https://www.faz.net/-gqz-10z9k

Im Gespräch: Katharina Thalbach : Wir im Osten hatten mehr Sex und mehr zu lachen

  • Aktualisiert am

Ja, doch selbst da finde ich komische Seiten. Ich orientiere mich gern an Peter Ustinov, der, ohne sich um irgendwelche Schubladen zu kümmern, nie zwischen E- und U-Kultur unterschieden hatte. Ich kann Kunst und Unterhaltung auch nicht voneinander trennen und habe davor nicht Angst.

Ist das noch die gute, alte Bertolt-Brecht-Schule, in der die Sinnlichkeit des Denkens gelehrt wurde?

Ich hoffe! Den Begriff Sinnlichkeit des Denkens mag ich besonders. Denken macht Spaß! Alles, was ernst ist, hat nämlich komische Ecken, und umgekehrt: Das Komische ist oft verdammt ernst. Das wussten schon Brecht, Heine und vor allem Shakespeare. Die unterhalten bestens und – drei Groschen! – sehr billig, aber nicht dämlich.

Könnten böse Westler sagen, dass es in der DDR trotzdem nicht so viel zu lachen gab?

Sicher, wenn man nur die Stasi und die Mauer sah. Ansonsten stimmt das nicht, bei uns gab es richtig viel zu lachen, wir hatten wahrscheinlich mehr und bessere Witze als die Westdeutschen. Wir hatten mehr Sex, und wir hatten mehr zu lachen – es gab einfach nicht so viele Ablenkungen!

Warum ist Elisabeth I. Ihre liebste historische Figur?

Weil sie eine grandiose Frau in einer überaus spannenden Zeit voller Umschwünge war, in der das Bürgertum eine revolutionäre Klasse darstellte und diese wilden Weiber – auch Katharina von Medici, Maria Stuart, die allerdings politisch unfähig war, oder Jeanne d’Albret, die Mutter von Henri IV. – plötzlich erhebliche Macht ausübten. Elisabeth I. hat das Hausfrauendenken und ihre Weiblichkeit auf eine praktische, uneitle Art in die Regierungsform hineingebracht und produktiv mit einem Stab – aktuell würde man es Kompetenzteam nennen – zusammengearbeitet. Die Frechheit, mit der sie sich etwa die Dienste von Piraten gesichert hat, um spanische Schiffe auszurauben, und dann Francis Drake noch zum Ritter schlug, gefällt mir. Welches Zeitalter ist, bitte schön, nach einem Richard oder Edward benannt? Stattdessen gibt es das elisabethanische und das viktorianische Zeitalter. Dass Elisabeth natürlich außerdem ein Ekelpaket war, versteht sich von selbst, das bleibt nicht aus, wenn man an der Macht ist. Nun in Potsdam habe ich mir ausbedungen, dass ich, obwohl es eine moderne Inszenierung ist, zumindest einmal rote Haare haben und ein langes Kleid tragen kann, um mich ihr äußerlich ein bisschen anzunähern.

Schwingen da tatsächlich royalistische Untertöne mit?

Monarchie – am besten mit einer Königin – ist gar keine so schlechte Staatsform, finde ich, weil sie nicht so verlogen wie unsere sogenannte Demokratie ist. Zum Beispiel wird uns von oben der Kapitalismus trotz der aktuellen, grauenhaften Wirtschaftskrise immer noch als die beste aller Gesellschaftssysteme angepriesen – und jeder unten könnte sehen, dass es falsch ist, und tut trotzdem nichts dagegen. Früher ist man wegen viel geringerer Anlässe auf die Straße gegangen, jetzt tut sich gar nichts – wahrscheinlich weil man die Leute systematisch vereinzelt und verblödet hat. Alle sind beherrscht von Angst, Dummheit und Kleinmut – auch ich.

Haben Sie denn in den letzten Wochen Geld oder Aktienwerte verloren?

Aber nein, ich habe den Banken noch nie vertraut. Dort sind für mich grundsätzlich nur Verbrecher am Werk. So viel weiß ich schon noch aus dem DDR-Philosophieunterricht: Geld ist eine Verkehrsform. Oder von Brecht: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Mich regt die aktuelle Finanzkatastrophe samt dem staatlichen Bürgschaftswahnsinn schrecklich auf. Wieso sollen wir für diese Pleiten geradestehen? Würde ich so mies arbeiten wie die verantwortlichen Banker und Topmanager, könnte ich keinen Cent verdienen. In der Französischen Revolution wurden solche Ganoven an die Laternen gehängt. Vielleicht sollte man sie heute weiterleben lassen – und zwar unter Hartz-IV-Bedingungen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Trump und Biden am Dienstag bei der ersten Fernsehdebatte.

Präsidentenwahlkampf : Trump und die „Proud Boys“

Donald Trump hatte gehofft, die erste Fernsehdebatte werde die Wende im Präsidentenwahlkampf bringen. Doch sein Auftreten hat das Gegenteil bewirkt – ebenso wie seine Äußerungen zu den „Proud Boys“.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.