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Im Gespräch: Mafia-Rechercheur Saviano : Erst der Mord, dann der Aufschrei

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Das ist ein Meisterwerk. So minutiös beschrieben, wie banal, wie trostlos und elend die Welt des organisierten Verbrechens ist, hat vorher keiner.

Vor drei Jahren hatten Sie eine eigene Sendung im Fernsehen: „Vieni via con me“ (Komm fort mit mir) thematisierte die Verstrickung von Politik, Wirtschaft und organisierter Kriminalität. Für den Sendeplatz mussten Sie hart kämpfen, die Einschaltquoten waren überraschend gut. Wie wird heute in Italien über die Mafia diskutiert?

Das organisierte Verbrechen ist immer nur dann ein Thema, wenn es Tote gibt. Erst wenn Menschen ermordet werden - vor allem Unschuldige oder Leute, die versehentlich getötet wurden -, gibt es einen öffentlichen Aufschrei. Dabei sind die Morde vielleicht in Gegenden geschehen, die sich seit Jahren in einer Art Kriegszustand befinden. Nur schaut keiner mehr hin. Alle öffentliche Aufmerksamkeit wird von dieser ewigen Regierungskrise absorbiert, von Silvio Berlusconi und einer politischen Pantomime, die einfach nur abschreckend wäre, wenn es nicht um die Zukunft von Millionen Menschen ginge. Gleichzeitig wird völlig ignoriert, wie Kapital aus der organisierten Kriminalität in die legale Wirtschaft fließt. Zum Beispiel, als die Banken in der Wirtschaftskrise ihre Kreditlinien für Unternehmen kürzten. Das alles wird kaum diskutiert. Aber die Menschen haben ein Bedürfnis zu verstehen, was geschieht. Und auf dieses Bedürfnis setzte die Serie.

Was hat sich verändert, seit Sie 2006 „Gomorrha“ geschrieben haben?

Das Bewusstsein, nicht nur im Süden, auch im Norden des Landes. Die Medien widmen den Prozessen gegen die Camorra mehr Aufmerksamkeit. Es hat viele Festnahmen gegeben. Aber die Mafia ist ein Netz, ihre Verzweigungen reichen tief in unsere Wirtschaft hinein. Und sie ist wie eine Hydra, der immer neue Köpfe wachsen.

Seit der Veröffentlichung Ihres Buchs hat sich Ihr Leben völlig verändert. Die Camorra bedrohte Sie mit dem Tod. Sie stehen unter Polizeischutz, alle zwei Tage wechseln Sie den Aufenthaltsort. Wie leben und arbeiten Sie heute?

Ich versuche, mich nicht einzuschließen, nicht stehenzubleiben. Wenn ich das täte, würde das Leben unerträglich werden. Ich arbeite, schreibe, recherchiere, ich lese viel. Ich veröffentliche Bücher und treffe mich mit meinen Lektoren. So halte ich stand.

Stehen Sie noch in Kontakt mit Salman Rushdie?

Ständig. Als er sein jüngstes Buch in Italien vorgestellt hat, war ich sehr glücklich darüber, neben ihm zu stehen. Rushdie ist ein Mann, der sich seine innere Freiheit immer bewahrt hat. Ich kann viel von ihm lernen.

Wenn Sie gewusst hätten, was auf Sie zukommen würde, hätten Sie „Gomorrha“ geschrieben?

Wenn ich noch einmal umkehren könnte: Ich würde es nicht mehr tun. Ich hatte keine Vorstellung von den Folgen. Das Buch hat mir zu viel Einsamkeit gebracht und den Menschen, die mir nahestehen, zu viel Leid. Ich würde es nicht noch einmal schreiben.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich hoffe, eines Tages wieder ein freier Mann zu sein. Ohne diese Perspektive könnte ich überhaupt nicht existieren. In Neapel läuft ein Prozess, in dem - und ich hoffe, ich gebe mich keinen falschen Hoffnungen hin - die Bosse verurteilt werden könnten, die mich bedroht haben.

Wie kann die Mafia besiegt werden?

Man muss begreifen, dass die Mafia nicht nur ein ökonomisches System ist, sondern eine bestimmte Art zu denken und zu handeln. Dann hat man eine Chance.

Mit Mafia-Folklore hat das nichts zu tun.

Trotzdem gibt es noch diese folkloristische Erzählung von der Mafia. Weil es leichter ist, das Stereotyp des Camorrista mit Schiebermütze und Flinte zu bedienen, statt zu analysieren, wie das organisierte Verbrechen wirtschaftet. Weil es einfacher ist, als die wahre Mafia an Orten zu suchen, an denen man sie vielleicht nicht vermuten würde. Aber die Zeit der Stereotype geht zu Ende.

Was sollten die Deutschen über die Camorra wissen?

Dass Deutschland - ein Land, in dem wenig geschossen wird und in dem die Wachsamkeit geringer ist - von der Camorra zunehmend als Gebiet wahrgenommen wird, das sie erobern kann. Die Morde der ’Ndrangheta in Duisburg waren ihr eine Lehre: Man kann hier Geschäfte machen. Solange es kein Blutvergießen gibt.

Zwei Verfolgte: Saviano wird von der Mafia bedroht, gegen Rushdie sprach Ajatollah Khomeini eine Fatwa aus

Roberto Saviano und „Gomorrha“

Für sein Buch „Gomorrha“ hat der italienische Journalist und Schriftsteller Roberto Saviano jahrelang verdeckt recherchiert, unter anderem als Arbeiter im Hafen von Neapel. Seine „journalistische Recherche im Stil eines Romans“, wie er „Gomorrha“ nennt, handelt von der organisierten Wirtschaftskriminalität der Camorra. Als das Buch 2006 erschien, erregte es weltweit Aufmerksamkeit. Denn Saviano deckte das „System“ hinter den Machenschaften der neapolitanischen Mafia auf, und er nannte Namen. Sein Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit dem Premio Viareggio, dem prestigeträchtigsten italienischen Literaturpreis, geehrt.

Für seinen Verfasser markierte „Gomorrha“ dagegen in erster Linie das Ende seines bisherigen normalen Lebens. Er erhielt Morddrohungen von Paten der Camorra. Seit sieben Jahren lebt der 1979 in Neapel geborene Saviano unter ständigem Polizeischutz an wechselnden Aufenthaltsorten. Er schreibt unter anderem für die italienische Zeitschrift „L’Espresso“ und den „Corriere della Sera“ und hat vier weitere Bücher über das organisierte Verbrechen veröffentlicht, zuletzt „Zero Zero Zero“, eine Recherche auf den Spuren des Kokainhandels.

2008 wurde „Gomorrha“ unter der Regie von Matteo Garrone verfilmt. Der Kinofilm gewann unter anderem den Großen Preis der Jury in Cannes, den italienischen Filmpreis David di Donatello und den Europäischen Filmpreis. Kritiker lobten ihn als den realistischsten und schonungslosesten Mafiafilm, der jemals gedreht wurde.

Zurzeit produziert die deutsche Beta-Film die Fernsehserie „Gomorrha“ mit zwölf Episoden zu je einer Stunde. Regie führt Stefano Sollima. Die Sets werden denen der Kinofassung ähneln, im Zentrum der Serie aber stehen neue Charaktere. Sie wird 2014 auf Sky Deutschland laufen. (eer.)

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