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Im Gespräch: Uwe Tellkamp : „Wo es große Tragik gibt, ist das Groteske ganz nahe“

  • Aktualisiert am
„Keine einzige Figur wird für mein Empfinden als Klischee oder als Rampenkasper behandelt“: sagt Uwe Tellkamp über die TV-Verfilmung seines Romans „Der Turm“
          6 Min.

          Als wir uns das erste Mal über die Verfilmung Ihres Romans „Der Turm“ unterhielten, war die erste Klappe noch gar nicht gefallen. Damals sagten Sie, dass Sie sich nicht in die Sache einmischen wollten; Ihr Buch sei das eine, der Film etwas anderes. Nun haben Sie die dreistündige Fernsehfassung gesehen, und Sie scheinen davon tiefer beeindruckt, als ich erwartet hätte. Woran liegt das?

          Ich bin auch tiefer beeindruckt, als ich selbst erwartet hatte. Das liegt zunächst am Film. An der Machart, am Verzicht auf knallige Effekte, an etwas, das nach meiner Meinung tiefer geht. Es gibt bei Filmen ja meist Oberflächeneffekte, solche, die effektiv, aber eben nur oberflächlich sind. Darauf hat der Regisseur Christian Schwochow wohltuend verzichtet.

          Ich bin auch beeindruckt, wie selbständig die Crew mit dem Stoff umgegangen ist. Das hat dem Film gutgetan. Und mich haben die schauspielerischen Leistungen beeindruckt, die Sensibilität, mit der die Schauspieler agieren. Dass sie sich im Zweifelsfall eher zurücknehmen, statt zu chargieren, und dass sie die Figuren niemals verraten haben. Keine einzige Figur wird für mein Empfinden als Klischee oder als Rampenkasper behandelt. Selbst, was Peter Sodann aus einer Figur wie dem Bezirks-Parteisekretär Barsano macht, behält seine Würde.

          Mich hat in dieser Hinsicht der Stasi-Spitzel begeistert...

          Ja, der ist sehr beeindruckend.

          ... der bei Ihnen im Roman nur durch Dialoge auftritt.

          Er kommt eigentlich im Buch gar nicht vor.

          Er ist im Buch nur als Stimme präsent, vielleicht auch in Form vieler Stimmen. Und plötzlich steht er auf dem Bildschirm vor einem: eine durchaus nicht unsympathische Erscheinung, und doch ist die Bedrohung, die von ihm ausgeht, sofort da.

          Ja, zumal die üblichen Film- oder auch Textproduktionen in ähnlichen Fällen dazu neigen, doch wieder in dumpfe Klischees abzugleiten, aus solchen Figuren Hanswürste zu machen. Das jedoch verfehlte das Ganze. Die Stasi war eine ganze Menge, aber dumm war sie nun gerade leider nicht. Sie pflegte eine andere Perfidie, obwohl es unter ihren Mitarbeitern auch eine Dumpfmasse gab. Aber die Stasi hat schnell gesehen, dass sie mit ihrer üblichen Klientel in Fällen, wo es um Ärzte oder andere intellektuelle Berufsgruppen ging, nicht weit kam.

          In Ihrer Stellungnahme nach der ersten Sichtung meinten Sie, der Film habe Klischees vermieden, die im Buch noch vorhanden waren. Wie ist das zu verstehen?

          Das Buch hat Schwächen. Ich bin der Letzte, der das abstreitet, obwohl es auch Stimmen gibt, die mir da widersprechen. Es ist trotzdem so: Der Roman hat Schwächen angesichts dessen, was der Film nun leistet, insbesondere bei den beiden Hauptfiguren, dem Arzt Richard Hoffmann und seiner Frau Anne. Ich finde, dass im Buch die Entwicklung der Anne, etwas plakativ gesprochen, vom Hausmütterchen zur Bürgerrechtlerin zu kurz kommt.

          Er ist vielleicht nicht nur behauptet, aber das Ganze wird doch bloß angedeutet, im Vorübergleiten, und nicht wirklich ausgiebig gezeigt. Bei Richard ist es ähnlich: Das ist die Figur, die mir nach dem Roman noch am meisten Nachdenken bereitet hat, und jetzt, wo ich an der Fortschreibung des „Turms“ arbeite, weiß ich: Da muss ich noch was tun, um ihm gerechter zu werden, denn solch einem Mann wird man nicht gerecht, wenn man ihn nur als Ehebrecher oder zweifelhaften Charakter schildert. So einen Oberarzt in der DDR, der kannte gerade in den kleineren Städten Hinz und Kunz, und diese Ärzte haben unendlich viel getan für das Gesundheitswesen.

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