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Im Fernsehen: „Unheimliche Geschäfte“ : Ein Krimi, den das wahre Leben schrieb

  • -Aktualisiert am

Zeuge der Anklage: Eric Ben-Artzi wirft seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Deutschen Bank, vor, Buchverluste versteckt zu haben Bild: ZDF / Peter Reuther

Mit „Unheimliche Geschäfte - Die Skandale der Deutschen Bank“ zeigt das ZDF einen authentischen Film zur Finanzkriminalität. Er lebt von den Kommentaren vieler Experten. Leider wirkt er manchmal etwas künstlich.

          Eine Dokumentation kann genauso spannend sein wie ein guter Krimi - zumal wenn es um mutmaßliche Straftaten geht. Das zeigt das ZDF-Stück, das heute Abend zu bester Sendezeit die „Unheimlichen Geschäfte“ der Deutschen Bank beleuchtet. Der Termin ist gut gewählt: In dieser Woche strömen die Aktionäre des größten deutschen Geldhauses zu ihrer regulären Hauptversammlung. Und die Doppelspitze des gediegen wirkenden Vorstandsvorsitzenden Jürgen Fitschen mit seinem Kollegen Anshu Jain, einem indischen Investmentbanker mit noch immer kargen Deutschkenntnissen, waltet dann fast ein Jahr ihres Amtes.

          Stoff für eine Reportage über seine Skandale bietet das Kreditinstitut wahrlich mehr als genug - was allerdings auch nicht schwer ist, wenn man als Weltkonzern nicht nur in Frankfurt, sondern auch in London und New York zu den großen Mitspielern an den Finanzmärkten zählt. So viel Stoff, dass nicht einmal alle Vorwürfe gegen die Deutschbanker zur Sprache kommen: Die langjährige Prozessfehde mit dem verstorbenen Medienunternehmer Leo Kirch etwa bleibt außen vor. Und was sich die Bank an gerichtlichen Verurteilungen in anderen EU-Ländern eingefangen hat, zeigen die Filmemacher auch nur beispielhaft anhand eines Falls aus Österreich auf.

          Der alte Fehler von Krisen-PR

          Man muss es der Dokumentation von Ulrich Stein lassen: Sie fällt ziemlich fair aus. Keine Spur der Selbstinszenierung, wie man sie zum Beispiel bei „Investigativreportern“ der ARD Marke Christoph Lütgert oder Thomas Leif ertragen muss, wenn sie auf Skandalsuche gehen und sich dann vor der Kamera selbstgefällig in Rage reden.

          Die Zahl der Experten, die Stein befragt hat, ist immens. Ein wegen systematischer Steuerhinterziehung verurteilter Händler vom Verschmutzungszertifikaten, der sich vorsichtshalber nur von hinten zeigen lässt, gehört ebenso dazu wie ein vorsitzender Richter - ein in der deutschen Justizlandschaft selten gelingendes Unterfangen. Dass der Strafverteidiger des Häftlings allen Ernstes behauptet, das Geldhaus hätte seinen unerfahrenen Mandanten von den Betrügereien „abschirmen“ müssen, ist eine der seltenen Verdrehungen von Verantwortung in diesem Film. Doch immerhin macht auch der Richter mehr als deutlich, dass er Händler der Bank in einer Mitschuld sieht.

          Dass der Beitrag vor allem Kronzeugen gegen das Unternehmen aufbietet, hat auch mit dessen restriktiver Informationspolitik zu tun. Es ist der alte Fehler von Krisen- und Litigation-PR: Wer auf Fragen nur schriftlich und mit wolkigen Formulierungen antwortet, kommt auf dem Bildschirm wenig vertrauenswürdig rüber, wenn die kargen Sätze in Schriftform gezeigt und vom Filmemacher vorgelesen werden. Immerhin hat Fitschen sich zu einigen Sätzen O-Ton bereit gefunden, um den Kulturwandel seines Hauses zu verkünden. Denn wie berechtigt auch immer die einzelnen Anschuldigungen sein mögen, an seinem Image muss das Finanzinstitut wirklich kräftig feilen.

          Wirklichkeitsnähe und Künstlichkeit

          Jenseits der zahlreichen Kurzinterviews, darunter mit Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und dem früheren EZB-Chef Jean-Claude Trichet, sind nur wenige Szenen authentisch, etwa jene vom Einmarsch ganzer Hundertschaften der Polizei in die Frankfurter Zwillingstürme; die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts eines hundertmillionenfachen Steuerbetrugs. Nahtlos geht dies über in nachgespielte Sequenzen, denen die Künstlichkeit allerdings überdeutlich anzusehen ist. Unfreiwillig komisch wirken die putzigen Blicke von Mitarbeitern, denen die Fahnder ihre Computer vor der Nase wegtragen. Oder Bilder von jenem Trader, der bei einer Grillparty einen Anruf seines Chefs bekommt, dass morgen wohl seine Abteilung durchsucht werde. Immerhin: Abhörprotokolle belegen, dass das Handygespräch im Garten genau so stattgefunden hat.

          Und die strafrechtlichen Vorwürfe wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung, Bilanzkosmetik und Manipulation von Leitzinsen sind nur eine Seite der Medaille. Die andere ist der breitflächige Verkauf von riskanten Zinswetten an Kommunen und deren Tochterbetriebe sowie an Mittelständler. Selbst der Bundesgerichtshof hat dieses Geschäftsgebaren verurteilt. Dass das Karlsruher Urteil allerdings nicht ganz so harsch hätte ausfallen müssen, machte der siegreiche Firmeninhaber vor der Kamera ebenfalls deutlich. Zwar sah er sich von seinem langjährigen Bankberater über den Tisch gezogen und „stand nachts mit klopfendem Herzen im Bett“, als sich die Millionenverluste anhäuften. Doch hätte sich die Bank kooperativer gezeigt, wäre er als echter Kaufmann auch zu einem Kompromiss bereit gewesen.

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