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„Tatort“ aus Bayern : Schlaflos in München

Den Kriminalhauptkommissaren Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind die Rückschläge in Sachen Ermittlung auf das Gemüt geschlagen. Bild: X Filme/Hagen Keller

Im Münchner „Tatort“ steht Kommissar Batic neben sich. Kollege Leitmayr kann es allein auch nicht richten. Vor allem nicht in einem tragischen Mordfall, in dem sich niemand zurechtfindet.

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          Kommissar Batic kann nicht schlafen. Als die roten Digitalziffern der Radiouhr bildfüllend von 6:59 auf sieben Uhr springen, sitzt er schon längst auf der Bettkante. Wie einer, der in seiner Lebensmitte etwas weltwund geworden ist. Warum Batic schlecht schläft, das erklärt der 100. Münchner „Tatort“ mit dem Titel „Die Wahrheit“ nicht - und braucht es auch nicht.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn dieser „Tatort“ gewinnt seine Kraft dadurch, die Dinge unvollendet zu lassen. Vieles wird nur angedeutet, indirekt geschildert. Das zieht - und zwar gewaltiger, als das seichte Klaviervorspiel (Musik Thomas Mehlhorn) zur folgenden Tragödie vermuten lässt. Zunächst klingt das so leicht, dass man schon ahnt, wie tief der Abgrund ist, auf den sich eine junge Familie nichtsahnend zubewegt: Die Halbjapanerin Ayumi Schröder (Luka Omoto), ihr Sohn Taro (Leo Schöne) und ihr Mann Ben (Markus Brandl) streifen in hellen, viel zu freundlichen Bildern (Regie Sebastian Marka; Kamera Willy Dettmeyer) durch München. Opulente Drohnenaufnahmen der Stadt geben noch etwas Bildfutter dazu.

          Die Überdruckventile sind bei allen sichtbar im Dauergebrauch

          Vor einem Supermarkt macht Ayumi Ben auf einen Mann mit aufgesetzter Kapuze aufmerksam, der scheinbar verletzt, bäuchlings über den Boden robbt. Als Ben ihm aufhilft, sticht der Unbekannte mehrfach auf ihn ein und flieht.

          Nun rätselt der Zuschauer natürlich, wie der dünnhäutige Ivo Batic (Miroslav Nemec) mit dem Fall verknüpft ist. Und just, wenn er denkt, „na klar“, lässt ihn der Film ins Leere laufen. So wie auch den Kollegen Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). Der hat von seinem widerwärtigen Chef, Karl Maurer (cholerisch überzeugend: Jürgen Tonkel), die Leitung des Falls bekommen. Ganz allein, weil der Kollege Batic eben zuletzt etwas neben sich stand. Die Überdruckventile sind bei allen sichtbar im Dauergebrauch. Nicht zuletzt, weil das Opfer nach der beruhigenden OP-Saal-Szene - Kammerflimmern, Defibrilator, gerettet - dann doch stirbt. Das haut Batic erst einmal um - im wahrsten Sinne des Wortes. Diagnose: Panikattacke.

          Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) versucht das Vertrauen von Taro Schröder (Leo Schöne) zu gewinnen.
          Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) versucht das Vertrauen von Taro Schröder (Leo Schöne) zu gewinnen. : Bild: X Filme/Hagen Keller

          Und wie, um auch den Zuschauer zu schonen, verzichtet dieser „Tatort“ dann auch weitgehend auf Verfolgungsjagden und Schusswaffengebrauch. Stattdessen kommen die Waffen des polizeilichen Alltags zum Einsatz, um den Mörder zu finden: Langwierige Zeugenbefragungen werden zu monotoner Musik durch rasche Schnitte gerafft, Speichelproben werden gesammelt, Hunderte von Müllsäcken durchsucht. So spannend können Standardprozeduren sein.



          In einem „Tatort“, der „Die Wahrheit“ heißt kommt natürlich auch die Presse vor. Mit reißerischen Überschriften und dem sogenannten Witwenschütteln, sorgt sie für unerfreuliche Wendungen. Während Batic und Leitmayr sich schnurgerade auf Kollisionskurs begeben, entspinnt sich überdies ein zartes Band zwischen Batic und der Familie des Opfers. Eine Liebesgeschichte? Nein, das ist zu viel gesagt. Es ist Geborgenheit, die beide Seiten suchen. Man kann das abwegig finden. Allerdings erzählen echte Kriminalbeamte mitunter in Interviews, dass es diese Art von Beziehungen durchaus gebe.

          Jemand, für den es sich zu lügen lohnt

          Derweil wächst sich der Film zu einem Thriller aus, der das Spiel mit Tempowechseln und Bildwiederholungen beherrscht. Auch das Leid der Familie wird zum Thema und berührt. Wie Kai aus der Kiste springt dann plötzlich die Kollegin Christine Lerch (Lisa Wagner) und zieht wieder ein mal im Handumdrehen einen entscheidenden Hinweis aus dem Ärmel. Ihre Figur ist so schön schnoddrig angelegt, dass sie den Film um eine komische Facette bereichert, ohne lächerlich zu wirken. Vor allem, wenn es gar zu abgründig wird: „Unser Leben ist der Tod“, sagt Leitmayr einmal zu Batic.

          Doch die Geschichte (Buch Erol Yesilkaya) lebt und trägt bis zum Schluss. Obwohl die Frage nach der Wahrheit bis zuletzt aufgeschoben wird. Ayumi stellt dem zweifelnden Batic dazu die entscheidende Gegenfrage: „Hast Du niemanden, für den es sich zu lügen lohnt?“

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