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Im Fernsehen: Der „Tatort“ aus Münster : Die nächste Pointe kommt bestimmt

In Münster ist Mord Nebensache: Die Ermittler beim gemeinsamen Rotweingelage samt nächtlicher Verbrüderungsszene Bild: WDR/Thomas Kost

Die Binnendynamik des Ermittlerpärchens hat schon lange die Oberhand über die Mordfälle gewonnen: Axel Prahl und Jan Josef Liefers kaspern sich auch durch den zwanzigsten „Tatort“ aus Münster.

          Was alles geschieht mit dieser Frau: Sie klebt sich einen falschen Bart an, nimmt Hormonpräparate, schleicht sich in eine Motorradgang ein, kassiert Prügel, bis sie grün und blau ist, am Ende wird sie ermordet und in den Kanal geworfen. Und als wäre all dies nicht genug, säbelt die Schraube eines Motorbootes der Toten noch einen Fuß ab. Samt Stiefel, den nachts ein bekiffter Hobbyangler aus dem Kanal fischt. Nein, das Schicksal hat es nicht gut gemeint mit Susanne Clemens. Und das alles, weil diese Frau lieber als Mann geboren worden wäre.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          In „Zwischen den Ohren“ begeben sich Kommissar Thiel und Professor Boerne, seit nunmehr zwanzig „Tatort“-Folgen heimisch im Grenzbezirk zwischen Krimi und Klamotte, ins Zwischenreich der Intersexualität, in dem die Grenzen zwischen den Geschlechtern nicht nur unscharf, sondern unkenntlich sind. Während Susanne Clemens eine Frau war und ein Mann sein wollte, ist das junge Tennistalent Nadine Petri tatsächlich beides, Mann und Frau zugleich, ein Hermaphrodit, ein Mensch, der genetisch und anatomisch nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zugeordnet werden kann.

          „Middlesex“ nannte das der amerikanische Schriftsteller Jeffrey Eugenides in seinem vor einigen Jahren erschienenen Roman über einen Hermaphroditen namens Calliope. Den Mut, mit dem Eugenides dem zumeist tragischen Schicksal seines Hermaphroditen auch komische Momente abzugewinnen wusste, haben die Drehbuchautoren nicht aufgebracht. Angesichts der Machart der Kalauer, die sich der dröge Kommissar und der blasierte Pathologe um die Ohren hauen, muss man sagen: ist auch besser so.

          Anna Bullard spielt das von seinen Eltern zum Erfolg gepeitschte zweigeschlechtliche Tennistalent so eindringlich, dass die Privatkaspereien der Ermittler zuweilen deplaziert wirken

          Die Idee passt nicht nach Münster

          Dass Axel Prahl und Jan Josef Liefers in einer Zuschauerumfrage zum beliebtesten aller „Tatort“-Teams gewählt wurden, verdanken sie zum geringsten Teil der ausgeklügelten Dramaturgie ihrer Drehbücher. Auch in der Jubiläumsfolge stolpert der Plot mühsam voran, aber in Münster ist Mord ohnehin Nebensache: Die Binnendynamik des Ermittlerpärchens hat die Oberhand über die Mordfälle gewonnen. Liefers und Prahl sind zwar jubiläumsgerecht blendend aufgelegt, bis hin zum gemeinsamen Rotweingelage samt nächtlicher Verbrüderungsszene und bösem Erwachen, aber diesmal macht ihnen der Fall einen Strich durch die Rechnung: Die neunzehnjährige Anna Bullard spielt die Wut, die Verwirrung und die Verzweiflung des von seinen Eltern zum Erfolg gepeitschten zweigeschlechtlichen Tennistalents so eindringlich, dass die Privatkaspereien der Ermittler zuweilen deplaziert wirken.

          Der Gefahr war man sich wohl bewusst: Kommissar Thiel entschuldigt sich betreten für unsensible Äußerungen, und auch Professor Boerne zeigt sich ungewohnt feinfühlig, geradezu verletzlich. Denn die ermordete Susanne Clemens war seine Schulkameradin. Und offenbar wäre das Mädchen, das keines sein wollte, einst gern der einzige Junge gewesen, der mit dem kleinen Boerne spielte.

          Trotz etlicher Stärken im Detail überzeugt der zwanzigste „Tatort“ aus Münster in der Summe nicht. Seit geraumer Zeit hat der Sonntagabendkrimi den Leistungssport als Schauplatz entdeckt und in ausgleichender Geschlechtergerechtigkeit schon die Fußballnationalmannschaften der Damen wie der Herren bedacht. Und erst vor wenigen Wochen verkörperte Edgar Selge im Kölner „Tatort“ einen Transsexuellen auf berührende, ebenso zurückhaltende wie pathetische Weise. Jetzt sollte es um Intersexualität im Leistungssport gehen. Keine schlechte Idee. Aber sie passt offenbar nicht nach Münster. Dort hat man nix als Pointen zwischen den Ohren. Das reicht für einen unterhaltsamen Abend. Aber für ein solches Thema ist es zu wenig.

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