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Im Gespräch: Christian Ulmen aka Uwe Wöllner : In Uwe hat die Aufklärung ihr Ende

  • Aktualisiert am

Nicht ohne seinen Coach: Christian Ulmen als Nerd Uwe Wöllner Bild: Julia Zimmermann

Vor einem knappen Jahr ist der Schauspieler Christian Ulmen ins Internet umgezogen. In Videos lässt er seitdem auf „ulmen.tv“ seine Witzfiguren auf die Welt los, bis niemand mehr so richtig weiß, wo die Fiktion aufhört und die Wirklichkeit beginnt. Ein Gespräch am Rande der Realität.

          Vor einem knappen Jahr ist der Schauspieler Christian Ulmen ins Internet umgezogen, mit drei der Sonderlinge aus seiner Pro-Sieben-Serie „Mein neuer Freund“. In kurzen Videos lässt er seitdem auf „ulmen.tv“ seine Witzfiguren auf die Welt los, bis niemand mehr so richtig weiß, wo die Fiktion aufhört und die Wirklichkeit beginnt, und wen das in diesen Tagen ein wenig an die Methode Sascha Baron Cohens erinnert, an „Borat“ oder „Brüno“, der liegt sicher nicht ganz falsch. Am weitesten treibt Ulmen das Spiel derzeit mit Uwe Wöllner, dem unbeholfenen Muttersöhnchen, das nicht so recht in der Gesellschaft ankommen will. Ihm steht seit einiger Zeit der Fernsehredakteur Gero Schorch zur Seite, der versucht, aus Wöllners Schicksal eine Dokumentation zu machen – oder auch nur Geld. Dass nun, zum Interview anlässlich Wöllners soeben erschienener Autobiographie, nicht Ulmen, sondern gleich seine Figuren kamen, das ist nur konsequent.

          Herr Wöllner, die meisten kannten Sie bisher nur aus Ihren Filmen im Internet. Jetzt haben Sie auch eine Autobiographie geschrieben.

          Wöllner: Ja, also mit Hilfe von Herrn Schorch, also erst wollte ich sie alleine schreiben. Aber Herr Schorch hat gesagt, Bücher müssen immer kompliziert sein.

          Die entscheidenen Anstöße geben: Jörg Diernberger als „Coach” Gero Schorch

          Schorch: Das ist für den Uwe Wöllner eben nicht so ganz leicht zu verstehen, dass Dinge sehr kompliziert sind. Mit dem Verlag und dem Vertrag alles klarzumachen. Im Endeffekt ist der Verlag aber, glaube ich, sehr glücklich über das Ergebnis, und wir hoffen auch, dass dieses Buch verfilmt wird.

          Wöllner: Cool. Wirklich? Ich fände cool, wenn Bushido mich spielt.

          Herr Schorch, Sie begleiten Uwe Wöllner nun seit eineinhalb Jahren mit der Kamera. Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

          Schorch: Ich hatte über einen Kindergarten recherchiert, der mit behinderten Kindern arbeitet. Da stand Uwe Wöllner am Gartenzaun. Er war sehr wissbegierig mit den Kameras, und da hab’ ich mir gedacht, er wäre ein guter Protagonist für eine Dokumentation. Ich hab’ ihn damals noch als völlige Borderline-Persönlichkeit eingeschätzt, weiß aber inzwischen, dass er ein spezieller Fall ist.

          Wollten Sie Uwe helfen? Oder einfach nur eine interessante Dokumentation machen?

          Schorch: Also ehrlich gesagt, war meine Karriere ziemlich am Ende, als ich den Herrn Wöllner getroffen habe. Ich wollte diesen Film machen über behinderte Kinder, weil ich eben weiß, dass alles Abnorme, alles Ungewöhnliche, im Fernsehen eben sehr gut funktioniert – weil es ein Hingucker ist.

          Würden Sie sagen, dass Sie zynisch waren, oder waren Sie ganz voller Freude an Uwe und seinen Erlebnissen?

          Wöllner: Was heißt zynisch?

          Na ja, dass er eigentlich was anderes meint, als er da tut. Dass er Sie vorführen will als sonderbare Figur oder so.

          Wöllner: Ja, wenn ich jetzt irgendwie sonderbar wäre, wenn ich jetzt ein krasser Typ wäre, so einer wie der Typ, der „Deutschland sucht den Superstar“ gewonnen hat, der immer dann im „Fernsehgarten“ steht. Das ist voll der Affe, ne? Da denk’ ich immer, das ist ja voll fies, wie die den immer vorführen. Aber so was macht der Herr Schorch ja nicht. Herr Schorch sagt immer, „es geht um die Bilder, mir geht es um die Bilder, ich brauch’ die Bilder“.

          Schorch: Meine Haltung zum Objekt ist eigentlich auch nicht wichtig. Solange das funktioniert, was wir vor der Kamera zeigen, so lange ist das völlig in Ordnung. Den Vorwurf des Zynischen kann ich nicht nachvollziehen.

          Herr Wöllner, was hat Herr Schorch Ihnen denn versprochen?

          Wöllner: Also Herr Schorch hat mir gesagt, dass er mich von der Straße wegholen will, was ich total quatschig fand, weil ich ja noch bei meinen Eltern wohnte. Er hat mir dann versprochen, dass er mir einen Job besorgt, wenn ich bei der Dokumentation mitmache, und gefaselt, dass mein Leben unbedingt ins Fernsehen muss, weil ich einen total coolen Frauengeschmack hätte und super Computer spielen kann.

          Aber einen Job haben Sie immer noch nicht.

          Schorch: Wir haben im Laufe der Dreharbeiten gemerkt, dass Uwes eigentliches Talent im Agieren vor der Kamera liegt. Und ich bin stolz, dass ich hier jemanden gefunden habe, der funktioniert. Und ich denke auch, dass es mehr als legitim ist, solche Leute in die Öffentlichkeit, na ja zu schubsen wäre jetzt übertrieben, ihnen eine Möglichkeit zu geben.

          Aber er wird nach diesen Filmen keinen Job mehr bekommen.

          Wöllner: Wieso das denn nicht?

          Schorch: Im Gegenteil . . .

          Was ist denn sein Beruf? Wie würden Sie das nennen?

          Schorch: Er ist eine Medienpersönlichkeit.

          Wie Paris Hilton?

          Schorch: Ja, eine Celebrity.

          Das ist aber doch ein bisschen gefährlich. Medienpersönlichkeiten können ja auch sehr schnell wieder abgebaut werden. Er müsste also in sehr kurzer Zeit sehr viel Geld verdienen.

          Schorch: Aber auch diesen Abbau kann man profitabel gestalten. Und Uwe bekommt ja von dem Geld, das wir einnehmen, immer was.

          Wie viel bekommt er denn?

          Schorch: Er bekommt reichlich.

          Wöllner (zweifelnd): Ja, hmm, reichlich?

          Schorch: Uwe, bitte, du musst mal gucken, wo du herkommst.

          Wöllner: 70 Euro.

          70 Euro? Pro Monat? Oder pro Sendung?

          Wöllner: Pro Woche.

          Wenn Sie jetzt zum Beispiel einen Werbeauftrag bekämen, müssten Sie dann mit Herrn Schorch darüber reden?

          Schorch (flüsternd zu Uwe): Du musst nicht jede Frage beantworten.

          Wöllner: Aber dazu sind wir doch hier. Sonst denken die, ich weiß die Antwort nicht.

          Schorch: Du weißt sie ja auch nicht.

          Wöllner: Ich weiß die Antwort nicht. Ich würd’ ihn schon um Rat fragen, den Herrn Schorch.

          Bringen Sie sich auch in die Planung ein, Uwe? Nehmen wir mal an, jetzt kommt Günther Jauch zu Ihnen oder . . .

          Wöllner: Jörg Pilawa – den find’ ich cool! Der ist der Beste, find’ ich. Der sieht abgefahren aus, find’ ich, wie ein langer Lurch. Und der macht die besten Gags im Fernsehen.

          Also, Jörg Pilawa kommt und sagt: Hör zu Uwe, ich habe dich im Internet gesehen, wir arbeiten jetzt zusammen. Das würden Sie machen?

          Wöllner: Klar, Jörg Pilawa! Würd’ ich sofort machen. Mit Jörg Pilawa sollte jeder mal gearbeitet haben im Leben.

          Das geht auch vertraglich sicherlich?

          Schorch: Das geht vertraglich selbstverständlich nicht. Dieses Medienleben bietet, das weiß der Uwe vielleicht nicht . . .

          Wöllner: Das ist doch meine freie Entscheidung!

          Schorch: Ganz kurz mal: Das Medienleben bietet unsichtbare Abgründe. Das macht es so schwierig für Leute, die in der Öffentlichkeit stehen. Das wäre eine Überschreitung unseres Verhältnisses. Das wäre einfach unfair.

          Aber Herr Schorch, man könnte ja auch sagen, Sie haben sich da eine ein bisschen debile Figur gesucht, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sonst kommt dabei ja gar nichts raus, das ist ja eher Unterhaltung.

          Schorch: Ja, natürlich ist es Unterhaltung.

          Unterhaltung über das Verhalten von Herrn Wöllner, der wahrscheinlich gar nicht richtig kapiert, was dahintersteckt.

          Schorch: Ja, aber, na und? Ich meine, da werden Granaten-Lacher produziert, mit sehr viel persönlichem Engagement von allen Beteiligten, das ist doch prima. Natürlich haben wir hier jemanden, über den man ganz leicht lachen kann. Aber nicht jeder, über den man leicht lachen kann, der stellt sich auch zur Verfügung, wirklich solche Lacher in Serie zu produzieren. Und darum bemühen wir uns.

          Aber was soll denn das noch an Aufklärung bringen?

          Schorch: Vielleicht hat ja die Aufklärung in Herrn Wöllner ihr Ende und ihr Ziel gefunden. Vielleicht ist das der Mensch, der die Welt nur noch vollkommen auf sich bezogen wahrnimmt. Uwe Wöllner ist eigentlich unser Homo ludens, den wir im Fernsehen betrachten dürfen, wenn uns nach anderem ist, und den wir abschalten können, wenn er zu laut ist.

          Und Sie wären dann der Homo oeconomicus, der damit seinen Profit macht?

          Schorch: Das ist doch legitim.

          Wöllner: Schreiben Sie die Wörter alle auf, die Sie gerade gesagt haben, mit Homo und so? Wer soll denn das lesen?

          Wir wollen nur wissen, ob Herr Schorch Sie ausnutzt. Ob Sie nicht manchmal Dinge tun müssen, die Sie nicht tun wollen.

          Wöllner: Also, Herr Schorch hat ganz oft, wenn richtig geile Frauen unterwegs waren auf der Straße, wo ich gesagt hab’, da trau’ ich mich jetzt nicht, die anzusprechen, hat Herr Schorch manchmal sogar mich so genommen, hinten, und so angefasst. Also reingezwickt hinten, und dann gesagt, so, „geh mal zu der Eule hin“.

          Finden Sie, dass er ein Freund ist?

          Wöllner: Ja schon. Wir sind schon Freunde geworden. Die ganze Zeit auch, ne. Mein Vater hat das früher auch oft gemacht, also ich konnte halt lange nicht schwimmen, und mein Vater hat mich auch einfach ins Wasser geschmissen. Und dann konnte ich schwimmen. Und Herr Schorch, der erinnert mich ein bisschen an meinen Vater. Herr Schorch hat mich quasi auch vor die Frauen geschubst.

          Sie verstärken das ja auch noch, Herr Schorch. Sie gehen am Schluss mit ihm in ein Bordell. Und er will gar nicht.

          Wöllner: Ich wollte nicht gefilmt werden.

          Schorch: Doch er wollte schon.

          Wöllner: Nee, gefilmt werden wollte ich erst nicht. Das ist jetzt fies, Herr Schorch, das jetzt zu sagen. Sie haben gesagt, dass Sie mir das ausgeben würden, mal so ein Besuch da. Aber dass ich gefilmt werden wollte, das habe ich immer gesagt, das fand ich richtig fies. Das wollte ich nicht.

          Uwes Handy klingelt.

          Wöllner: Das ist mein Wecker.

          Schorch: Hast du die Tabletten dabei?

          Was für Tabletten?

          Wöllner: Na ja, Herr Schorch hat gesagt, weil wir das Interview machen mit der Zeitung, und dann hat er mir ein paar Tabletten gegeben, vorher.

          Sie haben ihm Tabletten gegeben? Was haben Sie ihm denn gegeben?

          Schorch: Im Grunde genommen harmlose Beta-Blocker. Uwe darf an den Vorzügen eines selbstbestimmten Lebens partizipieren.

          Aber selbstbestimmt ist das ja nicht, wenn Sie so jemandem Tabletten geben . . .

          Schorch: Es ist ja auch nicht selbstbestimmt, dieses Interview zu machen. Das ist ja auch Teil des Medienspiels. Uwe ist da schon darauf angewiesen, dass ich ihm helfe. Und wenn das durch eine Medikation möglich ist, sehe ich eigentlich keine Schwierigkeit, ihm da zu helfen, wie jeder andere Arzt auch.

          Sind Sie eigentlich manchmal selbstkritisch? Und fragen sich, bin ich eigentlich so weit von Uwe entfernt?

          Schorch: Das frage ich mich. Und ich stelle fest, ich bin nicht weit entfernt. Ehrlich gesagt: Ich fühle mich manchmal als arme Sau. Wenn ich sehe, wie Uwe manchmal fertig ist und unter mir leidet, dann denke ich, na ja, du bist ja auch eine arme Wurst. Ich leide genauso. Wenn Sie sich in meine Lage versetzten, was Fernsehsender von mir verlangen, was der Zuschauer, durch sein Verhalten, von mir verlangt. Ich habe mir ja auch nicht, als ich 14 war, vorgestellt, ich werde mal Sendungen machen über sozial schwer geschädigte Personen. Das war ja auch nicht mein Lebenstraum.

          Wöllner: Machst du ja auch nicht . . .

          Schorch: Aber im Laufe meines Berufes habe ich gemerkt, dass die Anforderungen, die der Zuschauer an mich stellt, die auch die Fernsehanstalt an mich stellt, im Grunde genauso hart und unmenschlich sind wie die Anforderungen, die die Welt an Uwe stellt.

          Wöllner: Also . . . ich find’s fies, dass Sie so auf Herrn Schorch herumhacken.

          Schorch: Das ist das Feuilleton, Uwe, das habe ich dir vorher gesagt. Du musst das Feuilleton als Mutter verstehen. Und die Mutter denkt immer, was will der böse Redakteur von meinem lieben Uwe.

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