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Im Porträt: Nadja Uhl : Die zweigeteilte Frau

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Die zweigeteilte Frau: in „Der Baader-Meinhof-Komplex” spielte sie die Terroristin Brigitte Mohnhaupt Bild: Constantin Film

In dem Fernsehfilm „Mogadischu“ spielt Nadja Uhl Gabi Dillmann, die Stewardess des von Terroristen entführten Flugzeugs „Landshut“. Im Kinofilm über die RAF ist sie die Terroristin Brigitte Mohnhaupt. Beide Filme drehte sie gleichzeitig. Das Porträt einer zweigeteilten Frau.

          Nadja Uhl ist immer noch gutgelaunt. Glänzend würde man sagen, aber in dem Hotel am Potsdamer Platz glänzt irgendwie alles: Das polierte Metall der Fahrstühle, die Glastüren, Spiegel und die Nasen der Portiers. Und obwohl Nadja Uhl Stunden damit verbracht hat, den Journalisten Fragen zu beantworten, glänzen auch ihre Augen noch, als sie zwei Herren der Zunft verabschiedet. Das waren ihre Bärchen, wie sie sagt. Also ganz Nette. Ansonsten ist ihr Verhältnis zur Presse ambivalent. Sie wedelt mit ihren Chucks unter dem Tisch und bietet oben kleine Kuchen an. Sie spricht vorgebeugt, sie will etwas. „Es ist die Kröte, die ich schlucke“, serviert sie.

          „Wenn es nach mir ginge, würde ich über gar nichts Privates reden, aber ich weiß auch, dass das Interesse der Menschen an den Figuren auch dadurch geweckt wird, wenn sie wissen, was für ein Mensch dahintersteckt.“ Und jeder brauchte eben seine Schlagzeile. Als sie sich zusammen mit Freunden ein Haus in Potsdam gekauft hatte, stand in den Zeitungen etwas von pompöser Villa und achtzig Zimmern. Aber nachgezählt seien es wohl nur dreißig. Und aus der Wohnlösung zu Studentenzeiten an der Mendelssohn Bartholdy Hochschule für Schauspiel in Leipzig wurde in getunten Biographien plötzlich ein besetztes Haus in Berlin Kreuzberg. Sie lächelt.

          Sie muss sich teilen

          Auch die Stewardess Gabi Dillmann, die in der Landshut achtzig Menschen und den Terroristen das Wasser reicht und nebenbei in Todesgefahr die Nerven behält, bekam ihre Schlagzeile: Der Engel von Mogadischu. Nadja Uhl spielt diese Frau mit „dem gottgegebenen Pragmatismus“ in der Fernsehverfilmung der Geiselnahme. Und aus der Entfernung möchte man ihr ebenfalls etwas Engelhaftes unterstellen. Das geht aber nicht, weil sie mehr ist als das brave Mädchen, das einfach seinen Job macht. Sie ist Schauspielerin. Sie kann auch die Täterin sein. Sie kann sich teilen.

          Gleichzeitig drehte sie in Marokko das Entführungsdrama „Mogadischu”, in dem sie die Stewardess Gabi Dillmann spielt

          Zeitgleich drehte sie in Marokko die Filme „Mogadischu“ und „Der Baader Meinhof Komplex“. Sie sagt: „Ich habe so ein Extrem vorher noch nie erlebt. An einem Tag sah ich in der entführten „Landshut“- Maschine die weinenden und schreienden Gesichter der Passagiere. Und in der selben Nacht reiste ich ab, um am nächsten Tag am Set von Baader/Meinhof zu sein. Ich saß bei einem Fahrer im Auto, der spielte laute Musik, ich schaute in die stockfinstere marokkanische Nacht. Und am nächsten Morgen organisierte ich als Brigitte Mohnhaupt genau diese Flugzeugentführung.“

          Wie wird man zum Mörder?

          Die zweigeteilte Frau: Geht das? Es muss: „Als sich plötzlich die Drehtage überschnitten, fühlte ich mich wie eine Art Grenzgängerin zwischen den Welten, zwischen den Gedankenwelten, in denen die einen um ihr Leben kämpfen und die anderen für ihre Ziele töten.“ Es scheint leicht, sich auf die Seite der Integren zu stellen. Aber Mörder und töten - das klingt abstrakt, wie schafft man sich die Motivation? „Wenn wir mehr Zeit hätten, könnten wir das als eine Art Experiment durchspielen und so lange darüber reden, bis es für Sie Gründe gibt, dass Sie einen Menschen töten würden. Und wir arbeiten so lange, bis das zu Ihrem Denken und Handeln wird und Ihre derzeitigen Werte- und Moralvorstellungen verschoben sind.“ Sie sagt das mit einem erklärenden Ton.

          Zurück zu den harten Fakten und real existierenden Personen. Denn irgendwann hat die Erfolgsgeschichte auch angefangen: Nadja Uhl ist 1972 in Stralsund geboren und hat die meiste Zeit ihrer Kindheit in Hohen Neuendorf, Brandenburg, erlebt. Dort spielte sie in der Schule Theater, bis eine Lehrerin ihr das Hobby als Beruf vorschlug. „Man brauchte, um Schauspieler zu werden, Abitur. Man konnte aber mit dem Berufswunsch Schauspieler in der Regel trotz sehr guter Noten kein Abitur machen. Ich weiß, dass mir die Lehrer damals geholfen haben, zum Abitur zugelassen zu werden. Obwohl ich jetzt keinen, die DDR rettenden Berufswunsch hatte.“

          Eine Frau, die sich teilt und sich schützt

          Auch wenn sie dann erst mal von der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin abgelehnt und ihr ein anderer Beruf empfohlen wurde, hört sich der Weg von diesem Moment an wie eine klassische Erfolgsgeschichte an: Schauspielschule Leipzig, erste Theater-Engagements, erste Klappen vor der Kamera. Sie ist siebenundzwanzig, als Volker Schlöndorff sie für „Die Stille nach dem Schuss“ engagiert und in den engen Kreis erfolgreicher deutscher Schauspieler katapultiert. Es läuft gut. „Ich muss gestehen, dass diese Schritte, die ich gegangen bin, oft von Personen unterstützt wurden, ohne die ich nicht weitergekommen wäre. Es braucht in bestimmten Momenten einen Unterstützer oder rettenden Engel, der einem hilft. Bei allem Fleiß in den Rollen gehört auch eine Menge Glück dazu. Ohne Förderung kommt man eigentlich gar nicht weiter.“

          Glück, das ist das Wort der Bescheidenen. Das Wort, dass auch das Gegenteil kennt. Die Rollen, die sie sich mittlerweile sehr genau aussuchen kann, sind selten heroisch, sondern meist ziemlich dicht an der Wahrheit dran. Und die erarbeiteten Figuren sind immer alle bei ihr. Sie schaut in den Raum. Ja, nun nicht gerade hier, sie lächelt. Oder ob man sie nicht sehen könne? Sie lacht. Es ist, als säße vor Nadja Uhl eine weitere Nadja Uhl, die die Fragen beantwortet, die gemeinsam mit den Fragestellern auf professionellen Gesprächspfaden marschiert. Dahinter zwinkert dann manchmal die zweite Nadja Uhl. Etwas schelmischer, etwas komplizierter, eine Frau, die sich teilt und sich schützt. Mit der sogenannten Erfolgsgeschichte bohren dann ständig Journalisten nach: Wie war's in der Kindheit? Wo ist der Vater? Trauma? Ehestreit? Und das geht schon mal niemanden was an. Zu Recht.

          Eine eigene Idee vom Leben

          Dann weht auch nur eine Ahnung, die man kaum greifen kann, durch das klimatisierte Zimmer, wenn sie über die unmodernen Schattenseiten der Kreativität spricht: „Bei mir waren die Selbstzweifel zum Teil so stark, dass sie mich gelähmt haben und ich null Vertrauen in die Dinge hatte, die ich tat. Und trotzdem ging es weiter und wurde besser, trotz dieser Momente, in denen ich dachte, das sei jetzt das Ende dieses Berufs. Die Kritik in diesem Beruf geht sehr schnell ans Eingemachte, weil man sein eigenes Arbeitsmaterial ist.“ Diese zweite Nadja Uhl, die jetzt endlich in den Raum hineingetreten ist, baut in Potsdam zusammen mit ihrer „Verwandtschaft und Wahlverwandtschaft“ ein Mehrgenerationenhaus auf. Ihren Halt, ihre Wurzeln. Das ist zwar keine „konfliktfreie Zone mit Jakobskaffeestimmung“, aber eine Idee von einem Leben außerhalb von Premierenpartys und polierten Hotelzimmern. Es ist ein geteiltes Leben.

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