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Im Gespräch: Udo Reiter : Der letzte Dinosaurier

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Pioniertaten, bevor die Manager kamen: Udo Reiter Bild: dpa

Udo Reiter ist Intendant des MDR, seit es den Sender gibt. Nun geht er. Flieht er vor dem Skandal beim vom MDR betreuten Kinderkanal? Die Sache sei geklärt, sagt Reiter. Sein Nachfolger werde keine Probleme haben.

          Herr Reiter, Sie treten nach zwanzig Jahren an der Spitze des MDR zurück. Die ganze Branche fragt sich: Warum?

          Einfach aus der Einsicht heraus, dass zwanzig Jahre genug sind. Wenn ich mir die Szene so anschaue - meine ganzen alten Kampfgefährten, die Intendanten Plog, Pleitgen, Voß, Gruber, der ARD-Direktor Struve haben aufgehört. Die ersten, denen ich sehr verbunden war, sind schon gestorben - Fritz Raff und Jörn Klamroth. Ich habe keine Lust, als der letzte Dinosaurier in der Landschaft der ARD dazustehen. Man muss wissen, wenn es Zeit ist, und wenn man rechtzeitig seinen Hut nimmt, kommt man immerhin noch in den Genuss, seine Nachrufe zu lesen.

          Haben Sie sich das lange überlegt oder ist es ein spontaner Entschluss?

          Das ist gereift. Ich wollte es eigentlich schon im Januar verkünden. Aber dann kam die Kinderkanal-Geschichte dazwischen. In einer solchen Phase geht man nicht von der Kommandobrücke. Das wollte ich erst noch aufräumen. Und das ist in der Zwischenzeit passiert.

          Man könnte aber denken: Der Korruptionsskandal beim Kika, mit einem Schaden von mindestens 8,2 Millionen Euro, hat Ihnen den Rest gegeben.

          So sensibel bin ich nicht, das kann ich schon wegstecken. Es ist kein krönender Abschluss, das gebe ich zu, aber der Kinderkanal kommt jetzt wieder in ruhigeres Fahrwasser, diese Krise ist für den MDR überstanden.

          Dessen können Sie sich sicher sein? Fällt Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin nicht doch noch etwas auf die Füße?

          Wir haben geklärt, was vorgefallen ist, haben die Schlussfolgerungen gezogen und alle Maßnahmen getroffen, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. Dass es einen moralischen Schatten auf den Kinderkanal und auf uns geworfen hat, damit müssen wir leben.

          Erinnern Sie sich an Ihren ersten Arbeitstag beim MDR?

          Das weiß ich noch ziemlich genau. Im alten Versicherungsbau in der Springerstraße hatte man mir ein kleines, provisorisches Büro eingerichtet. Das war insgesamt ungefähr so groß wie die Sitzgruppe in meinem heutigen Büro. Wenn man zur Tür hereinkam, lief man Gefahr, in ein Handwaschbecken zu fallen. Aber schön war es doch...

          Was hat Sie 1991 bewogen, zum MDR zu gehen? Sie waren Hörfunkdirektor beim Bayerischen Rundfunk. Das war doch auch nicht übel.

          Das war eine unglaubliche Chance: Ich hatte die Möglichkeit, als noch relativ junger Mann einen ganzen Sender aufzubauen. Das ist ein seltener Glücksfall. Als ich zum Bayerischen Rundfunk kam, das stand der fertig da, da konnte man allenfalls noch hinter dem Komma etwas ändern. Beim MDR war noch gar nichts da, da war ich sozusagen der Urknall. Und so ein Schöpfungsakt ist schon etwas ganz Besonderes. Solche Pionierzeiten haben ihren ganz eigenen Charme. Da gab es keine Bürokratie, keine gigantischen Prüfprozesse, da konnte man aus dem Vollen schöpfen.

          Könnte es sein, dass der MDR heute so ist, wie der BR damals schon war?

          Ja, wir sind inzwischen zu einer normalen, ordentlichen ARD-Anstalt geworden. Was damals in fünf Minuten auf dem Hausgang entschieden wurde, dafür braucht man heute drei ARD-Hauptversammlungen.

          Pioniere sind nicht mehr gefragt.

          Pioniere bauen etwas auf, dann übernehmen die Manager. Das ist in Ordnung und muss auch so sein. Zu den traurigeren Entwicklungen der letzten Jahre gehört leider, dass die Bürokratie auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zugenommen hat, dass alles auch von Europa bürokratisch mitgesteuert wird.

          Sie mussten sich jahrelang auch um das Erbe der Stasi kümmern, hatten es mit belasteten Mitarbeitern zu tun. Wirkt das bis heute?

          Nein, das ist heute Geschichte. Wir haben die Problematik am Anfang unterschätzt. Wir hatten damals aber auch wenig Zeit, in größerem Umfang biographische Studien anzustellen. Ich war froh um jeden Mitarbeiter, den wir gewinnen konnten. Und dabei haben wir die Stasi-Problematik nicht ernst genug genommen, das gebe ich zu. Das fiel mir auf die Füße und wir haben es in einer zweiten Welle noch einmal untersucht. Das hatte für feste und für freie Mitarbeiter zum Teil schmerzliche Konsequenzen. Aber seitdem ist Ruhe.

          Sie haben den MDR finanziell auf ein Fundament gestellt, waren aber recht trickreich. Sie haben Gebührengeld zum Beispiel in russische und argentinische Anleihen investiert. Würden Sie das heute noch einmal machen?

          Nein, auf gar keinen Fall! Das hing mit dem Charme und den Möglichkeiten der Pionierzeit zusammen. Wir haben damals festgestellt, dass die Geldmittel, die uns zur Verfügung standen, gerade für den halben Aufbau reichen würden. Daher sind wir mit diesem Geld, der berühmten Anschubfinanzierung, an die Börse gegangen. Das waren rund 560 Millionen DM. Wir hatten Glück, es war der Börsen-Boom. Wir haben das Geld in drei Jahren mehr als verdoppelt und damit den Sender schuldenfrei aufgebaut. Das war am Rande der Legalität. Ich habe damals zum Glück nicht gewusst, dass man mit öffentlichem Geld nicht in diesem Ausmaß an der Börse spekulieren darf. Wir haben knapp 3 Millionen verloren, aber in der Summe fast 600 Millionen gewonnen. Jeder Banker hätte dafür einen dicken Bonus gekriegt.

          Intendanten bekommen ein Gehalt, keinen Bonus.

          Ja, völlig zurecht. Aber komischerweise hätte der Gewinn mich damals fast den Job gekostet. In der Presse war nämlich nur der Verlust das beherrschende Thema. Aber so sind halt die Journalisten.

          Sie haben das alles überstanden, zwanzig Jahre lang. Und jetzt kann sich kaum einer den MDR ohne den Intendanten Reiter vorstellen.

          Das würde mich ehren, wenn das so wäre. Aber sobald ein Neuer da ist, wird es heißen: Der König ist tot, es lebe der König. Und so gehört sich das auch.

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