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Im Gespräch: Katharina Thalbach : Wir im Osten hatten mehr Sex und mehr zu lachen

  • Aktualisiert am

„Denken macht Spaß!”: Katharina Thalbach Bild: ddp

Katharina Thalbach kennt die DDR und die Bundesrepublik, stand dort und hier auf der Bühne wie vor der Kamera. Und ärgert sich über schlechte Witze, arrogante Kapitalisten und gesamtdeutschen Kleinmut.

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          Katharina Thalbach kennt die DDR und die Bundesrepublik, stand dort und hier auf der Bühne wie vor der Kamera. Und ärgert sich über schlechte Witze, arrogante Kapitalisten und gesamtdeutschen Kleinmut.

          Frau Thalbach, Sie haben mehr als zwanzig Jahre in Ostdeutschland, mehr als dreißig Jahre in Westdeutschland verbracht. Wo sind Sie daheim?

          In mir.

          Als Elisabeth I. in „Maria Stuart” in Potsdam (mit Robert Dudley)
          Als Elisabeth I. in „Maria Stuart” in Potsdam (mit Robert Dudley) : Bild: dpa

          Wie setzen Sie das zusammen?

          Aus einem Nachkriegsberlin fast à la Zille, aus einer sehr intensiven Mauerzeit samt einer Aufbruchsphase in der DDR, dann aus einer Emigrationszeit in West-Berlin, das irgendwann mein Zuhause wurde. Und natürlich aus dem neuen, vereinigten Berlin, das ich als ein totales eklektizistisches Konglomerat in jeder Beziehung wahrnehme und liebe.

          Gibt es heutzutage noch einen Unterschied zwischen Ost und West?

          Ich denke schon, so schnell kann die Teilung nicht überwunden werden. Sie beschäftigt mich derzeit freilich nicht sehr, muss ich zugeben. Doch ich erinnere mich gut daran, dass die Westdeutschen weder vor noch nach der Maueröffnung besonders neugierig auf die DDR waren, die hatten immer nur ihre vorgefassten Urteile und Klischees im Kopf. Als ich in den Westen kam, war ich schockiert, wie wenig die ganz normalen Leute – das war keine Klassen- und keine Altersfrage – von uns wussten und wissen wollten. Das hat sich, finde ich, bis dato kaum geändert.

          Sie verließen die DDR 1976 nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann zusammen mit Ihrem Lebensgefährten, dem Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch. Haben Sie die DDR in der Zeit bis zur Maueröffnung besuchen können?

          Mehrere Jahre lang durften wir beide nicht rüber. Dann haben wir an Erich Honecker geschrieben und darum gebeten, wieder einmal einreisen zu dürfen, genau wie es allen möglichen anderen Leuten, ob Jurek Becker, Angelica Domröse oder Hilmar Thate, auch erlaubt wurde. Als Antwort erhielten wir neue Pässe, gültig für drei Jahre, die Staatsbürgerschaft war uns ja nie aberkannt worden. So bin ich ungefähr 1985 aus West-Berlin nach Ost-Berlin gefahren. Aber ich gehörte nicht mehr dazu. Und die meisten alten Freunde waren inzwischen wie wir im Westen. Unsere Sehnsucht war ohnedies ziemlich geschrumpft, weil wir so lange hatten wegbleiben müssen. Da gab es einen ganz klaren Schlussstrich.

          Obwohl Sie nicht die besten Erfahrungen gemacht hatten, sagten Sie im Sommer, wie froh Sie wären, beim Experiment DDR dabei gewesen zu sein?

          Uff! Ich dachte, das Sommerloch ist vorbei und Barack Obama hat gewonnen. Zu diesem Satz stehe ich jedoch, bis ich sterbe. Ich kann wirklich nicht begreifen, warum sich die Leute darüber so aufregen. Dass in der DDR viel Scheiße passiert ist, muss man wohl nicht betonen, ich habe sie schließlich nicht ohne Grund verlassen. Ich war nie in der Partei, ich habe heftig mit diesem Land gehadert – und trotzdem bin ich froh, dass ich meine ersten zweiundzwanzig Jahre dort verbringen konnte. Denn ich habe unglaublich viel gelernt und wahrscheinlich an einer Utopie schnuppern können. Natürlich hatte ich Glück mit den Künstlerkreisen um das Berliner Ensemble herum, in denen ich aufgewachsen bin. Da habe ich – mit allen Schwierigkeiten – hautnah mitgekriegt, wie wichtig Kunst sein kann. Wir hatten eben kurzzeitig die Illusion, die Kunst als gesellschaftliches Gebilde könne etwas bewirken. In gewisser Weise war das für die Linken im Westen ebenso, aber die Machthaber hat das kein bisschen interessiert. Die Regierung in der DDR allerdings hat sich tatsächlich über das aufgeregt, was auf manchen Bühnen los war.

          Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie Thomas Brasch mit sechzehn Jahren nicht kennengelernt hätten und in der DDR geblieben wären?

          Brasch nicht kennengelernt zu haben, wäre die Tragödie meines Lebens gewesen. Er war meine große Liebe, mein Schicksal. Ich will gar nicht daran denken, dass ich ihm nicht begegnet wäre.

          Sie haben im Film und auf der Bühne eine Vorliebe für Komödie und die leichte Muse überhaupt. Trotzdem spielen Sie gerade die Rolle der Elisabeth I. in Schillers „Maria Stuart“ am Theater in Potsdam?

          Ja, doch selbst da finde ich komische Seiten. Ich orientiere mich gern an Peter Ustinov, der, ohne sich um irgendwelche Schubladen zu kümmern, nie zwischen E- und U-Kultur unterschieden hatte. Ich kann Kunst und Unterhaltung auch nicht voneinander trennen und habe davor nicht Angst.

          Ist das noch die gute, alte Bertolt-Brecht-Schule, in der die Sinnlichkeit des Denkens gelehrt wurde?

          Ich hoffe! Den Begriff Sinnlichkeit des Denkens mag ich besonders. Denken macht Spaß! Alles, was ernst ist, hat nämlich komische Ecken, und umgekehrt: Das Komische ist oft verdammt ernst. Das wussten schon Brecht, Heine und vor allem Shakespeare. Die unterhalten bestens und – drei Groschen! – sehr billig, aber nicht dämlich.

          Könnten böse Westler sagen, dass es in der DDR trotzdem nicht so viel zu lachen gab?

          Sicher, wenn man nur die Stasi und die Mauer sah. Ansonsten stimmt das nicht, bei uns gab es richtig viel zu lachen, wir hatten wahrscheinlich mehr und bessere Witze als die Westdeutschen. Wir hatten mehr Sex, und wir hatten mehr zu lachen – es gab einfach nicht so viele Ablenkungen!

          Warum ist Elisabeth I. Ihre liebste historische Figur?

          Weil sie eine grandiose Frau in einer überaus spannenden Zeit voller Umschwünge war, in der das Bürgertum eine revolutionäre Klasse darstellte und diese wilden Weiber – auch Katharina von Medici, Maria Stuart, die allerdings politisch unfähig war, oder Jeanne d’Albret, die Mutter von Henri IV. – plötzlich erhebliche Macht ausübten. Elisabeth I. hat das Hausfrauendenken und ihre Weiblichkeit auf eine praktische, uneitle Art in die Regierungsform hineingebracht und produktiv mit einem Stab – aktuell würde man es Kompetenzteam nennen – zusammengearbeitet. Die Frechheit, mit der sie sich etwa die Dienste von Piraten gesichert hat, um spanische Schiffe auszurauben, und dann Francis Drake noch zum Ritter schlug, gefällt mir. Welches Zeitalter ist, bitte schön, nach einem Richard oder Edward benannt? Stattdessen gibt es das elisabethanische und das viktorianische Zeitalter. Dass Elisabeth natürlich außerdem ein Ekelpaket war, versteht sich von selbst, das bleibt nicht aus, wenn man an der Macht ist. Nun in Potsdam habe ich mir ausbedungen, dass ich, obwohl es eine moderne Inszenierung ist, zumindest einmal rote Haare haben und ein langes Kleid tragen kann, um mich ihr äußerlich ein bisschen anzunähern.

          Schwingen da tatsächlich royalistische Untertöne mit?

          Monarchie – am besten mit einer Königin – ist gar keine so schlechte Staatsform, finde ich, weil sie nicht so verlogen wie unsere sogenannte Demokratie ist. Zum Beispiel wird uns von oben der Kapitalismus trotz der aktuellen, grauenhaften Wirtschaftskrise immer noch als die beste aller Gesellschaftssysteme angepriesen – und jeder unten könnte sehen, dass es falsch ist, und tut trotzdem nichts dagegen. Früher ist man wegen viel geringerer Anlässe auf die Straße gegangen, jetzt tut sich gar nichts – wahrscheinlich weil man die Leute systematisch vereinzelt und verblödet hat. Alle sind beherrscht von Angst, Dummheit und Kleinmut – auch ich.

          Haben Sie denn in den letzten Wochen Geld oder Aktienwerte verloren?

          Aber nein, ich habe den Banken noch nie vertraut. Dort sind für mich grundsätzlich nur Verbrecher am Werk. So viel weiß ich schon noch aus dem DDR-Philosophieunterricht: Geld ist eine Verkehrsform. Oder von Brecht: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Mich regt die aktuelle Finanzkatastrophe samt dem staatlichen Bürgschaftswahnsinn schrecklich auf. Wieso sollen wir für diese Pleiten geradestehen? Würde ich so mies arbeiten wie die verantwortlichen Banker und Topmanager, könnte ich keinen Cent verdienen. In der Französischen Revolution wurden solche Ganoven an die Laternen gehängt. Vielleicht sollte man sie heute weiterleben lassen – und zwar unter Hartz-IV-Bedingungen.

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