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Böhmermanns Comeback : Beim Wort genommen

Vorhang auf: Jan Böhmermann kann auch ganz schön staatstragend aussehen. Ist er aber nicht. Er wolle jetzt „mainstreamiger“ werden, sagt er. Bild: ZDF und Ben Knabe

Kaum sagt ein Abgeordneter Böhmermanns Erdogan-Gedicht auf, gibt es Empörung. Wieso? Das ist doch Quellenkunde. Ein Kommentar.

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          Warum die Aufregung? Wieso ist die Grünen-Politikerin Renate Künast „sehr peinlich berührt“? Der CDU-Abgeordnete Detlef Seif hat heute im Bundestag doch nur den Text zu Gehör gebracht, der die Debatte über den Strafrechtsparagraphen 103 („Majestätsbeleidigung“) auslöste, den SPD und Opposition schnell, die Union aber erst bis 2018 abschaffen will.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Eine Minute Jan Böhmermann im O-Ton trug der CDU-Abgeordnete Seif vor – allerdings ohne die „erläuternden“ Bemerkungen aus der Sendung „Neo Magazin Royale“, die darin bestanden, dass das, was der Moderator da vorliest, wirklich nicht erlaubt sei. All die vermeintlich witzigen Abseitigkeiten, die Böhmermann über den türkischen Präsidenten Erdogan vom Stapel ließ, gab es jetzt also noch einmal im Bundestag zu hören, und das war als Schocktherapie für Renate Künast und einige andere zu viel.

          Er nimmt Böhmermann beim Wort und erklärt, dass es nicht den Paragraphen 103 Strafgesetzbuch braucht, um gegen das „Schmähgedicht“ juristisch vorzugehen: Der CDU-Abgeordnete Detlef Seif im Bundestag.

          Dabei ist es notwendig, diese Art von Quellenstudium zu betreiben, um abermals zu verdeutlichen, wie schief Böhmermann liegt, wenn er sich für den größten Vorkämpfer der Presse- und Meinungsfreiheit hält. „Ich war dann doch überrascht, dass die Grenzen der Freiheit nicht so großzügig und weit ausgelegt werden, wie ich das bislang immer gedacht habe“, sagte er jetzt in einem Interview.

          Er meint, er sei das „Sondereinsatzkommando“

          Was sich Böhmermann denkt, wissen wir. Er meint, er sei das „Sondereinsatzkommando“. Er denkt, er kann tun und lassen, was er will. Er denkt nicht an das Persönlichkeitsrecht, und er denkt, es genüge, dem Kanzleramtsminister Peter Altmaier zu twittern und an die Bundeskanzlerin zu appellieren, damit sich ja kein Gericht mit seinem Auftritt beschäftigt.

          Mit diesem peinlichen Sandkastenspiel beschäftigt Böhmermann die Republik seit Wochen, während der von ihm bespöttelte Präsident Erdogan echte Journalisten wie Can Dündar und Erdem Gül von der „Cumhuriyet“, die zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind und wirklich Vorkämpfer der Pressefreiheit sind, den Garaus macht.

          Vielleicht hätte Böhmermann, bevor er sich entschloss, das „Schmähgedicht“ auf Erdogan aufzusagen, einmal Gregor Gysi von der Linkspartei, seines Zeichens Anwalt, den er gestern Abend in seiner ersten Show nach vierwöchiger Pause zu Gast hatte, anrufen sollen. Denn der wusste gleich: Das ist Schmähkritik. Und witzig ist es auch nicht. Er wolle jetzt mainstreamiger werden, sagt Böhmermann und meint das selbstverständlich als Witz. Kaum hatte der Abgeordnete Seif sein „Gedicht“ vorgetragen, twitterte er: „Das Schmähgedicht, das der CDU-Abgeordnete Detlef Seif soeben im Deutschen Bundestag vorgetragen hat, ist bewusst verletzend. Ungeheuerlich.“ Ungeheuerlich ist allein Böhmermanns Beschränktheit.

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