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IM Boßdorf : Aktenfund widerlegt einstigen ARD-Sportchef

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Von der Vergangenheit eingeholt: Hagen Boßdorf Bild: ddp

Der ehemalige Sportkoordinator der ARD, Hagen Boßdorf, war - neuen Aktenfunden der Birthler-Behörde zufolge - als Journalistikstudent Agent der Staatssicherheit und spionierte Kommilitonen aus. Boßdorf drohen jetzt weitere Ermittlungen der Hamburger Staatsanwaltschaft.

          Der ehemalige Sportkoordinator der ARD, Hagen Boßdorf, war - Aktenfunden der Birther-Behörde zufolge - seit 1988 als damaliger Student der Journalistik konspirativ als Agent der Auslandsspionageabteilung Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der Bezirksverwaltung Leipzig des DDR-Staatssicherheitsdienstes aktiv.

          Eventuelle letzte Zweifel an seiner Tätigkeit, die er in den vergangenen Jahren scheibchenweise einräumte, dürften nach einem Zufallsfund im bislang unerschlossenen Aktenbestand der Außenstelle der Birthler-Behörde in Leipzig beseitigt sein. Dort fanden Mitarbeiter, wie die Behördenchefin Regina Schild sagte, „im Februar die nahezu komplette IM-Akte von Hagen Boßdorf“, der den Decknamen „Florian Werfer“ trug, Stasi-Registriernummer XV 6129/88.

          Konspirative Informationen

          Ganze hundertzwanzig der insgesamt über 190 nun aufgefundenen Seiten der IM-Akte von Boßdorf gab die Stasi-Unterlagen-Behörde jetzt frei - und diese konterkarieren die zurückhaltenden Darstellungen Boßdorfs gehörig. Entgegen seiner Einlassung etwa, er habe niemals der Stasi konspirativ Informationen über Mitstudenten an der Leipziger Karl-Marx-Universität übermittelt, finden sich im Berichtsteil II von Boßdorfs Akte zwei von ihm handschriftlich mit seinem Decknamen „Florian“ unterschriebene Beurteilungen über zwei ihm bekannte Journalistik-Studenten.

          Boßdorfs Stasi-Akte

          Über einen Kommilitonen, der bereits an Wochenenden in der Sportredaktion der „Leipziger Volkszeitung“ arbeitete, teilte „Forian Werfer“ im Februar 1989 heimlich der Stasi mit, dass dieser in persönlichen politischen Gesprächen zu sarkastischen Äußerungen neige. „Kritik an bestehenden Verhältnissen äußert er sehr zugespitzt und vereinfacht, aber nie öffentlich.“

          „Risikobereitschaft und Einsatzfreudigkeit“

          Bemerkenswert ist auch, dass sich sogar der sowjetische Geheimdienst KGB für das aufstrebende SED-Parteileitungsmitglied Boßdorf interessierte. In einer stasi-internen Beurteilung wurde ihm bescheinigt: „In den positiven Grundmotiven seiner Bereitschaft zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS kam zum Ausdruck, dass er eine feste Bindung zur Partei der Arbeiterklasse hat und seine journalistische Ausbildung auch als praktische Waffe in deren Kampf betrachtet. In der operativen Arbeit ging er ohne Scheu und mit logischer Überlegung an den Auftrag heran. Gleichzeitig bewies er damit seine Risikobereitschaft und die Einsatzfreudigkeit.“

          Aus der IM-Akte geht hervor, dass Boßdorf alias Florian Werfer mehrfach operative Aufträge der Stasi angenommen hat. Unter anderem findet sich eine handschriftliche Quittung über 1500 Forint, die „Werfer“ für einen Auftrag in Budapest erhielt. Belegt durch Akten ist auch die auftragsgemäße, konspirative Kontaktpflege zu zwei Göttinger Studentinnen, die im Mai 1988 mit einer Uni-Delegation Leipzig besuchten. Der DDR-Geheimdienst plante laut Akte mit Boßdorfs Hilfe als „Werber“, die jungen Frauen als Agentinnen im Westen anzuheuern.

          Befunde für ARD blamabel

          Für die ARD, die sich im März von Boßdorf trennte, sind die Befunde zu „Florian Werfer“ im Nachhinein blamabel, hatte es doch bereits Anfang der neunziger Jahre Hinweis auf Boßdorfs Stasi-Tätigkeit gegeben, allerdings hatte er in einem Brief an die Intendanten beteuert, er habe für die Stasi keine Berichte verfaßt.

          Konkrete Folgen könnten die Funde für Boßdorf nun, da er seit dem 1. April als Berater der Agentur Sportfive arbeitet, mit Blick auf die Untersuchungen der Hamburger Staatsanwaltschaft haben. Diese ermittelt seit 2006 gegen ihn und seinen damaligen Stasi-Führungsoffizier Jürgen Benndorf wegen des Verdachts der Abgabe falscher eidesstattlicher Versicherung zu Boßdorfs einstiger Stasiverstrickung. Die jetzt aufgetauchte Akte enthält zahlreiche Indizien, die darauf hindeuten, dass die Versicherungen an Eides statt in mehreren Punkten nicht der Wahrheit entsprechen könnten.

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