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Im Fernsehen: „Föhnlage“ : Im Sarg ist der Mensch nicht gern allein

Tarnung ist alles: Andreas Giebel und Gundi Ellert als Bestatter-Eheleuter Grasegger Bild: BR/Jürgen Olczyk

Wohin mit den importierten Leichen? Der vierte Provinz-Krimi des Bayerischen Rundfunks führt auf der Grundlage von Jörg Maurers Bestseller „Föhnlage“ ins Werdenfelser Land.

          3 Min.

          Auf den Föhn wird immer gern und viel geschoben. Ob der warme Fallwind tatsächlich Anfälle von Gereiztheit, Migräne, Herzrasen und Wut auslöst, ist umstritten. Und für die in „Föhnlage“ erzählte Geschichte ist es auch nicht von zentralem Interesse. Denn hier geht es um das Heimkommen eines fahrenden Ritters, um einen „ritorno in patria“, wie man in Garmisch und in Partenkirchen sagt, weil Italien nicht weit weg ist. Hubertus Jennerwein, Hauptkommissar von einigem Ansehen als Ermittler, vereint schon in seinem Namen die schlechthinnige Zerrissenheit.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Sein Vorname verweist auf den gleichnamigen Heiligen, den Schutzpatron der Jäger; der Nachname auf die dunkle Kehrseite der Jägerschaft - namentlich auf jenen 1877 hinterrücks erschossenen Georg Jennerwein, der als mythischer Wilderer seither durch Bavariens Liedgut geistert. Auch, weil er sich von der Obrigkeit nichts hat gefallen lassen. Da hat der Schauspieler Martin Feifel als Jennerwein allerhand zu tun: Als Hüter des Gesetzes wird er gleichzeitig gegen dieses anrennen. Das ist die Hürde, die das Drehbuch von Stefan Holtz und Florian Iwersen nach dem 2008 erschienenen Bestseller-Krimi von Jörg Maurer aufbaut.

          Wie aus dem Totengräber ein Boandlkramer wird

          Jennerwein wollte eigentlich nach Landshut, wird aber zu seinem Missvergnügen in die ihm verhasste Heimatstadt versetzt. Dort erwartet ihn ein Fall, der mit einem Deckensturz beginnt. Im Kulturzentrum kracht ein Mann durch die dünne Holzvertäfelung und begräbt einen Zuschauer unter sich. Zwei Tote liegen auf dem Parkett, und glatt ist auch der Heimatboden, auf dem eine verfilzte Gemeinde sich eingerichtet hat, die wenig begeistert auf das Auftauchen des verloren gegebenen Sohnes reagiert.

          Das Gesetz und seine Brecher: Martin Feifel als Hauptkommissar Hubertus Jennerwein, Andreas Giebel als Ignaz Grasegger und Georg Friedrich als Leichenlieferant Karl Swoboda (von links)
          Das Gesetz und seine Brecher: Martin Feifel als Hauptkommissar Hubertus Jennerwein, Andreas Giebel als Ignaz Grasegger und Georg Friedrich als Leichenlieferant Karl Swoboda (von links) : Bild: dpa

          Da sind zum Beispiel die gar nicht so respektablen Bestatter-Eheleute Grasegger. Sie sind mit der Technik der Doppelbelegung wohlhabend geworden. Man nennt es neudeutsch Sarg-Sharing: Unter der eigenen Oma liegt ein Italiener - Leichen, die auf das Konto der Mafia gehen, werden transalpin in Bayern feierlich entsorgt. Angeliefert werden sie vom österreichischen Zwischenhändler Swoboda (Georg Friedrich ist immer für eine durchgeknallte Zeitbombe gut). Ein lukratives Nebeneinkommen, versteht sich. Zuvor entnehmen die Graseggers die tödlichen Kugeln und prägen damit Münzen, wie man sie etwa als Knöpfe für Trachtenjanker verwenden könnte. So wird aus dem Totengräber ein Boandlkramer - für Andreas Giebel und Gundi Ellert sind die Rollen eine gmahte Wiesn, was einem leichten Heimerfolg gleichkommt.

          Der geschmierte Stammtisch in der „Roten Katz“

          Es dauert, bis Jennerwein klar sieht, auch weil er unter akuter Akinetopsie leidet, einer Bewegungsblindheit, die ihn die Umwelt anfallartig wie einen stotternden Comicstrip sehen lässt. Auch sind seine Hilfstruppen von durchwachsener Qualität. Die überambitionierte Nicole Schwattke (Katharina M. Schubert) vergeigt durch falsche Pressearbeit, was sie als Profilierungschance ihres Lebens erkennt. Johann Ostler ist als Hilfssheriff die personifizierte Bodenhaftung (wann darf Jürgen Tonkel endlich in die erste Reihe?). Der porschefahrende Xaver Harasser (Helmfried von Lüttichau) ist eine Schnauzbart und Hut tragende Karikatur des dämonischen Bauunternehmers, der einen Ort im Griff hat. Auch, weil er sich die Lufthoheit über den Stammtisch in der „Roten Katz“ mit Freibier erkauft. Die Lage spitzt sich zu, als ein Mafioso versucht, Swoboda hinzurichten. Da erwacht in Grasegger der Enkel eines bekannten Wilderers, und mit einem solchen ist nicht gut Kirschen essen.

          „Föhnlage“ ist der vierte Heimatkrimi des Bayerischen Rundfunks. Stärker als bei seinem Vorgänger „Sau Nummer vier“ (Fernsehkritik: Bis(s) zum Saugrausen), der in Niederbayern angesiedelt war, rächt sich, dass sich Regisseur Rainer Kaufmann nicht entschieden genug von der Klischeebilderbombe „Oberland“ frei macht. In barockisierendem Gestus wird der an sich zündende Kriminalfall von eitlen Trachteninszenierungen im Stil kämpfender Zwölfender überlagert - immerhin einigermaßen dialektsicher („Wos bist'n so wepsad?“).

          Dass das Konzept eines Heimatkrimis auf Zuspitzung beruht, mag dem Medium geschuldet sein. Aber hier wird einfach zu dick aufgetragen, zumal die selbstironische Brechung des Romans ebenso unter den Schneidetisch gefallen ist wie die Feinzeichnung der Charaktere. Im Land von Regisseuren wie Franz Xaver Bogner und Helmut Dietl fehlt es ja nicht an Anschauung, wie man Milieus mit wenigen Strichen plausibel macht. Martin Feifel und Andreas Giebel haben hier Terrain verteidigt, indem sie es möglich machen, dass man ihnen beim stummen Nachdenken zuschauen kann.

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