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„Spider-Man: Miles Morales“ : Willkommen im Schwinger-Club

Neulich bei der Reiki-Behandlung: Der neue Spider-Man ist mitunter ganz schön geladen. Bild: Sony Interactive / Insomniac Games

Für die Netzgemeinde: Das Videospiel „Spider-Man: Miles Morales“ ist zwar ein kurzes Vergnügen, kann aber auf einen starken Helden bauen, der sowohl das Spiel als auch dessen politisches Statement mühelos trägt.

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          Als der Vorgänger dieses Videospiels, „Marvel’s Spider-Man“, 2018 herauskam, sah man vor lauter Marvel die Superhelden kaum noch. Schon wieder irgendwas mit Spiderman. Die Comic-Kultur des Marvel-Universums war zu einem gewaltigen Franchise-Blob mutiert. Mit neuen Vermarktungsstrategien verklebte er das gesamte Internet. Man hatte die Nase voll.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Stellt sich heraus: großer Fehler. Denn die Entwickler von Insomniac Games hatten Spiderman zwar nicht neu erschaffen, führten aber anhand der „freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft“ elegant vor, was Videospiele unterhaltungstechnisch leisten können. New York wurde von Harlem bis Lower Manhattan zum Abenteuerspielplatz, auf dem man die Spitze des Empire State Buildings mühelos erklimmen konnte, um in den Sonnenuntergang über dem Hudson zu blinzeln. Nur, dass Spiele mit dreidimensionaler Fototapeten-Optik aufwarten, wird nicht mehr lange ein Alleinstellungsmerkmal bleiben. Also lieferten die Entwickler eine dicht gewobene Erzählung mit, deren kinowürdige Zwischensequenzen sich nahtlos ins Spielgeschehen fügen. Sie verleihen Spiderman und seinen Gegnern Profil und Atmosphäre. Der Zug hin zum Fortsetzen der Geschichte und die Freiheit des Spielers, den eigenen Weg zu finden, wurden ebenso geschickt ausbalanciert wie die Möglichkeiten der Auseinandersetzung, als entweder Bud Spidey-Haudrauf oder Schleichfahrtspinne.

          Der neue Teil um den New Yorker Netzwerkschwinger und vermeintlichen Ersatz-Spidey „Miles Morales“ (erschaffen vom Comicautor Brian Michael Bendis und der Zeichnerin Sara Pichelli), der einem größeren Publikum vermutlich erst durch den oscarprämierten Animationsfilm „Spider-Man: Into the Spider-Verse“ bekannt wurde, bleibt dem Erfolgskonzept treu, fügt aber wenig Neues hinzu. Die Tatsache, dass Miles Morales – Sohn des afroamerikanischen Polizisten Jefferson Davis, der im Vorgängerspiel ums Leben kam, und der Puerto-Ricanerin Rio Morales, die für den New Yorker Stadtrat kandidiert – schwarz ist, fällt hier aber ins Gewicht: „Black Lives Matter“ trifft, wenn auch nicht auf „Law“, so zumindest auf „Order“. Wenn Spiderman den schwarzgoldenen „Proud Uptowner“-Anzug vor einem farbenprächtigen „Black Lives Matter“-Mural trägt, dann ist dieses Statement zumindest für ein Videospiel nicht so wohlfeil, wie man denken könnte. Man wartet oft vergeblich, ob sich die großen Videospiel-Publisher nicht doch irgendwann trauen, auch mit ihren großen Titeln auf die aktuelle politische Lage zu reagieren. Und zwar ohne lediglich verquaste Andeutungen zu machen, um niemanden in der politisch oft heterogenen Zielgruppe zu erschrecken.

          Der andere Job dieses Videospiels: Heldenkonservierung

          Der Aufstieg des schwarzen Spiderman – im Comic-Universum taucht er zum ersten Mal im Jahr 2011 (Ultimate Comics: Fallout #4) auf – an die Spitze der New Yorker Verbrechensbekämpfer wurde gut vorbereitet: Parker, der im aktuellen Teil mit seiner Freundin Mary Jane Watson in Europa auf Recherchereise für den „Daily Bugle“ ist, bereitete schon im ersten Spiel den Weg für Miles. Jetzt übergibt er dem Siebzehnjährigen die Verantwortung für seine Stadt, nachdem dieser den Nashorn-Schurken Rhino zu Beginn fast im Alleingang gestoppt hat. So bekommt es Miles mit dem Energiekonzern Roxxon und einer Rebellentruppe namens Underground zu tun, die ihre Macht dank einer programmierbaren Materie über die Stadt ausdehnt – etwas, das uns in seiner aberwitzigen Ausführung daran erinnert, dass wir in einem Comic-Universum agieren.

          Das ist der andere Job dieses Videospiels: Heldenkonservierung. Um der Zeit ein Schnippchen zu schlagen, muss Marvel Figuren, die wie Spiderman zum Teil mehr als sechzig Jahre auf dem Buckel haben, an neue Medien und neue Erzählungen binden. Das gelingt hier dank glaubwürdiger Sprachausgabe, einem starken Soundtrack und einem feinen Sinn für Details. Auf den Arm genommen fühlen dürften sich Spieler jedoch, wenn sie für ein Spiel, das in puncto Spielzeit mit kaum mehr als zehn Stunden recht schwach auf der Brust ist, den Höchstpreis von sechzig Euro zahlen sollen. Nur soll das den Ruhm der Figur Miles Morales nicht schmälern. Er zeigt: Wenn es um „große Kraft“ und „große Verantwortung“ geht, spielt die Hautfarbe hinter der Maske keine Rolle. Und doch gilt hier aus umgekehrter Perspektive: Black Lives Matter.

          Spider-Man: Miles Morales ist für die Playstation 4 und 5 zu haben und kostet etwa 60 Euro.

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