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Im Ersten: Kein NSA-Brennpunkt : Das Wetter ist wichtiger

  • -Aktualisiert am

Er ändert das Programm nicht: ARD-Programmdirektor Volker Herres. Bild: dpa

Die ARD kippt einen NSA-Brennpunkt. Warum nur ist der Skandal für den Sender kein Thema? Einer der Gründe könnte die verschärfte Quotenjagd sein - und das ist nicht alles.

          Um zwei Minuten und 36 Sekunden war die Hauptausgabe der „Tagesschau“ am Donnerstag länger als sonst. Zwei Minuten und 36 Sekunden, um einem Nachrichtentag gerecht zu werden, der ein besonderer war. Ein Tag, an dem die von der Bundesregierung schon für beendet erklärte NSA-Affäre mit Wucht auf die weltpolitische Bühne zurückkehrte, weil der amerikanische Geheimdienst offenbar nicht davor zurückschreckte, auch das Mobiltelefon von Kanzlerin Merkel abzuhören.

          Ein Tag, an dem Merkel und der französische Präsident Hollande sich gemeinsam über die amerikanischen Verbündeten empörten. Ein Tag, an dem EU-Parlamentspräsident Martin Schulz forderte, die Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten über ein Freihandelsabkommen auszusetzen. Ein Tag, an dem der amerikanische Botschafter ins Auswärtige Amt einbestellt wurde, eine wohl beispiellose Missfallenskundgebung gegenüber dem Partner.

          Plötzlich gilt ein neuer Maßstab

          Die Chefredakteure der ARD hatten sich in ihrer täglichen Schaltkonferenz um 14 Uhr dafür ausgesprochen, diesem besonderen Nachrichtentag auch durch eine Sondersendung gerecht zu werden. Einstimmig sprachen sie sich dafür aus, nach der 20-Uhr-„Tagesschau“ einen „Brennpunkt“ ins Programm zu nehmen. Doch Volker Herres, der Programmdirektor des Ersten, dessen Zustimmung dafür erforderlich ist, legte sein Veto ein – und sorgte damit auch intern teilweise für Fassungslosigkeit. Das Erste erklärte die Entscheidung am Freitag damit, dass ein „Brennpunkt“ über die „bereits vorgesehene, umfangreiche nachrichtliche Berichterstattung in einer verlängerten Hauptausgabe der ,Tagesschau‘ hinaus zu diesem Zeitpunkt kaum weitere filmische Erkenntnisse hätte liefern können“.

          Selbst wenn das stimmen sollte, was man angesichts der Knappheit einer „Tagesschau“-Sendung bezweifeln kann, wäre es eine erstaunliche Entscheidung. Denn in anderen Fällen legt die ARD keineswegs solche strengen Maßstäbe an die Einsetzung eines „Brennpunktes“. Eine Sondersendung am Donnerstag vor zwei Wochen über „Die Lügen des Limburger Bischofs“ erfüllte den Anspruch, weitere „filmische Erkenntnisse“ zu liefern, nur höchst bedingt. Und die vielen „Brennpunkte“, die die ARD im Zusammenhang mit Wetterphänomenen ins Programm nimmt, bringen in aller Regel zwar eindrucksvolle Bilder, aber auch kaum „Erkenntnisse“. „Brennpunkte“ liefen in diesem Jahr unter anderem zu den Themen „Schneewalze über Deutschland“, „Tod im Tornado“, „Sintflut statt Sommer“ und „Zorn über Zugausfälle“.

          Warum ausgerechnet der ausufernde Spionage-Skandal kein Anlass für einen vertiefenden „Brennpunkt“ ist, bleibt das Geheimnis von Volker Herres. Eine naheliegende Erklärung wäre es, dass das Erste sich um die Quoten der zweiten Ausgabe der neuen Kai-Pflaume-Show „Die deutschen Meister“ sorgte, die dafür hätte verschoben werden müssen. Mit vier Ausgaben in gut zwei Wochen ist die Sendung ein besonders wichtiges Unterhaltungsprojekt für die ARD in diesem Jahr. Die Zuschauerzahlen, die schon bei der ersten Folge am vergangenen Samstag nur durchschnittlich waren, fielen gestern aber auch ohne „Brennpunkt“ mäßig aus: Nur 3,12 Millionen Menschen schalteten ein.

          Die Programmstarrheit als Problem

          Das Erste wies die Vermutung zurück, dass die Sorge um die Quote einen „Brennpunkt“ verhinderte: Die Entscheidungen seien „ausschließlich aus inhaltlichen Gründen“ erfolgt, teilte der Sender mit, ohne diese Gründe weiter zu erläutern. Tatsächlich widmete sich aber außer den Nachrichtensendungen auch das Politmagazin „Kontraste“ dem Thema. Zudem änderte Reinhold Beckmann kurzfristig das Thema seiner Talkrunde und diskutierte von 22:45 Uhr bis Mitternacht über „Europa nach dem Handy-Gate“.

          Ein Grund für die regelmäßigen Diskussionen um den Sinn und Unsinn eines „Brennpunktes“ ist die starre Form der „Tagesschau“ um 20 Uhr. Der ARD fehlt hier die Möglichkeit, auf besondere Nachrichtenlagen auch besonders reagieren und aus dem Korsett ausbrechen zu können. Der „Brennpunkt“ ist ein Symbol dafür, dass die ARD dem Thema eine besondere Bedeutung zuweist. Sie tut sich leicht damit, das Programm zu ändern, wenn das Thema eine große Quote verspricht, wie bei den klassischen Wintereinbruch-Berichten. So viel Störung im Sendeablauf wie der jährliche Neuschnee sollte dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die einzigartige Geheimdienstaffäre wert sein.

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