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Im Gespräch: Mafia-Rechercheur Saviano : Erst der Mord, dann der Aufschrei

  • Aktualisiert am

Die Mafia ist nicht nur ein ökonomisches System, sagt Roberto Saviano. Sondern eine bestimmte Art zu denken. Nur wer das wisse, könne sie bekämpfen Bild: Getty Images

In seinem Buch „Gomorrha“ hat Roberto Saviano beschrieben, wie die Camorra funktioniert. Nach einem Kinofilm wird daraus nun eine Fernsehserie. Auch sie soll die Mechanik des Bösen aufzeigen.

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          Ihr Buch „Gomorrha“ über die Machenschaften der neapolitanischen Camorra wurde schon fürs Kino verfilmt. Bald wird es eine Fernsehserie geben. Was hat Sie von der Idee überzeugt?

          Die Serie dekliniert das Buch noch einmal ganz neu durch. Als der Vorschlag kam, „Gomorrha“ in dieses Format zu bringen, dachte ich sofort: Das könnte interessant werden. Die zwölf Episoden der Serie vertiefen die Geschichte und können besser nachvollziehbar machen, wie die Camorra funktioniert.

          Wie hat Ihre Mitarbeit ausgesehen?

          Ich habe am Drehbuch mitgeschrieben und allgemein beraten. Das Set habe ich nicht besucht.

          Was waren aus Ihrer Sicht die größten Schwierigkeiten bei diesem Projekt?

          Dass wir zwangsläufig hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, weil sie viel absurder und unvorstellbarer ist als jede Fiktion.

          Sie sprechen von Fiktion. Im Buch beschreiben Sie das ökonomische „System“ der Camorra. Würden Sie Ihr Buch als Reportage oder Roman bezeichnen?

          Mein Buch ist ein nichtfiktionaler Roman: eine journalistische Recherche, aufgeschrieben im Stil eines Romans.

          Matteo Garrones preisgekrönte Kinoversion von „Gomorrha“ wurde für ihren schonungslosen Realismus gelobt. Wird die Serie einen anderen Weg einschlagen?

          Der Film hatte einen neorealistischen Ansatz. Die Serie wollte zunächst größtmögliche Wirklichkeitsnähe herstellen. Daraus hat sich dann aber eine Handlung eigenen Rechts entwickelt. Sie bewegt sich aus dem Buch heraus und wird dadurch zu etwas Neuem, Eigenständigem.

          Die Figuren des Kinofilms waren den Lesern Ihres Buchs vertraut. Der Protagonist der Serie hingegen ist neu. Er heißt Ciro, hat eine Frau und eine kleine Tochter. Wie wahrhaftig bleibt „Gomorrha“, wenn die Geschichte fiktionalisiert wird?

          Die journalistische Recherche entwickelt sich tatsächlich schrittweise zu einer fiktionalen Story, wenn es darum geht, die Mechanismen hinter den Verbrechen der Camorra aufzuzeigen. Dem Bösen ein Gesicht zu geben ist fundamental. Aber es ist auch notwendig aufzuzeigen, wie das Böse agiert, welcher wiedererkennbaren Mechanik es folgt. Da ist die Fiktion eine Möglichkeit, die Realität zu erzählen. Die Mechanik der Handlung wird von der Fiktion nie angetastet, als Grundlage für Dialoge dienen abgehörte Telefongespräche, aber die Fiktionalisierung beginnt mit den Namen der Figuren und Familien.

          Vor einigen Tagen hat ein italienisches Berufungsgericht Ihren früheren Verlag zu hohen Entschädigungszahlen verurteilt. Sie sollen in „Gomorrha“ Artikel aus der Lokalpresse plagiiert haben.

          Das kam für mich völlig überraschend, denn in erster Instanz haben die Richter mir recht gegeben. Zu den Zeitungen, die mich anklagen, muss Folgendes gesagt werden: Diese Zeitungen hatten einen Schattenherausgeber, Maurizio Clemente. Die Gerichte haben Clemente zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil er seine Zeitungen für Erpressungen benutzte. Nach dem barbarischen Mord der Camorra an dem Anti-Mafia-Priester Peppe Diana haben diese Zeitungen auch nicht gezögert zu schreiben: „Don Peppino war ein Camorrista.“ Das war eine ihrer Überschriften. Ich habe ein Buch über diese „kulturelle Nähe“ zur Mafia geschrieben. Deshalb habe ich nicht aus diesen Zeitungen, die ich immer bekämpft habe, kopiert. Ich habe aus Ermittlungsunterlagen zitiert, sie waren damals meine wahre Quelle. Ein Großteil der strittigen Passagen bezieht sich auf einen Artikel, den ich komplett wiedergegeben habe, aber mit dem Hinweis, er stamme aus einer Lokalzeitung. Das habe ich getan, um die doppelbödige Haltung dieser Zeitungen aufzuzeigen. Der Prozess ist aber noch nicht zu Ende, und ich bin sicher, dass zum Schluss wieder das Urteil aus erster Instanz stehen wird. Ich habe großes Vertrauen in unsere Justizbehörden. Ich mache mir keine Sorgen.

          Eine Fernsehserie will unterhalten. „Gomorrha“ erzählt von Mord und Gewalt, Drogenhandel, korrupter Müllwirtschaft und einer unterwanderten Haute-Couture-Industrie, vor allem aber von einem Leben ohne Perspektive und Würde. Geht das zwölf Stunden lang gut - so lang dauert die Serie?

          Wenn die Serie darauf setzt, Zusammenhänge zu zeigen, dann schon. Sie braucht natürlich auch einen Spannungsbogen, der weit trägt.

          Wie gefällt Ihnen die amerikanische Serie „The Sopranos“?

          Das ist ein Meisterwerk. So minutiös beschrieben, wie banal, wie trostlos und elend die Welt des organisierten Verbrechens ist, hat vorher keiner.

          Vor drei Jahren hatten Sie eine eigene Sendung im Fernsehen: „Vieni via con me“ (Komm fort mit mir) thematisierte die Verstrickung von Politik, Wirtschaft und organisierter Kriminalität. Für den Sendeplatz mussten Sie hart kämpfen, die Einschaltquoten waren überraschend gut. Wie wird heute in Italien über die Mafia diskutiert?

          Das organisierte Verbrechen ist immer nur dann ein Thema, wenn es Tote gibt. Erst wenn Menschen ermordet werden - vor allem Unschuldige oder Leute, die versehentlich getötet wurden -, gibt es einen öffentlichen Aufschrei. Dabei sind die Morde vielleicht in Gegenden geschehen, die sich seit Jahren in einer Art Kriegszustand befinden. Nur schaut keiner mehr hin. Alle öffentliche Aufmerksamkeit wird von dieser ewigen Regierungskrise absorbiert, von Silvio Berlusconi und einer politischen Pantomime, die einfach nur abschreckend wäre, wenn es nicht um die Zukunft von Millionen Menschen ginge. Gleichzeitig wird völlig ignoriert, wie Kapital aus der organisierten Kriminalität in die legale Wirtschaft fließt. Zum Beispiel, als die Banken in der Wirtschaftskrise ihre Kreditlinien für Unternehmen kürzten. Das alles wird kaum diskutiert. Aber die Menschen haben ein Bedürfnis zu verstehen, was geschieht. Und auf dieses Bedürfnis setzte die Serie.

          Was hat sich verändert, seit Sie 2006 „Gomorrha“ geschrieben haben?

          Das Bewusstsein, nicht nur im Süden, auch im Norden des Landes. Die Medien widmen den Prozessen gegen die Camorra mehr Aufmerksamkeit. Es hat viele Festnahmen gegeben. Aber die Mafia ist ein Netz, ihre Verzweigungen reichen tief in unsere Wirtschaft hinein. Und sie ist wie eine Hydra, der immer neue Köpfe wachsen.

          Seit der Veröffentlichung Ihres Buchs hat sich Ihr Leben völlig verändert. Die Camorra bedrohte Sie mit dem Tod. Sie stehen unter Polizeischutz, alle zwei Tage wechseln Sie den Aufenthaltsort. Wie leben und arbeiten Sie heute?

          Ich versuche, mich nicht einzuschließen, nicht stehenzubleiben. Wenn ich das täte, würde das Leben unerträglich werden. Ich arbeite, schreibe, recherchiere, ich lese viel. Ich veröffentliche Bücher und treffe mich mit meinen Lektoren. So halte ich stand.

          Stehen Sie noch in Kontakt mit Salman Rushdie?

          Ständig. Als er sein jüngstes Buch in Italien vorgestellt hat, war ich sehr glücklich darüber, neben ihm zu stehen. Rushdie ist ein Mann, der sich seine innere Freiheit immer bewahrt hat. Ich kann viel von ihm lernen.

          Wenn Sie gewusst hätten, was auf Sie zukommen würde, hätten Sie „Gomorrha“ geschrieben?

          Wenn ich noch einmal umkehren könnte: Ich würde es nicht mehr tun. Ich hatte keine Vorstellung von den Folgen. Das Buch hat mir zu viel Einsamkeit gebracht und den Menschen, die mir nahestehen, zu viel Leid. Ich würde es nicht noch einmal schreiben.

          Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

          Ich hoffe, eines Tages wieder ein freier Mann zu sein. Ohne diese Perspektive könnte ich überhaupt nicht existieren. In Neapel läuft ein Prozess, in dem - und ich hoffe, ich gebe mich keinen falschen Hoffnungen hin - die Bosse verurteilt werden könnten, die mich bedroht haben.

          Wie kann die Mafia besiegt werden?

          Man muss begreifen, dass die Mafia nicht nur ein ökonomisches System ist, sondern eine bestimmte Art zu denken und zu handeln. Dann hat man eine Chance.

          Mit Mafia-Folklore hat das nichts zu tun.

          Trotzdem gibt es noch diese folkloristische Erzählung von der Mafia. Weil es leichter ist, das Stereotyp des Camorrista mit Schiebermütze und Flinte zu bedienen, statt zu analysieren, wie das organisierte Verbrechen wirtschaftet. Weil es einfacher ist, als die wahre Mafia an Orten zu suchen, an denen man sie vielleicht nicht vermuten würde. Aber die Zeit der Stereotype geht zu Ende.

          Was sollten die Deutschen über die Camorra wissen?

          Dass Deutschland - ein Land, in dem wenig geschossen wird und in dem die Wachsamkeit geringer ist - von der Camorra zunehmend als Gebiet wahrgenommen wird, das sie erobern kann. Die Morde der ’Ndrangheta in Duisburg waren ihr eine Lehre: Man kann hier Geschäfte machen. Solange es kein Blutvergießen gibt.

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          Roberto Saviano und „Gomorrha“

          Für sein Buch „Gomorrha“ hat der italienische Journalist und Schriftsteller Roberto Saviano jahrelang verdeckt recherchiert, unter anderem als Arbeiter im Hafen von Neapel. Seine „journalistische Recherche im Stil eines Romans“, wie er „Gomorrha“ nennt, handelt von der organisierten Wirtschaftskriminalität der Camorra. Als das Buch 2006 erschien, erregte es weltweit Aufmerksamkeit. Denn Saviano deckte das „System“ hinter den Machenschaften der neapolitanischen Mafia auf, und er nannte Namen. Sein Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit dem Premio Viareggio, dem prestigeträchtigsten italienischen Literaturpreis, geehrt.

          Für seinen Verfasser markierte „Gomorrha“ dagegen in erster Linie das Ende seines bisherigen normalen Lebens. Er erhielt Morddrohungen von Paten der Camorra. Seit sieben Jahren lebt der 1979 in Neapel geborene Saviano unter ständigem Polizeischutz an wechselnden Aufenthaltsorten. Er schreibt unter anderem für die italienische Zeitschrift „L’Espresso“ und den „Corriere della Sera“ und hat vier weitere Bücher über das organisierte Verbrechen veröffentlicht, zuletzt „Zero Zero Zero“, eine Recherche auf den Spuren des Kokainhandels.

          2008 wurde „Gomorrha“ unter der Regie von Matteo Garrone verfilmt. Der Kinofilm gewann unter anderem den Großen Preis der Jury in Cannes, den italienischen Filmpreis David di Donatello und den Europäischen Filmpreis. Kritiker lobten ihn als den realistischsten und schonungslosesten Mafiafilm, der jemals gedreht wurde.

          Zurzeit produziert die deutsche Beta-Film die Fernsehserie „Gomorrha“ mit zwölf Episoden zu je einer Stunde. Regie führt Stefano Sollima. Die Sets werden denen der Kinofassung ähneln, im Zentrum der Serie aber stehen neue Charaktere. Sie wird 2014 auf Sky Deutschland laufen. (eer.)

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