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Im Gespräch mit Volker Herres : Das Publikum lässt sich nicht erziehen

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Seine Karriere im Ersten begann 1987 beim NDR in Hamburg: ARD Programmchef Volker Herres Bild: Jan Roeder

Was wird aus Schmidt und Pocher? Wieviel Fußball verträgt das Erste? Will der Zuschauer nur Christine Neubauer sehen? Sind die Olympischen Spiele zu teuer? Volker Herres, Programmdirektor der ARD, im Gespräch mit Michael Hanfeld.

          6 Min.

          Zwar wurde er im Sommer 2007 nicht Intendant des NDR, dafür ist Volker Herres seit November dieses Jahres neuer Programmdirektor der ARD: Bilanz und Ausblick nach den ersten Wochen.

          Was ist die lohnendere Aufgabe: Intendant des Norddeutschen Rundfunks zu sein oder Programmdirektor der ARD?

          Ich war immer ein leidenschaftlicher Programm-Mensch, deshalb bin ich sehr gerne Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens.

          Als solcher sind Sie ein König ohne Land, angewiesen auf die Sender. Ihr Vorgänger Günter Struve hat es verstanden, die Machtverhältnisse umzukehren. Wie sind Ihre ersten Erfahrungen?

          Ich weiß nicht, ob das Bild vom König ohne Land zutreffend ist. Ich weiß aber, dass in diesen Tagen Besitz auch sehr belastend sein kann. Der Programmdirektor hat die Freiheit, sich auf das Programm zu konzentrieren. Abhängig von anderen ist jeder in der ARD immer. Das ist komplex, macht es aber auch interessant.

          Haben Sie schon einen großen Plan für das Erste im Jahr 2009?

          Das Erste ist in einem sehr guten Zustand. Das Verkehrteste wäre, alles umzuschmeißen. Man sollte das Programm in seiner Struktur erhalten und fortentwickeln.

          Die ARD hat 2009, anders als befürchtet, nicht weniger, sondern mehr Bundesliga-Fußball und ein Luxus-Problem: Fußball am Sonntagabend.

          Es ist nicht so, dass wir den Fußball jetzt irgendwo unterbringen müssten. Ich hätte mir den Zustand, wie wir ihn jetzt am Samstagabend mit der „Sportschau“ und sechs Spielen haben, gut für die Zukunft vorstellen können. Das Livespiel bei Premiere um 18.30 Uhr ist für uns ein Manko, aber es gibt eine Reihe von Verbesserungen, etwa die Laufzeit unseres Vertrags von vier Jahren.

          Und wie wird es mit dem Fußball am Sonntag? Bleibt Anne Will auf unabsehbare Zeit mit ihrer Talkshow, wo sie ist?

          Ja, es gibt im Moment keine anderen Planungen.

          Das heißt, die beiden neuen Sonntagsspiele der Bundesliga laufen in den „Tagesthemen“ und in den Dritten?

          Ja, wir werden breit über die Spiele in den „Tagesthemen“ berichten. Für die dritten Programme sind die Landesrundfunkanstalten zuständig. Auch sie haben die Möglichkeit, die Fußballrechte zu nutzen.

          Es gab einen langen Kampf um die Plazierung von Anne Will und Frank Plasberg. Sind da Ihres Erachtens Änderungen nötig?

          Beide Sendungen haben ihren Platz gefunden. Wir hatten mit Sabine Christiansen schon immer die politische Sendung am Sonntagabend. Wir haben den Mut aufgebracht, diese Sendung durch gleich zwei zu ersetzen und - beide Formate funktionieren.

          Das war aber ein Kompromiss: Der NDR mit Will und der WDR mit Plasberg wollten ihre Talkshow im Ersten haben.

          Die Wege in der ARD sind oft kompliziert und verschlungen, aber die Ergebnisse in der Regel beeindruckend.

          Mit Blick darauf, dass die „Tagesthemen“ einen einheitlichen Sendeplatz suchen, ist es ein Problem.

          Wenn wir über den einheitlichen Beginn der „Tagesthemen“ sprechen, reden wir über die vier klassischen Werktage, Montag bis Donnerstag. Dort ist es in der Tat unschön, dass die „Tagesthemen“ an einem Tag später beginnen. Das würde sich kein Programmplaner ausdenken. Nur: Das ist eine punktuelle Betrachtung, und das ist der Preis, den man für die beiden Talkshows im Ersten zahlen muss. Die Sache ist nicht so leicht zu begradigen, will man nicht das Programm beschädigen. Ich werde dafür bezahlt, es nicht zu beschädigen.

          Also bleibt alles, wie es ist.

          Wie gesagt: Die Wege in der ARD sind oft kompliziert und bringen komplizierte, aber gute Lösungen hervor.

          Welche Lösung dürfen wir nach „Schmidt & Pocher“ erwarten? Im April 2009 endet die gemeinsame Show.

          Ich bin ein großer Fan von Harald Schmidt und ein großer Fan von Oliver Pocher. Ich finde, dass diese Kombination sehr gut aufgegangen ist. Das kann man auch an objektiven Zahlen festmachen. Seit es „Schmidt & Pocher“ gibt, findet die Sendung in allen Altersgruppen guten Zuspruch. Wir haben sehr viele junge Zuschauer gewonnen, seit Oliver Pocher dabei ist. Ich würde mir wünschen, dass beide Protagonisten im Ersten bleiben, und ich glaube auch, dass es dazu kommt.

          In einer Sendung oder in zwei?

          Wir sind mitten in den Gesprächen, aber es sieht mehr nach „Nimm 2“ aus. Schmidt hat eine neue Formatidee. Und dann würde es mich freuen, mit Pocher etwas Eigenes zu entwickeln, denn ich möchte ihn gerne weiterhin im Ersten sehen.

          Haben Sie nicht den Eindruck, dass Schmidt seine gewohnte Drohung wahr macht und das Fernsehen drangibt?

          Nein, ganz im Gegenteil. Er hat Lust auf Neues.

          Aber passt Oliver Pocher zum Ersten?

          Pocher geht an die Grenzen, in jeder Hinsicht. Sie können nicht beides haben: Auf der einen Seite wird von uns immer verlangt, wir sollen frecher, mutiger sein und junge Leute erreichen. Und das mit Artigkeit? Das schließt sich gegenseitig aus. Wenn man junge Leute erreichen will, muss man sie schon nehmen, wie sie sind.

          Sie nehmen Pocher also nicht übel, dass er Sie mal persönlich mit seinem Mikro überfallen hat, bei einem fröhlichen Zusammensein hinter den Kulissen?

          Das habe ich ihm keine Sekunde lang übelgenommen. Ich bin vom Naturell her schon kein Übelnehmer. Das ist seine Masche, wenn man sich darauf einlässt, hat man selber Schuld.

          Also alles klar auf der AR-Doria und nirgends etwas zu verbessern.

          Es gibt immer Möglichkeiten, etwas zu verbessern. Ich bin zum Beispiel nicht zufrieden mit unserem Zuspruch am Montagabend, und auch im Vorabendprogramm können wir noch besser werden. Ich möchte aus dem Ersten keinen Jugendkanal machen, aber das Programm immer wieder interessant zu machen für die nachwachsenden und jüngeren Generationen ist eine stetige Aufgabe.

          Bei der Bundesliga bleiben Sie am Ball, aber Sie verlieren vielleicht die Olympischen Spiele, zumindest 2014 und 2016.

          Was mich bedrückt, ist, dass das Internationale Olympische Komitee nicht richtig einschätzt, welche Bedeutung die Spiele bei uns haben und wie breit wir die ganze Zeit über die Sportarten berichten. Wenn ich mir vorstelle, dass ARD und ZDF die Olympischen Spiele nicht haben, dann könnte das auch Konsequenzen für die Berichterstattung zwischen den Spielen haben. Ich denke, wir würden jeden einzelnen Lizenzvertrag überprüfen. Ich will jetzt keine bestimmten Sportarten nennen.

          Das ist eine handfeste Drohung.

          Das ist keine Drohung im Sinne einer Erpressung, aber das ist etwas, das man als Programmverantwortlicher sofort mit bedenken muss. Einzelne Sportverbände sehen das bereits, das IOC vielleicht noch nicht.

          Warum ist es - für alle Sender - so schwierig, das Publikum für - neue - deutsche Serien zu gewinnen? Bei der ARD etwa für „Türkisch für Anfänger“?

          Erfolgreiche Serien im Fernsehen zu kreieren, das ist schon das Schwierigste. Mit „Türkisch für Anfänger“, das sehr gut gemacht ist, haben wir in der Tat nicht den erhofften Erfolg. Wir haben aber jede Menge erfolgreiche Serien, etwa am Dienstag. Montags war der „Winzerkönig“ ein Erfolg, „Mord mit Aussicht“ finde ich von der Machart sehr vielversprechend. Das Wichtigste ist, dass man mit den Serien Geduld hat. Aber das Publikum erziehen und Sehgewohnheiten brechen zu wollen, das ist nahezu unmöglich. Die Zuschauer haben eine bestimmte Erwartung an ihren Kanal.

          Demnach will das Publikum mindestens zweimal im Monat in der ARD einen Film mit Christine Neubauer sehen, am besten in Afrika.

          Christine Neubauer ist eine hervorragende Schauspielerin, und deswegen hat sie im Ersten ihr richtiges Zuhause.

          Wie wichtig sind denn die Sendergesichter, also Moderatoren und Schauspieler, die einen Sender geradezu verkörpern?

          Reden wir jetzt über das ZDF?

          Auch. Sie meinen „Mit dem Kerner sieht man besser“? Das gibt es doch aber bei der ARD auch, vielleicht nicht nur mit einem Protagonisten, dafür mit Beckmann, Maischberger, Lierhaus, Pilawa, Neubauer?

          Wir haben noch viele andere. Bei Christine Neubauer wissen wir, dass die Zuschauer sie in ihren Rollen sehr, sehr schätzen. Warum sollten wir sie nicht besetzen? Wir machen Fernsehen für Zuschauer, wie sie sind. Erfolgreiches Fernsehen funktioniert über Protagonisten, die eine Identifikation mit dem Kanal herstellen, das ist in allen Genres so.

          Ist bei der ARD so eine Art Info-Superstar denkbar, wie ihn das ZDF mit Claus Kleber auf den Schild gehoben hat?

          Das kann ich mir bei der ARD so nicht vorstellen. Wir sind ein föderaler Verbund. Eine Info-Supernase wäre für die ARD zu wenig.

          Wenn ich auf das Star-Wesen schaue, auf Galas oder die Boxnächte in ARD und ZDF, frage ich mich: Gibt es eigentlich überhaupt noch etwas, wodurch sich ein öffentlich-rechtliches von einem privaten Programm unterscheidet?

          Ich halte das ganze Gerede von der Konvergenz der Programme - mit Verlaub - für Quatsch. Das real existierende Programm des Ersten unterscheidet sich in einem Maße von jedem kommerziellen Angebot, wie es deutlicher nicht sein könnte. Mit sechs Stunden tagesaktueller Information, Hintergrundberichterstattung zu Politik im In- und Ausland und Wirtschaft, hervorragendem, investigativem Journalismus in den politischen Magazinen, im Fiktionalen wählen wir unsere Stoffe allein nach inhaltlichen Gesichtspunkten aus - es gibt so viele Unterschiede, und das muss und wird auch so bleiben.

          Dann müssten Sie aber einmal im Monat einen Abend wie den mit dem Film und der Dokumentation zu „Mogadischu“ bestreiten.

          Das hat in der Tat große Bedeutung für die ARD: millionenfache Akzeptanz für ein sehr anspruchsvolles, inhaltlich relevantes Programm. Das ist der Glücksfall öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wir haben ein solches Programm in einer Vielzahl, die wir vielleicht noch deutlicher herausstellen müssen. Wir haben 2009 die „Buddenbrooks“, den „Baader-Meinhof-Komplex“, „Romy Schneider“ und die Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiographie. Zudem wird 2009 ein sehr politisches Jahr, wir haben die Bundestagswahl, fünf Landtagswahlen, den sechzigsten Jahrestag der doppelten Staatsgründung und zwanzig Jahre Mauerfall.

          Was die ARD aber 2009 von fast allen anderen trennt: Sie muss sich wirtschaftlich überhaupt nicht einschränken.

          Die Zeit der größeren Zuwächse ist auch für die ARD vorbei. Ich gehöre aber nicht zur Fraktion derer, die immer jaulen. Wir bekommen eine leichte Erhöhung der Gebühr, die hält sich in Maßen. Damit können wir arbeiten. Gleichwohl verkenne ich nicht, dass die Gesellschaft im Zeichen der Wirtschaftskrise in vielen Bereichen mit deutlich schlechteren Rahmenbedingungen zurechtkommen muss. Das muss sich auch in unserer Berichterstattung niederschlagen.

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