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Als käme es von Putin : Menschenverachtung

Kaskade menschenverachtender Dummheiten: Alexander Nitzberg. Bild: Brigitte Friedrich

Dass Wladimir Putin die Opfer seines Krieges als Täter ausgibt, verwundert nicht. Dass der Publizist Alexander Nitzberg im „Standard“ Putins Propaganda nachplappert, schon.

          3 Min.

          Zur Meinungsfreiheit gehört die Freiheit, sich öffentlich zum Deppen zu machen. Alexander Nitzberg, ein österreichischer Autor und Übersetzer, nimmt diese Freiheit mit freundlicher Unterstützung der Wiener Zeitung „Der Standard“ ausführlich in Anspruch. Ein Interview mit ihm im „Standard“ gehört eigentlich in eine Kategorie, von der Karl Valentin gesagt haben soll, es lohne sich nicht einmal, sie zu ignorieren. Man muss weder Nitzberg noch den Interviewer kennen. Doch sind einige von Nitzbergs „Argumenten“ reinste Kreml-Propaganda, der wir noch öfter begegnen dürften – und so ist es leider doch wichtig, sich damit zu befassen.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das gilt vor allem für Nitzbergs Insinuation, dass die Ukrainer sich womöglich selbst beschießen, also ein Selbstvernichtungsprogramm verfolgen – mutmaßlich, um die Sympathien der Welt auf die eigene Seite zu ziehen. Letzteres sagt Nitzberg nicht direkt, aber es ergibt sich aus seiner Frage: „Wenn Sie in einem Hochhaus sitzen und einen Granateneinschlag beobachten – woher wollen Sie wissen, von welcher Seite das Geschoss stammt?“

          Invasion aus Ennui?

          Mit anderen Worten: Die Bilder aus Charkow, Cherson, Mariupol, bald wohl auch aus Kiew und Odessa – zeigen sie nicht vielleicht ein Zerstörungswerk der Ukrainer selbst? Hat Putin aus Ennui 200.000 Soldaten samt Artillerie, Kampfbombern und Schwarzmeerflotte aufgeboten, und die Ukraine erledigt nun freundlicherweise den Job für ihn? Dass so etwas von den Aggressoren kommt, kennt man aus dem Krieg in Bosnien, in dem von 1992 bis 1995 etwa 100.000 Menschen getötet wurden. Mehr als 10 000 kamen allein bei der Belagerung Sarajevos durch serbische Truppen um. Auch Serbinnen und Serben, die in der Stadt ausgeharrt hatten, wurden in der Einkesselung Opfer serbischer Scharfschützen oder Granaten. Bis heute behaupten Cheerleader des serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladić, die Bosniaken hätten ihre Hauptstadt beschossen, um eine Intervention der NATO herbeizubomben.

          Der 2015 verstorbene Historiker Holm Sundhaussen hat das Nötige gesagt: „Bei allem, was wir nicht wissen oder nicht genau wissen, bleibt eine Tatsache bestehen: Es waren definitiv nicht die Panzer und Artilleriegeschütze der Bosniaken, die auf den Bergen rings um Sarajevo postiert waren. Und dass aus diesen Stellungen heraus auf die Stadt geschossen wurde, (. . .) steht ebenfalls fest.“ (...) Daran ändere auch der Umstand nichts, „dass nicht in allen Fällen zweifelsfrei rekonstruiert werden kann, woher ein Geschoss kam. Aber ungeachtet aller Ungewissheiten, aller Zweifel und mancher Ungereimtheiten bleibt unbestreitbar, dass Sarajevo eine belagerte Stadt war. Und wer die Belagerer waren beziehungsweise, wer sie kommandierte, wissen wir auch.“

          Sundhaussens Worte gelten auch jetzt. Wer in der Ukraine wen angreift, ist unbestreitbar – zumindest für alle, die nicht mit putinesker Propaganda arbeiten.

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          Die Kaskade menschenverachtender Dummheiten, die Nitzberg verbreitet, führt noch tiefer. Wenn er sagt, er habe in Putins Kriegserklärung vom 24. Februar die Negation eines Existenzrechts der Ukraine und einer ukrainischen Nation „eigentlich nicht vernommen“, kann man nur raten, die Rede noch einmal zu hören. Zum „Beweis“, dass Putin es gut meine mit der Ukraine, führt Nitzberg an: „Russlands Außenminister Lawrow hat erst unlängst gesagt, dass das russische Volk das ukrainische respektiere und als sein Brudervolk ansehe.“ Die blutige Spur der Zerstörung durch russische Soldaten in der Ukraine zeugt eindrucksvoll von der „Bruderschaft“.

          Von Stalins Außenminister Wjatscheslaw Molotow heißt es, er habe erklärt, bei der sowjetischen Bombardierung Finnlands im Winterkrieg 1939/40 handele es sich um Lebensmittellieferungen. Putins Meisterpropagandist Lawrow hat bis kurz vor Russlands Einmarsch an der Lüge mitgestrickt, niemand habe die Absicht, die Ukraine zu überfallen. Einen Satz von ihm als Beleg für etwas anderes als das Gegenteil des Gesagten heranzuziehen erfordert eine spezielle Logik. Dadurch entwertet Nitzberg auch seine Einlassungen, gegen die sich nichts einwenden lässt. Dass es in der Reaktion auf Putins Krieg Übertreibungen gibt, wenn ein Boykott russischer Literatur gefordert wird, steht außer Zweifel. Wieso aber ist es „unwürdig“ oder „respektlos“, von einem mit Steuergeldern alimentierten Stardirigenten wie Waleri Gergijew zu verlangen, sich zu Putins Verbrechen zu stellen? Unwürdig wäre, das nicht zu tun. Bei Nitzberg ist es einfach: „Ist man für Putin, gegen Putin? Das sind doch allesamt simplifizierende Haltungen.“ Ersetzt man „Putin“ durch „Folter“, „Hitler“, „Diktatur“ – der Satz verliert nichts von seiner menschenverachtenden moralischen Äquidistanz zu Gut und Böse. Doch hat Nitzberg einen Rat, das Morden zu beenden: „Es muss ein Faktor der Menschlichkeit das Handeln leiten, und zwar in beide Richtungen.“ Weder Molotow noch Lawrow hätten es schöner sagen können.

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