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Im Fernsehen: „Das Adlon“ : Die singende, klingende Bildschirmantiquität

Auftritt im Adlon: Josephine Baker (Ligia Manuela Lewis) swingt, ... Bild: ZDF/STEPHANIE KULBACH

Zur Verfilmung sind Hotelgeschichten nur bedingt geeignet. Trotzdem hat Uli Edel für das ZDF den Dreiteiler „Das Adlon“ gedreht, eine Mixtur von Plüschpackung und Heulnummer.

          3 Min.

          Ein Hotel hat als Filmthema einen unvermeidlichen Geburtsfehler: Es steht still. Es ist nur ein Gefäß für Geschichten, ein großer, steinerner Kasten, in den man alles, was sich darin und drum herum bewegen soll, erst umständlich hineintragen muss. Und doch behält der Kasten am Ende immer recht. Oder, wie es am Anfang des MGM-Klassikers „Menschen im Hotel“ (nach dem Buchklassiker von Vicki Baum) heißt, des bis heute erfolgreichsten aller Hotelfilme: „Menschen kommen, Menschen gehen. Nie passiert etwas.“

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Natürlich widerlegt der MGM-Film von 1932 seine eigene Anfangshypothese aufs eleganteste - mit Hilfe von Greta Garbo, Joan Crawford, John Barrymore und vielen anderen, die die Hauptrollen spielen. „Menschen im Hotel“ war die erste Hollywoodproduktion mit einem „all-star cast“, einer Besetzungsliste aus lauter Filmstars, die sich dauernd gegenseitig zu übertrumpfen versuchten und dadurch der starren Kulisse flirrendes Leben einhauchten.

          Ein herbeigeholtes Hauptmotiv

          Uli Edels ZDF-Dreiteiler „Das Adlon“ ist dagegen mit lauter deutschen Fernsehstars besetzt: Heino Ferch, Burghart Klaußner, Ken Duken, Marie Bäumer, Anja Kling, Christiane Paul, Wotan Wilke Möhring, Katharina Wackernagel und viele mehr. Das bedeutet nicht, dass sie etwa schlechter spielen als ihre Vorbilder aus Hollywood. Aber es läuft zwischen ihnen, wie es im deutschen Fernsehen üblich ist: Man geht sich zur Hand. Die Gefühle kochen auf Doppelzimmertemperatur. Und Uli Edel, für den das hohe einstellige Millionenbudget des ZDF nach seinen amerikanischen Schwert-und-Toga-Epen eine wahre Hungerkur gewesen sein muss, richtet alles exakt so ein, wie es der öffentlich-rechtliche Bildschirm verlangt.

          ... das Publikum (Johann von Bülow, Josefine Preuß, Ken Duken, von links) geht mit
          ... das Publikum (Johann von Bülow, Josefine Preuß, Ken Duken, von links) geht mit : Bild: ZDF/Stephanie Kulbach

          „Das Adlon“ erzählt also die Geschichte des bekannten Berliner Luxushotels, das vor hundertsechs Jahren seinen Betrieb aufnahm, den Spartakus-Aufstand und die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs überstand, am 2. Mai 1945 abbrannte und in den neunziger Jahren wiedererstand - und erzählt sie auch wieder nicht. Denn die Familienbiographie von Lorenz Adlon (Klaußner), seinem Sohn Louis (Ferch), dessen zweiter Frau Hedda (Bäumer) und ihrer Angestellten ist nur ein Erzählstrang des Films, und nicht der wichtigste. Das Hauptmotiv dagegen haben Edel und seine Drehbuchautorin Rodica Döhnert von außen in den Kasten hineingebracht. Im Geschäftsleben würde man von Umwegfinanzierung reden.

          Keine Spur von Geschwindigkeit

          So beginnt der Dreiteiler auch nicht etwa auf der Baustelle des zukünftigen Adlon, sondern auf einem preußischen Landgut. Hier hat Alma, die Tochter des Kolonialmagnaten Gustaf Schadt, gerade dem mittellosen Pächterssohn Friedrich ein Kind geschenkt. Almas Mutter Ottilie (Sunnyi Melles in ihrem sechsundneunzigsten Auftritt als Grand Old Giftschachtel) gibt das Kind, um einen Skandal zu vermeiden, als ihr eigenes aus, während ihr Gatte (Thomas Thieme) einen illustren Taufpaten aus Berlin holt: Lorenz Adlon. Dieser besorgt auch, nachdem sein Hotel zur allgemeinen und besonders des kaiserlichen Wilhelm (Michael Schenk) knattermimischen Zufriedenheit endlich aufgemacht hat, dem hilflos leidenden Kindsvater eine Stelle als Hotelpage.

          Man sieht, wie lang und tief diese Geschichte Atem holt, um ihren Schauplatz zu erklimmen. Und genau so langatmig geht es auch weiter. Die weißen Gardinen wehen, die Öllampen geben Halogenlicht, am Himmel schwebt ein Zeppelin, und hinter der Hotelzimmertür singt Caruso (man sieht ihn nicht). Es gibt ein Oberdeck (Heino Ferch mit seitengescheitelter Rothaarperücke, Christiane Paul als amerikanische Millionärin mit Kaugummi-Akzent) und einen Maschinenraum (die Pagen und ihr Herzeleid), aber keinen Eisberg wie bei der „Titanic“, weshalb die Geschichte immer weiterdampft, stur und antiquitätisch. Weil draußen aber dennoch die Zeit vergeht, gibt es Archivbilder vom Kriegsausbruch, Niederlage und Inflation, dann stirbt der alte Schadt, und das Familiengeheimnis wird ruchbar. Sonja (Josefine Preuß), das Töchterlein der Tochter, geht, wohin das Skript sie ruft - ins Adlon. Sie trifft diesen und jenen Mann, bleibt bei jenem und wird doch diesen nicht los. Und dann kommen die Nazis.

          Mühsame Nebengeschichten

          An diesem Punkt, gegen Ende der zweiten Folge, nimmt „Das Adlon“ unvermutet Fahrt auf. Und nun wird der Dreiteiler, den man eigentlich schon aufgegeben hatte, plötzlich zu einem ziemlich ansehnlichen Melodram - was nicht zuletzt daran liegt, dass Josefine Preuß, die Heldin von „Türkisch für Anfänger“, eine der schönsten Schmerzensmadonnen und der unverwüstliche Jürgen Vogel, der ihren schwarzbraunen Gegenspieler gibt, einer der besten Bösewichte im deutschen Fernsehen seit langem ist.

          Auch Uli Edel hat sich jetzt warminszeniert und macht aus der Szene, in der Sonja im Reichsfunkstudio die offizielle Begrüßungsansprache von Goebbels zur Olympiade von 1936 ankündigen muss, während ihr Liebhaber (Ken Duken) samt gemeinsamem Kind gerade über die dänische Grenze abgeschoben wird, eine echte Heulnummer. Aber der Ballast aus Nebenrollen, Nebenräumen, Nebengeschichten muss dennoch weiter mitgeschleppt werden, und so sinkt „Das Adlon“ trotz zwischenzeitlicher Aufschwünge immer wieder in den Kostümserienboden zurück, in dem es wurzelt. Ein Hotel ist eben kein Rennauto. Es will verwaltet, verputzt, gestrichen und gebohnert werden. Und am Ende frisst die Ausstattung die besten Absichten der Regie.

          Es gibt auch eine Rahmenhandlung in Edels Film. In ihr besucht die große Rosemarie Fendel mit ihrem leuchtend schönen Greisinnengesicht das wiederaufgebaute Adlon und bemerkt staunend, dass alles so ist, wie es immer war. Dieses Gefühl kann man jetzt im ZDF auskosten, drei Abende lang.

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