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„Im hohen Gras“ bei Netflix : Des Teufels Maislabyrinth

  • -Aktualisiert am

Jetzt ein anständiger Rasenmäher, das wär’s: Becky (Laysla De Oliveira) im Feld des Grauens. Bild: Netflix

Hier ist Horror König: Mit der Eigenproduktion „Im hohen Gras“ baut Netflix wiederholt auf King und King, schlägt aber versöhnlichere Töne an als die Buchvorlage von Vater und Sohn.

          3 Min.

          Wer vor dieser Kirche parkt, ist verdammt. Das liegt allerdings nicht an dem einsamen Gotteshaus, jedenfalls nicht direkt, sondern an der saftig grünen Weite, die daran grenzt. Ein Feld aus mannshohem Gras, durch das der Wind von Kansas rauschend verschlungene Muster zieht. Hier halten die Geschwister Becky (Laysla De Oliveira) und Cal (Avery Whitted) auf ihrem 3000 Meilen langen Roadtrip an, weil Becky übel ist. Das liegt an ihrer Schwangerschaft – wohl aber auch am Gedanken an das Ziel ihrer Reise. Denn Becky soll ihre Tochter nach der Geburt in drei Monaten an eine Familie in San Diego abgeben. Das sei das Beste für sie, findet Cal. Becky ist sich da offenbar nicht so sicher, traut sich die Verantwortung ohne den flüchtigen Vater aber auch nicht ganz zu.

          Sie versucht, ihren Zweifeln Luft zu machen, wird allerdings jäh unterbrochen, als ein kleiner Junge um Hilfe schreit. Die Stimme kommt aus dem besagten Feld, das Kind findet keinen Weg hinaus. Die Geschwister zögern nicht lange, stoßen ins dichte Grün und damit in eine andere Welt, wo die Regeln von Raum und Zeit nicht mehr gelten. Auch Becky und Cal verlieren einander. Als sie bemerken, dass sie in einer Sekunde zum Greifen nah und in der nächsten meilenweit voneinander entfernt sind, verlieren sie zunehmend die Fassung.

          Wie geht es dem kleinen Jungen aus „The Shining“?

          Seit fast einem halben Jahrhundert macht Stephen King Angst zu Gold, und aktuell lieben ihn dafür besonders Kinobetreiber. Die neueste Filmadaption von Kings Roman „Friedhof der Kuscheltiere“ hat weltweit über 100 Millionen Dollar eingespielt. Der Horror-Clown Pennywise konnte in beiden Teilen von „Es“ sogar schon über eine Milliarde generieren, die Fortsetzung läuft gerade noch. Im November startet „Doctor Sleep“, der mit Ewan McGregor in der Hauptrolle erzählt, wie es dem kleinen Jungen Danny aus „The Shining“ als Erwachsenem ergeht (man kann es sich denken: bescheiden).

          Horror ist Trumpf, und die Zuschauer sind jung, was sie als Zielgruppe besonders beliebt macht. Da will freilich auch Netflix nicht außen vor bleiben und hat zum dritten Mal in die Marke King investiert. Nach „Das Spiel“ und „1922“ (beide aus dem Jahr 2017), die eher mäßige Aufmerksamkeit bekamen, kommt nun „Im hohen Gras“ auf die Streaming-Plattform, adaptiert von einer Novelle, die King zusammen mit seinem Sohn Joe Hill 2012 in zwei Teilen im Männermagazin „Esquire“ veröffentlichte.

          Gewaltexzessen dürfen Frauen und Kinder ausbaden

          Wer mit Kings Werk vertraut ist, weiß, hier kann das Böse wirklich überall lauern: Dass auch ein Haufen Grashalme zur ultimativen Bedrohung werden kann überrascht deshalb nicht, und audiovisuell bilden sie ein deutlich dankbareres Motiv als Züge, Handys oder diverse Kleintiere, die in anderen King-Geschichten den Tod bedeuten. Kamera und Sounddesign (Craig Wrobleski und David Rose) erwecken das Feld zum Leben, machen es zu einem atmenden, intrigierenden Gegner, vor dem es kein Entkommen zu geben scheint. Sein Herz sitzt im Zentrum, in Form eines riesigen Monolithen mit dunkler Anziehungskraft. Diesen zu berühren verspricht Antworten auf alle existentiellen Fragen des Lebens und somit auch auf die unmittelbarste: wie zur Hölle man aus diesem Feld wieder lebendig herauskommen kann.

          Doch die Geschwister, die sich schließlich doch wiederfinden, zögern, als sie sehen, was dieses Wissen bei anderen Verlorenen anrichtet. Zum Beispiel bei Ross, dem Vater des verängstigten Jungen, mit dessen Schreien das Elend begann. Ross gibt das mit Abstand bekannteste Gesicht des Casts, Patrick Wilson, der sich nach den „Conjuring“- und „Insidious“-Reihen zum Horror-Profi entwickelt hat. Das beweist er auch in dieser Rolle, die ihm einiges abverlangt, von subtiler Bedrohlichkeit bis hin zu Gewaltexzessen, die, typisch für King, vor allem Frauen und Kinder ausbaden müssen, um dann im besten Falle nach dem Gegenschlag emanzipiert daraus hervorzugehen. Dass das nicht allen vergönnt ist, gehört zum Horror dazu. Auch der Rest des Quasi-Kammerspiel-Ensembles macht seine Sache gut. Insbesondere Laysla De Oliveira als Becky, die ihrer Figur trotz wenig Dialog und viel Schreierei die nötige Tiefe verleiht, um auch die Zuschauer vom Abschalten abzuhalten, die den Stream nicht aus reiner Sensationslust ausgewählt haben, und das dürften die meisten sein.

          Während sich Regisseur und Drehbuchautor Vincenzo Natali, der spätestens seit „Splice – Das Genexperiment“ (2009) als Könner des Horror-Metiers bekannt ist, im ersten Filmdrittel eng an der Vorlage von King und Hill orientiert, traut er sich anschließend an gravierende Änderungen, die dem Stoff dramaturgisch durchaus zugutekommen. Unerwartet stößt eine neue Hauptfigur dazu und bringt die zentralen Konflikte an die Oberfläche, wodurch das Fehlen der inneren Monologe aus der Novelle teilweise kompensiert werden kann.

          Neue Wendungen und ein weitaus versöhnlicheres Ende dürften den Film auch für ein Publikum mit niedrigerer Schmerzgrenze für unkonventionellen Horror erträglich machen, letztendlich bleibt die Geschichte in ihrem Kern aber von erlesener Finsternis, die dem Zuschauer emotional einiges abverlangt. Einen Mainstream-Hit wie den Horrorfilm „Bird Box“, der 2018 mit über 45 Millionen Zuschauern innerhalb der ersten sieben Tage zu Netflix’ erfolgreichster Eigenproduktion aller Zeiten wurde, werden die Produzenten mit dem Film deshalb wohl nicht landen. Für den wachsenden Genre-Katalog der Plattform, den die junge loyale Horror-Zielgruppe zu schätzen weiß, ist er aber eine solide Ergänzung.

          Im hohen Gras ist bei Netflix abrufbar.

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