          Dass man die Auflösung früh ahnt, ist allenfalls eine kleine Schwäche dieser Folge. Dass sie auf unglaubwürdige, allein der Irreführung dienende Ambivalenzen verzichtet, ist ihre Stärke. Ein paar Unglaubwürdigkeiten gibt es zwar, doch ein Krimi ganz ohne seltsamen Wendungen wäre vermutlich keiner mehr. Fabers kleine Truppe hat sich längst verabschiedet von der klassischen Polizeiarbeit: Verbrecher zu überführen, ist zur Nebensache geworden. Man ist vielmehr seelsorgerisch unterwegs an den Bruchlinien der Gesellschaft. Dabei schaut man diesem überragenden Team gerne zu.

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