https://www.faz.net/-gqz-6vgh0

Im Fernsehen: „Nacht ohne Morgen“ : Die Schuld bringt ihn noch um

  • -Aktualisiert am

Der ungeklärte Mordfall hat ihren Lebensweg gezeichnet: Fritzi Haberlandt spielt die Polizistin Larissa Brandow Bild: WDR/Erik Lee Steingroever

Nicht viel darf bleiben, wie es scheint: Götz George spielt in „Nacht ohne Morgen“ einen Staatsanwalt, der nur noch einen, seinen letzten Fall lösen will.

          2 Min.

          Es ist Abend. Ein Mann sitzt im Arbeitszimmer und räumt hinter sich auf. Seine Frau kommt nach Hause. Sie sieht nicht, was er tut, interessiert sich auch nicht dafür. Belangloses Geplänkel. „Wie war dein Tag?“ Er radiert Anmerkungen aus Büchern. Ganze Abschnitte sind einst von ihm eingeklammert worden, hier und dort wurden Stichwörter an Ränder geschrieben. Das Buch, das Geschriebene muss ihm etwas bedeutet haben. Jetzt tilgt er seine Spuren. Wenig später steht der Mann im Garten am Pool und verbrennt Papiere und Bücher. Warum? Er krümmt sich plötzlich, verletzt sich am Feuer. Der Schmerz zerreißt ihn fast. Nicht dieser. Die Last, die ihn drückt, scheint von anderer Art. Welcher?

          „Nacht ohne Morgen“ von Andreas Kleinert (Regie) und Karl-Heinz Käfer (Buch) erzählt von der Anatomie der Melancholie als einer Krankheit, die ohne Ausweg zum Tod führt. Zwar ist es der Krebs im Endstadium, der den pensionierten Staatsanwalt Jasper Dänert umbringt, aber der Krebs ist hier nichts als eine Metapher für eine nicht wiedergutzumachende, als Sarkom innerlich verkapselte Schuld. Ihr äußerliches Zeichen ist die „verfluchte Last“ (Robert Burton) der Schwermut, die in „Nacht ohne Morgen“ alles prägt, jedes Bild, jeden anthropomorphisierten Landschaftsausschnitt und jeden Blick in einen der Spiegel, die auffallend oft in den Blick des Zuschauers geraten (Kamera: Johann Feindt).

          Er erschüttert als Todkranker

          Vordergründig geht es in dem Film um die Aufklärung eines lange zurückliegenden Todesfalls. Zu Nachwendezeiten wurde im innerdeutschen Grenzgebiet die Leiche eines Jugendlichen gefunden. Die Spuren führten erst nach Berlin ins Strichermilieu und versandeten dann. Die Identität des Jungen wurde nie bekannt. Niemand vermisste ihn. Staatsanwalt Dänert war damals mit dem Fall betraut. Jetzt, zum Ende hin, will Dänert Gewissheit. Warum? Um der Erfolgsbilanz willen, wie die Ortspolizistin Larissa Brandow vermutet? Als Halbwüchsige hat sie die Leiche entdeckt. Sie ist am Ort geblieben, innerlich paralysiert. Dass es in „Nacht ohne Morgen“ um nichts weniger als die parabelhafte Verhandlung katholischer Kernprobleme, um Schuld und Sühne, die Bedeutung der persönlichen Ohrenbeichte und die Möglichkeit von Absolution und Erlösung, geht, erschließt der Film erst nach und nach und nie vollständig. Seine Erzählstrategien sind die der rätselhaften Andeutung und der verhüllenden Aufdeckung. Nicht viel darf bleiben, wie es scheint.

          Spurensuche: Götz George als Staatsanwalt Jasper Dänert

          In dem vielfach ausgezeichneten Film „Mein Vater“ spielte Götz George für Andreas Kleinert und Karl-Heinz Käfer mit großer Würde einen alzheimerkranken Mann auf dem Weg zum Tod (des Vergessens). Hier erschüttert er, physisch sehr zurückgenommen, als Todkranker, dem in aller Trostlosigkeit die Macht gegeben zu sein scheint, eine gewisse Ordnung und Gerechtigkeit wiederherzustellen. Barbara Sukowa spielt seine Frau Katharina, eine erfolgreiche Anwältin. Eine seltsame Kühle geht von der Beziehung zueinander aus.

          Es schadet nicht, katholisch zu sein

          Katharina, so scheint es, hat sich ihr eigenes Leben geschaffen, mit Karriere, Liebhaber Christian (Jeroen Willems) und gehörigen Quanten Lebenslustigkeit und Alkohol. Wie Barbara Sukowa die Untröstlichkeit durch ihre Figur hindurchscheinen lässt, ist brillant. Viel zu selten sieht man die Schauspielerin im Fernsehen. Fritzi Haberlandt als gezeichnete Polizistin Larissa vervollständigt die Trias der Leidenden. Ihre Figur allein erhält die Gelegenheit der Ohrenbeichte und nutzt sie, um vor Beichtvater Dänert Zeugnis abzulegen. Sie allein wird, Ironie des Schicksals oder List der Vernunft, freigesprochen.

          „Nacht ohne Morgen“ ist ein sehr trauriger Film nicht ohne Hoffnung und ein Paradestück über Melancholie. Es schadet nicht, katholisch zu sein, um seine schwebende Rätselhaftigkeit zu sehen. Es muss aber nicht sein. Tiefe Novemberstimmung reicht auch. Die Frohe Botschaft kommt erst später.

          Weitere Themen

          Satyrspiele im Vatikan

          „The New Pope“ bei Sky : Satyrspiele im Vatikan

          In der Serie „The New Pope“ zieht Paolo Sorrentino alle Register. Es geht um Dekadenz, Macht, Prunk und Sex. Aber dann doch auch um das Göttliche. Mittendrin schürzt ein großartiger John Malkovich die Lippen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.