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Im Gespräch: Mathias Döpfner : „Springer ist Unrecht widerfahren“

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Es ist zu wenig über die intoleranten Züge von 68 gesprochen worden: mathias Döpfner Bild:

Mathias Döpfner, Chef des Axel-Springer-Verlags, blättert beim Gespräch mit der F.A.S. in den Bild-Zeitungen aus dem Juni 1967 und spricht über Kurras und die Macht der SED, über antiautoritäre Lehrer sowie den Modernisierungsschub der 68er.

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          Mathias Döpfner, Chef des Axel-Springer-Verlags, blättert beim Gespräch mit der F.A.S. in den Bild-Zeitungen aus dem Juni 1967 und spricht über Kurras und die Macht der SED, über antiautoritäre Lehrer und den Modernisierungsschub der 68er.

          Herr Döpfner, wie bewerten Sie heute die Revolte der Studenten in den späten 60ern? War das ein Irrtum, die letzte Zuckung des Totalitarismus? Oder hat sie der deutschen Gesellschaft den fälligen Modernisierungsschub verpasst?

          Beides. Es war ein fälliger Modernisierungsschub, der leider totalitäre Züge getragen hat und der sich in den Mitteln und in der Rhetorik zu wenig zur Freiheit gewendet hat. Die aufklärerischen Wirkungen der Studentenbewegung wurden oft gepriesen, das ist nichts Neues. Ich glaube, über die intoleranten Züge, auch über manipulierte Elemente in der Bewegung, insbesondere über den Einfluss der DDR, der SED und der Stasi, ist bis heute zu wenig geredet worden.

          „Man kann ja auch manchmal mit dem Falschen Erfolg haben”

          Was waren die Zustände, die Ihrer Ansicht nach dringend geändert werden mussten?

          Als jemand, der 1963 geboren ist, fällt es mir naturgemäß schwer, das zu beurteilen. Mit der 68er-Bewegung bin ich als Schüler in den siebziger Jahren in Berührung gekommen. Wir hatten Lehrer, die wir duzen mussten und die uns verboten haben, Hausaufgaben zu machen, die im Geschichtsunterricht immer nur die Französische Revolution durchgenommen haben. Und ansonsten – zu meiner großen Freude – Sexualkunde satt.

          Keine Hausaufgaben machen zu dürfen ist doch auch erst mal nicht suspekt?

          An diesem Lehrertypus zeigten sich symbolhaft Widersprüche und Verlogenheiten der Bewegung. Oft stellte sich heraus, dass die Lehrer, die am antiautoritärsten auftraten, am autoritärsten agierten. Wenn sie sich mit ihren progressiven Pädagogikkonzepten nicht durchsetzen konnten, haben sie blaue Briefe nach Hause geschrieben und schlechte Noten verteilt. Das fanden wir nicht lustig. Da waren uns die lieber, die ein bisschen streng auftraten, aber am Ende hatten wir was gelernt und bekamen eine vernünftige Beurteilung.

          Seltsam, wie die Bewegung heute beurteilt wird: Ihre Protagonisten erklären sie für gescheitert, ihre Gegner bescheinigen ihr das Gelingen. Wo würden Sie sich da positionieren?

          Ja, das ist interessant. Man kann ja auch manchmal mit dem Falschen Erfolg haben. Ich würde schon sagen, dass die Umwertung aller Werte, die man sich vorgenommen hat, in Teilen sehr erfolgreich war. Und der Marsch durch die Institutionen hat funktioniert. Protagonisten der 68er-Bewegung stellten wesentliche Teile der letzten Bundesregierung, sind in den Spitzenpositionen der deutschen Wirtschaft angekommen, in der Wissenschaft, in jedem großen Verlagshaus in Deutschland – so auch bei uns mit Thomas Schmid bei der „Welt“ und Rudolf Knepper im Vorstand. Die Werte der 68er sind sehr stark in den Mainstream der Gesellschaft vorgedrungen, in die tiefbürgerliche, bisweilen spießbürgerliche Denkstruktur, wenn Sie so wollen. Aber meine These ist, dass Deutschland seine Freiheitsfähigkeit noch nicht bewiesen hat. Deutschland hat immer noch ein stark gestörtes Verhältnis zur Freiheit. In diesen Tagen staatshöriger, staatsinterventionistischer, fast planwirtschaftlicher Politik ganz besonders. Insofern ist die 68er-Bewegung für mich als Karriere- und Propagandaprojekt ein großer Erfolg, als Freiheitsbewegung ist sie weitestgehend gescheitert.

          Sind Sie denn mit diesen Werten, die die 68er implementiert haben, einverstanden?

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