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Bascha Mika verlässt die „FR“ : Mach es mit Herz, oder lass es!

Zeitungsmacherin zwischen Berlin und Frankfurt: Bascha Mika Bild: Gerster/Laif

Am 1. April verlässt Chefredakteurin Bascha Mika die „Frankfurter Rundschau“. Ein Gespräch über diesen Abschied und das, was ihr im Journalismus Sorgen und Mut macht.

          7 Min.

          Das sind ja merkwürdige Zeiten für einen Abschied wie den Ihren ...

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ja, völlig daneben. Feiern, Feste und Formales, alles wird verschoben. Und weil die „Rundschau“-Redaktion so großartig ist, tat es mir besonders weh, mich so zwischen Tür und Angel an einem Tag zu verabschieden, an dem wir die meisten Mitarbeiter ins Homeoffice schicken mussten.

          Konnten Sie als quasi Exil-Berlinerin in Frankfurt ankommen?

          Von Exil kann nicht die Rede sein. Frankfurt war mein zweites Zuhause. Das geht auch gar nicht – mit der inneren Einstellung einer Pendlerin bei einer Zeitung zu arbeiten, die in dieser Stadt so verwurzelt ist wie die „Frankfurter Rundschau“.

          Sechs Jahre zurück. Wie schwer war es, als Chefredakteurin noch mal mit einem neuen Team von vorne anzufangen?

          Ich kannte nur wenige Kolleginnen und Kollegen bei der FR. Und Arnd Festerling, den Mann, mit dem ich in einer Doppelspitze die Redaktion leiten sollte, kannte ich überhaupt nicht. Aber ich wurde mit offenen Armen empfangen und hatte den Eindruck, dass die Redaktion mit mir ein Stück weit die Zukunft dieses Blattes gestalten wollte. Meine Berufung sollte ja auch signalisieren, dass die FR, damals frisch von der Frankfurter Societät übernommen, nicht zu einer Art „F.A.Z. light“ würde.

          Wie geht das, mit jemandem, der einem völlig unbekannt ist, plötzlich eine solche Verantwortung zu übernehmen?

          Mir wurde nach einem der entscheidenden Gespräche in Frankfurt gesagt: So, jetzt lernen Sie Herrn Festerling kennen. Dann führte man mich zu ihm in einen Besprechungsraum und sagte: Jetzt lassen wir sie mal allein. Das fühlte sich an wie das erste Treffen von Partnern in einer arrangierten Ehe. Mit diesen Worten habe ich Herrn Festerling dann auch begrüßt. Nach dem Gespräch brachte er mich zur Bahn und sagte beim Einsteigen in etwa: Frau Mika, wenn Sie zur „Rundschau“ kommen, dann nehme ich Ihnen jeden Mist ab in der Chefredaktion.

          Wie entwickelte sich das?

          Wir haben fünf Jahre lang zusammengearbeitet. In journalistischer Hinsicht sind wir völlig unterschiedliche Temperamente mit verschiedenen publizistischen Vorstellungen, die wir häufig diskutiert haben – aber wirklich gestritten haben wir uns in der ganzen Zeit nie.

          Erstaunlich, wo in der Branche zwischen himmelhoch jauchzendem Lob und Verachtung nur ein Tag liegen kann.

          Sensationell, oder? Aber in einer Branche, in der ein gerüttelt Maß an Eitelkeit dazugehört, wenn man gut sein will, muss man auch immer darauf achten, dass es nicht in Profilierungssucht und Konkurrenzgehabe kippt.

          Wenn man elf Jahre bei der „taz“ gearbeitet hat und sechs Jahre bei der FR – lässt sich sagen, wie sich diese beiden profiliert linken Blätter im Inneren unterscheiden?

          Erst mal haben mich die Gemeinsamkeiten überrascht: die Stärke der Identifikation mit dem eigenen Blatt, das Engagement und der ideelle Überschuss, mit dem die Arbeit betrieben wird. Auch wie man in der FR über Themen spricht und diskutiert und die eigene Haltung dazu reflektiert, ähnelt der „taz“. Zu den Unterschieden gehört, dass an Stellen, wo wir in der „taz“ seinerzeit gerne mal zugespitzt und überdreht haben – was mir oft gut gefallen hat –, die „Rundschau“-Redakteure ein anderes Selbstverständnis haben. Man hat mir in den vergangenen Jahren bei solcher Gelegenheit immer mal wieder gesagt: Bascha, das passt nicht zu uns.

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          Jetzt Journalismus als Großes und Ganzes: Was geht Ihnen aktuell auf den Geist?

          Was mich schon seit Jahren nervt, ist und bleibt unsere Kurzatmigkeit. Ein Verständnis von Schnelligkeit, nach dem sie als selbstverständlich genommen wird und zum Selbstzweck verkommen ist. Sie führt auch bei den seriösesten Medien dazu, dass dort Dinge erscheinen, die besser nie gedruckt worden wären. Und dass uns häufiger grobe Fehler unterlaufen. Darunter leiden alle, denen daran gelegen ist, verantwortungsvollen Journalismus zu betreiben. Aber auch die gehören zu den Getriebenen. Und als Journalistin, die vor allem in der politischen Berichterstattung zu Hause ist, beobachte ich auf beiden Seiten, bei Medienvertretern wie Politikern, einen zunehmenden Zwang zur Inszenierung, der niemandem guttut. Am allerwenigsten dem Leser.

          Wie geht man mit dem Aktualitätsdruck denn um?

          Wir dürfen vermeintlich kalte Themen nicht gleich wieder aus dem Blick verlieren. Wir treiben ständig neue Säue durchs Dorf. Manchmal ist diese Jagd ja auch nötig. Aber wir sollten eben nicht vergessen, dass die Säue, nur weil sie das Dorf verlassen haben, noch nicht aus der Welt sind. Wir müssen weiter beobachten, was sie treiben. Je stärker der Druck von außen ist, desto stärker müssten wir innehalten und darüber nachdenken, was wir machen und für wen. Denn viele Journalisten haben ihre eigene Agenda vor Augen, aber machen sich ihre gesellschaftliche Verantwortung zu wenig klar. Wir haben zum Beispiel mit dazu beigetragen, dass die AfD dort ist, wo sie ist, indem wir überproportional über sie berichtet haben – obwohl das zu Beginn weder durch ihre Bedeutung gerechtfertigt war, geschweige denn durch die Inhalte.

          Sie haben an der Universität der Künste in Berlin den Studiengang Kulturjournalismus geleitet und unterrichten dort noch. Was sollen Ihre Schüler zuerst verinnerlichen?

          Wenn du diesen Beruf willst, dann mach ihn richtig: mit Leidenschaft, mit Herzblut, mit Professionalität und Verantwortungsgefühl für diese Gesellschaft – ansonsten lass es.

          Und was bringen die Ihnen bei? Worauf mussten Sie sich neu einstellen?

          Das coole, fast unbeteiligte Auftreten hat zugenommen. Eine Haltung, als könne man Journalismus als einen Job wie jeden anderen betreiben. Gott sei Dank stellt sich meist bis auf wenige Ausnahmen heraus, dass das nur Attitüde ist und dass das Bewusstsein für die Verantwortung, die diese Arbeit mit sich bringt, und die Werte, die sie verlangt, sehr viel stärker ausgeprägt sind, als manche Studierende anfangs vorgeben.

          Dabei kann man doch gar nicht oft genug öffentlich unter Beweis stellen, wie aufgeklärt, sensibel und empathisch man ist.

          Da sprechen Sie aber von Leuten, die deutlich jünger sind. Wenn man mit „Fridays for Future“ zu tun hat, sieht man, die Jugendlichen sind das Gegenteil von cool. Und ehrlich gesagt, mir gefällt es viel besser, wenn so ein junger Mensch mit Begeisterung und Leidenschaft auftritt und etwas will. Wenn er an die Erfüllung einer Utopie glaubt und die Hoffnung hegt, etwas in dieser Welt bewirken zu können. Vielleicht, weil es schlicht besser zu meinem eigenen Temperament passt. Selbst wenn ich so tun würde, man würde mich in null Komma nichts als nicht cool entlarven.

          Was verstehen Sie konkret unter dem journalistischen Ethos?

          Ich bin da altmodisch. Ich verstehe uns als Heldinnen und Helden der Aufklärung. Wir sind der Wahrheit, der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtet. Es geht um Haltung, aber auch darum, sie transparent zu machen. Jeder von uns hat eine Haltung. Damit wäre dann allerdings auch die Illusion von Objektivität als solche entlarvt. Wir müssen klarmachen, von wo wir auf die Welt blicken.

          Haltung ist ein schwieriger Begriff. Oft muss er für Egotrips oder Ressentiments herhalten.

          Das stimmt. Außerdem muss man auch klar zwischen Haltung und Ideologie unterscheiden. Der ideologische Korridor führt zur Verengung des Denkens. Ideologie macht blind, das hat in unserer Arbeit nichts zu suchen. Wir müssen darauf achten, Augen, Verstand und Herz offen zu halten und die Welt so wenig wie möglich durch vorgefasste Meinungen zu filtern. Ein weiterer Unterschied ist, dass eine Haltung immer wieder von neuem überprüft werden muss.

          Gibt es Trends, die Sie zurzeit im Journalismus ausmachen?

          Ich bin eine Gegnerin der zunehmenden Ich-Geschichten, in denen sich der Kosmos nur um den Autor dreht. In solchen Texten geht subjektives Empfinden vor Abwägen objektiver Kriterien. Natürlich färben auch die vielen Selbstdarstellungsformen des Netzes den Ton dieser Texte. Aber diese Art, zu schreiben, gab es bereits in den neunziger Jahren. Das ging mir schon damals gewaltig auf den Keks, auch weil sich da fast nur Jungmänner produziert haben. So viel hat sich daran bis heute nicht geändert, auch wenn heute mehr Frauen beteiligt sind. Selbstverständlich gibt es relevante Ich-Geschichten. Zum Beispiel Betroffenengeschichten. Wenn eine Mutter von ihrem Kind mit Asperger-Syndrom erzählt, macht das Sinn. Aber die meisten Geschichten, in denen Journalisten und Journalistinnen meinen, mir von ihren extrem subjektiven Erfahrungen erzählen zu müssen, interessieren mich einen Dreck.

          Es scheint manchem schwerzufallen, sich beim Schreiben in Erinnerung zu rufen, für wen man das eigentlich macht.

          Das Credo, immer an die Leser und Leserinnen zu denken, wurde im Print ja schon vor dreißig Jahren verkündet. Der Journalismus älterer Prägung war sich häufig selbst genug. Das funktionierte, weil früher in jeden deutschen Haushalt eine Tageszeitung gehörte. Aber auch heute gilt: Es muss eine ausreichende Schnittmenge zwischen dem geben, was die Leser und Leserinnen wollen, und dem, was ich selbst journalistisch vertreten und verantworten kann.

          Was haben Sie sich eigentlich damals dabei gedacht, Journalistin zu werden?

          Das fing bei mir genauso banal an wie bei ganz vielen, nämlich mit dem Wunsch, zu schreiben. Diese Lust hat mich nie verlassen, auch wenn ich auf Umwegen und erst mit Anfang dreißig im Journalismus mein Geld verdient habe. Ich habe zwar im Studium schon journalistisch gearbeitet, bin aber eine klassische Quereinsteigerin ohne journalistische Ausbildung. Als Nachrichtenredakteurin, später Reporterin bei der „taz“ habe ich dann viel über das Stand- und Spielbein des Printjournalismus gelernt. Doch so schön das Schreiben ist: Wenn du merkst, dass die Entscheidungen, was gedruckt wird, von anderen getroffen werden, überlegst du dir schon, ob du nicht vielleicht selbst in dieser Position sein willst.

          Ist die „gläserne Decke“ im Journalismus, also dass zu wenig Frauen in Entscheiderpositionen sind, immer noch stark? Wenn man beobachtet, wie viel Frauenpower vorhanden ist, dann lässt sich so doch keine Personalpolitik betreiben, Herrenclub hin, Quote her.

          Das mag sein, aber es dauert schon viel zu lange. Die Entwicklung, dass es immer mehr hervorragende Frauen im Journalismus gibt, ist seit Jahrzehnten zu beobachten. Trotzdem, wenn ich am 1. April die Chefredaktion der FR verlasse, gibt es noch eine Frau weniger an der Spitze einer Tageszeitung. Selbst in der Regionalzeitungslandschaft finden sich nur eine Handvoll Chef-Kolleginnen. Das ist doch irre. Und zwar nicht deshalb, weil Frauen den besseren Journalismus machen, sondern weil wir aufgrund einer immer noch anderen Sozialisation nicht denselben Blick auf die Welt haben. Das ermöglicht eine andere Analyse, andere Interpretationen und Einschätzungen. Diese Vielfalt ist wichtig im Journalismus. Sie fehlt, wenn Frauen nicht auch in Entscheidungspositionen sitzen. Immerhin hat sich jetzt ein so traditionelles Blatt wie die „Süddeutsche Zeitung“ dazu durchgerungen, mit Judith Wittwer,eine Frau in die Chefredaktion zu berufen. Das ist super. Es ändert sich also etwas.

          Wie sieht die Zukunft der Zeitung aus?

          Seit Ende der Neunziger ist klar, dass sich die Tageszeitung von den digitalen Angeboten unterscheiden muss. Sie muss etwas liefern, was das Digitale nicht liefern kann. Entscheidender ist für mich aber die Frage: Wie retten wir den Journalismus? Einen verantwortungsvollen Journalismus, der seine gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen und ihr gerecht werden kann? Welche Plattform wir dafür nutzen, ist letztlich ein zweitrangiges Problem.

          Was ist die größte Bedrohung für den Journalismus?

          Dass die breite Öffentlichkeit nicht mehr glaubt, dass unser gesellschaftlicher Auftrag relevant ist.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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