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Im Fernsehen: „Der Chinese“ : Die Rache sei mein

  • -Aktualisiert am

Brigitta Roslin (Suzanne von Borsody) im Film „Der Chinese“ Bild: ARD Degeto

Drei volle Stunden dauert die Verfilmung von Henning Mankells Roman „Der Chinese“. Sie lohnt sehr. In den Hauptrollen zeigen Claudia Michelsen und Suzanne von Borsody, was Heldinnen sind.

          Wirklich gute Kriminalautoren schreiben nicht, um die Ängste der Leser zu schüren, sondern um ihre eigenen zu bekämpfen. Henning Mankells 2008 erschienener Roman „Der Chinese“ ist getrieben vom Entsetzen vor dem weltumspannenden Kapitalismus und dem, was er, egal ob in Schweden, Amerika oder China, aus den Menschen macht. Ihre verheerten Seelen sind die Brücke, über die der Autor, und wir mit ihm, vom Allgemeinen ins Besondere gelangt, von der chinesischen Millionenstadt Kanton in das winzige schwedische Nest Hesjövallen und vom korrupten Bankenchef Ya Ru (Jimmy Taenaka) zu der couragierten Richterin Brigitta Roslin (Suzanne von Borsody).

          Doch vor ihr kommt Kommissarin Vivi Sundberg (Claudia Michelsen) ins Spiel. Mit angehaltenem Atem folgt man ihr in das gespenstisch stille Hesjövallen, sieht zunehmend fassungslos Tote, die mit einem Schwert buchstäblich zerhackt wurden, steht am Ende entsetzt vor der Szenerie eines Massakers, das dreiundzwanzig Menschen ausgelöscht hat. Entsetzt, aber nicht ungläubig. Denn zu frisch ist noch die Erinnerung an die zweiundneunzig toten jungen Menschen in Norwegen vom Juli dieses Jahres oder an die Opfer des Amokläufers, der vor zwei Wochen in Lüttich wütete.

          Ihr Alltag, ihre Lebenskrise

          Claudia Michelsens Spiel entwickelt innerhalb weniger Momente einen unwiderstehlichen Sog. Ihre Kommissarin taumelt mit versteinertem Gesicht von Haus zu Haus, ringt erst stumm um Fassung, ist, wie ihre Helfer (bravourös gespielte Kleinstrollen), zuweilen nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren, plappert vor Grauen und behält doch die Kontrolle über sich. Zwischenblenden führen gleichzeitig die Richterin ein, ihren Alltag, ihre Lebenskrise: Ein Tag bei Gericht, ein sperriger Pappkarton, den ihr Mann neben dem üblichen Gepäck mit sich schleppt, ein Streifen des Unterarms, ehe er endgültig geht. „Nach neunzehn Jahren Ehe“ resümiert Brigitta Roslin lakonisch.

          Durch Suzanne von Borsodys phänomenale Präsenz gelingt die riskante Mischung aus Massakergrauen und leisem Ehedrama. Sie trägt auch über die für deutsche Fernsehverhältnisse unglaubliche Länge von drei Stunden: Man wird es nicht müde, den Wandlungen dieser Frau zuzusehen, die verstört durch das Dorf streift, in dem sie aufgewachsen ist, mit versteinertem Gesicht auf das geronnene Blut ihrer inzwischen abtransportierten Eltern starrt, um dann in einer rührend sinnlosen Geste die Küchenkräuter der Mutter auf dem Fensterbrett zu gießen, während sie anschließend förmlich vor stiller Wut kocht, weil die Kommissarin ihr jede Auskunft verweigert.

          Höflich die Klingen kreuzen

          Wie die beiden Frauen mit Blicken und eiskalt höflichen Redewendungen die Klingen kreuzen, wie sie, mental einander verwandt wie Zwillinge, erst einander bekämpfen, dann nachgeben und schließlich, als klar wird, dass die Richterin auf der Todesliste des Massenmörders steht, gemeinsame Sache machen, ist ein früher Glanzpunkt des Films. Dass dies auch der Auftakt für einen Krimi ist, in dem die Rollen verkehrt sind, in dem starke Frauen tun, was in diesem Genre sonst immer nur Männer vollbringen, stellt sich bald danach heraus. Brigitta Roslin macht die Entdeckung, dass kurz zuvor ein vergleichbares Massaker in Amerika stattgefunden hat. Dann deckt sie die Identität eines brutalen schwerttragenden Chinesen auf und setzt sich auf dessen Fersen. In Kanton, wohin sie reist, trifft sie bald auf Qui Hong (Amy J. Cheng), ein hohes Parteimitglied und zugleich Sicherheitsbeauftragte der Stadt, die, obwohl ungemein zart und mitfühlend, an Entschlossenheit und Kühle jeden Mann übertrifft.

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