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Im Fernsehen: „Die Grenze“ : Das Volk hört die falschen Signale

Jagdszene aus Meck-Pomm: Benno Fürmann und Marie Bäumer spielen das bedrängte Paar Bild: Sat.1

Der Titel sagt es: Der Sat.1-Film „Die Grenze“ holt die DDR zurück. Zuvor müssen die Faschisten und deren milliardenschwerer Anführer besiegt werden. Die Geschichte wiederholt sich. Und geht nicht gut aus.

          Wie gut, dass es N24 gibt. Wie gut, dass der Nachrichtensender zu Pro Sieben Sat.1 gehört. Denn sonst hätte Sat.1 mit dem Ereignisfilm „Die Grenze“ ein Problem. Woher kämen dann all die Nachrichteneinblendungen, die Berichte der Korrespondenten am Ort des Bürgerkriegsgeschehens und die Talkshowrunden? Ohne sie ginge in diesem Film kaum etwas, denn er spielt - mit den Nachrichten von morgen. Er spielt was-wäre-wenn?: Was wäre, wenn Terroristen der Al Qaida die sieben größten Erdölraffinerien der Welt in die Luft jagen? Was wäre, wenn Treibstoff und Lebensmittel knapp werden und es zu landesweiten Unruhen kommt?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und was wäre, wenn in Mecklenburg-Vorpommern, dem geschundensten Land im föderalen Staat, eine Landtagswahl bevorsteht, bei der die extreme Linke und eine neue Rechtsgruppierung die demokratischen Parteien mit weitem Abstand hinter sich lassen und um den Wahlsieg streiten? Dann wäre politischer Zahltag für die Demokratie und am Ende - um den Faschismus zu verhindern - der Sozialismus wieder da, inklusive Grenze. Und geschossen wird auch.

          Bilder für das große Drama

          Wer am Montag oder Dienstag mitten in einen der beiden Teile der „Grenze“ schaltet, der könnte meinen, im falschen Film oder beim falschen Sender zu sein. Dann nämlich, wenn die besagten Nachrichtenbilder von N24 laufen, die von dem fiktiven Geschehen in Mecklenburg-Vorpommern handeln, das so realistisch wie möglich erscheinen soll. Besonders in den ersten Minuten sehen wir viele solcher Bilder, sie müssen das große Drama erklären, während sich die Kamera von Holly Fink den persönlichen Tragödien nähert, die den Plot tragen.

          Katja Riemann gibt die Bundeskanzlerin Carla Reuter als kleine Schwester von Angela Merkel

          Da haben wir in Berlin den Werbeprofi Rolf Haas (Benno Fürmann), der aus unerfindlichen Gründen von einer Sekunde zur nächsten seinen Job, sein Geld und seine Wohnung verliert. Da haben wir in Rostock Nadine Manz (Marie Bäumer), die Frau, die Haas vor acht Jahren über Nacht verließ und die sich und ihre achtjährige (genau: der Zeitraum passt) Tochter durchzubringen sucht. Ihren Vater Erich Manz (Uwe Kokisch), der mit seinem Fischerboot nicht mehr aufs Meer fahren kann, weil es an Sprit fehlt. Wir haben die Geheimagentin Linda Lehnert (Anja Kling), die Haas als Agenten in die Rechtspartei DNS einschleusen will, weil ihn mit deren Anführer, dem charismatischen Maximilian Schnell (Thomas Kretschmann), alte Linkschaotenzeiten verbinden. Den Parteichef der Linken, Franz Geri (Jürgen Heinrich), nicht zu vergessen und - ganz weit weg und ewig verschnupft, die Bundeskanzlerin Carla Reuer, die Katja Riemann vom Habitus her als kleine Schwester von Angela Merkel spielt.

          Ausrufung der sozialistischen Republik

          Das ist viel Personal, und das ist viel Geschichte, die nicht nur in den ersten Minuten auseinanderklafft. Alles läuft in zwei Geschwindigkeiten und zwei Bildsprachen hin und her und insgesamt in der Halbdistanz. Den Figuren kommen wir - obgleich es an den schauspielerischen Leistungen, besonders denjenigen der alten Haudegen Kockisch und Heinrich, nichts zu meckern gibt - nicht so recht nahe und auch der Geschichte nicht.

          Die nämlich ist ein Gedankenexperiment, das - je mehr Nachrichtenlaufbänder ins Bild rücken - ein solches stets bleibt. Die Konstruktion ist gewagt und provokant - schließlich wird am Ende die sozialistische Republik Mecklenburg-Vorpommern ausgerufen -, knotet aber an entscheidenden Stellen. So ist es Polizei, BND und Verfassungsschutz monatelang nicht möglich, dem Bürgerkrieg in Rostock Einhalt zu gebieten, kurz nach dem Showdown aber fahren Agenten vor dem bis dato unerreichbaren Hauptquartier der DNS vor, um zu sehen, was von dem Rechtspopulisten Schnell übrig ist.

          Überhaupt dieser Schnell und seine DNS: Sie wirken nicht wie eine Partei, sondern wie eine Sekte mit all dem Gehabe, den weißen Klamotten und der Schaltzentrale, die aussieht wie ein Raumschiff. So verführerisch das futuristische Ozeaneum in Stralsund ist (der Museumsbesuch sei jedem empfohlen), in dem viele Szenen gedreht worden sind, so wenig glaubhaft wirkt es als Handlungsort und mit ihm auch jene, die da spielen.

          Die Rechten sind zu irreal, die Linken zu niedlich

          Roland Suso Richter, der Regisseur, vollendet mit diesem Film nach einem Buch von Christoph und Friedemann Fromm und einer Idee des Produzenten Nico Hofmann eine Trilogie. In dem sensationell eindringlichen Film „Der Tunnel“ hat er 2001 für Sat.1 die Mauer untergraben, sie 2007 im ZDF in das „Wunder von Berlin“ überwunden, um sie nun wieder aufzubauen, abermals im Auftrag von Sat.1. Doch fallen Richter und Hofmann mit „Die Grenze“ in dem Bemühen, ein politisches Provokationsstück im Geiste des 1970 gedrehten „Millionenspiels“ von Tom Toelle und Wolfgang Menge abzuliefern, hinter ihre Anfänge zurück.

          Ein packender Politthriller, eine spannende Geschichte um Liebe, Freundschaft und Verrat, ist es trotzdem, auch eine, die über zweimal neunzig Minuten trägt. Doch erreicht der Film, den Sat.1 mit einer Dokumentation und einer Talkrunde mit Johannes B. Kerner umrahmt, die avisierte Fallhöhe nicht. Dafür sind die Rechtsextremen zu unwirklich und die Linksextremen zu niedlich. Als Spiel mit den Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts taugt das nicht. Und so weit, wie es „Die Grenze“ brauchte, um als Moritat wirklich aufzugehen, sind wir, bei all den Erstaunlichkeiten, welche die aktuelle Bundesregierung sich leistet, noch lange nicht. Pro Sieben Sat.1 aber sollte sich das mit dem geplanten Verkauf von N24 vielleicht noch einmal überlegen.

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