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TV-Serie „Snowfall“ bei Fox : Im Rausch des Gifts

Noch ist er unten, aber nicht mehr lange: Damson Idris als Franklin Saint. Bild: FX Networks

Von den altbekannten Geschichten kommen sie nicht los: Die Serie „Snowfall“ erzählt von einem kleinen Dealer, der groß rauskommt in gewichtigen Bildern. Doch viel Neues hat der Stoff nicht zu bieten.

          3 Min.

          Seit „Breaking Bad“, spätestens jedoch seit „Narcos“, gehören Detailkenntnisse zur Herstellung von Rauschgift zum Allgemeinwissen. Wer die Serien gesehen hat, weiß, woraus Chrystal Meth besteht, wie aus Cocablättern Kokain wird und wo sich Plastikbeutel mit weißem Pulver am besten verstecken lassen. Bekannt ist auch: Der Stoff, das Produkt, es macht sie alle kaputt. Alte, Halbwüchsige, Steinreiche und Mittellose, ungeachtet von Herkunft und Motiven. Im Business zu sein, bedeutet, ein Leben lang Teil davon zu bleiben. Und das kann entsprechend kurz geraten.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit diesen Erkenntnissen allein lassen sich keine Zuschauer mehr vor den Fernseher locken. Die Serie „Snowfall“ beginnt dort, wo „Narcos“ endet und das Rauschgift sein Ziel erreicht. Es geht um den Aufstieg von Crack, rauchbarem Kokain, das im Los Angeles der frühen achtziger Jahre zur Modedroge wird. Tag für Tag steigt der Absatz, und alle reißen sich um ihren Anteil am großen Geschäft.

          Passend zu dieser Dynamik geschieht in „Snowfall“ von Beginn an alles so unmittelbar und hastig wie im Rausch. Ein Wrestlingkampf, ein dealender Jugendlicher unter einer Allee voller Palmen, eine Villa voller Frauen in Bikinis, Plastikröhrchen und hemmungsloser Konsumenten, gleich gefolgt von einem Tod durch Überdosis – mehr lässt sich in den ersten paar Minuten wahrlich nicht unterbringen. Und wenn es nicht gleich so schwierig wäre, die Charaktere auseinander zu halten und sich einen Reim auf die verschiedenen Handlungsstränge zu machen, ließe sich dieser Einstieg als allzu naheliegend abtun. Aber so bleibt eben doch ein Rest Neugier.

          Er verkauft ein Kilo Kokain innerhalb eines Tages

          Dass die Pilotfolge der von „Boyz in the Hood“-Regisseur John Singleton, Eric Amado und Dave Andron entwickelten Serie so komplex geraten ist, hat auch damit zu tun, dass sehr lange an ihr gefeilt wurde. Schon 2016 existierte eine Version, die in einem erweiterten Team verbessert und kostspielig aufbereitet wurde. Im Juli vergangenen Jahres wurde sie im amerikanischen Fernsehen gezeigt und trotz allen Aufwands ohne Euphorie aufgenommen.

          Da ist der junge Franklin Saint (Damson Idris), ein kleiner Dealer im armen Stadtteil South Central, der nicht wie sein Vater auf der Straße enden, sondern ein College besuchen und frei leben will, sich dennoch blauäugig auf einen Pakt mit dem Teufel, namentlich einem Drogenbaron in Unterhose (Alon Abutbul), einlässt und es schafft, ein Kilo Kokain innerhalb eines Tages zu verkaufen, was ihn auf der Stelle tief in die Szene katapultiert.

          Da ist der gescheiterte CIA-Agent Teddy McDonald (Carter Hudson), der sich an seinem Schreibtisch in einem muffigen Büro langweilt und, als er den leblosen Körper seines an einer Überdosis gestorbenen Kollegen aus der Villa schafft, seine große Chance wittert, sich mit einem Coup zu rehabilitieren. Da ist der erfolglose Wrestler Gustavo „El Oso“ Zapata (Sergio Peris-Mencheta), der Geld braucht und deshalb bei einem mexikanischen Dealer-Pärchen anheuert, das wiederum die eigene Familie bestiehlt, um an das Kokain zu kommen, das ihnen der CIA-Händler verschafft.

          Diese drei zweifelhaften Helden geraten mehr oder weniger unfreiwillig in Abhängigkeit des Rauschgifts, leiden dafür und trumpfen damit auf, und dank der schauspielerischen Leistung und der aufwendigen Produktion ist das trotz vieler Klischees sehenswert. Zwar schießt der wahnsinnige Drogenboss aus purer Langeweile auf seine eigenen, in Schutzwesten gekleideten Männer. Zwar gehört es zu Franklins Freizeitbeschäftigungen, im zum Pornofilmset umfunktionierten Anwesen eines Dealer-Kollegen vorbeizuschauen, um dort wenig einfallsreiche Gespräche über Frauenkörper zu führen. Aber dann sind da auch in ihrer Beiläufigkeit eindringliche Szenen wie jene, in denen Franklin den stillen Kampf seiner Mutter gegen ihren übergriffigen Chef beobachtet.

          Schwer wiegt, dass „Snowfall“ so wenig Neues zu bieten hat. Es ist fast, als wäre einem die Geschichte schon einmal begegnet. Der Reiz der Dichte und die vielen kunstvoll verwobenen Erzählstränge können von dieser mangelnden Relevanz auch nicht länger als bis zur ersten Leiche ablenken. Wäre da nicht eine filmische Ästhetik, eine Detailverliebtheit, die vom Achtzigerjahre-Vorort-Wohnzimmer über den Soundtrack bis in den Kellerraum reicht, in dem schweigende Frauen bis zum Morgengrauen Pulver in Plastiktüten packen, gäbe es wenig Grund, „Snowfall“ zu sehen. Es ist eine von starken Bildern angetriebene Drogenstory, in der das Schöne und das Hässliche eng miteinander verschränkt sind. Das hat für die Entscheidung gereicht, eine zweite Staffel zu bestellen.

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