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Kieler „Tatort“ : Sie will einem allmächtigen Gott dienen

Drei sind sprachlos: Axel Milberg, Mala Emde (Mitte) und Sibel Kekilli. Bild: NDR/Christine Schroeder

Wieso geht eine junge Frau zum IS? Der „Tatort. Borowski und das verlorene Mädchen“ erzählt, wie eine Siebzehnjährige dem Islamismus verfällt. Das ist aktuell und eindringlich. Ein Krimi ist es nicht.

          Julia hat einen Plan. Sie will „dahin gehen, wo alles anders ist“, auf einen „fernen Planeten“. Sie will „nicht mehr die sein, die ich bin“, und sie will „nicht mehr da sein, wo ich bin“. Sie will „einen Gott finden, der meine Wunden heilt, der mir rät, was ich tun und was ich lassen soll“. Julia will zum IS.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Warum? Wieso ist eine junge, intelligente Frau darauf erpicht, sich „freiwillig dieser gewalttätigen, dämlichen Männerwelt“ auszusetzen, wie die Kommissarin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) sagt? Davon und von nichts anderem handelt der „Tatort. Borowski und das verlorene Mädchen“, der aktueller nicht sein könnte. Mehr als 850 junge Menschen sollen sich, den Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden nach, Richtung Syrien und Irak abgesetzt haben, ins Herrschaftsgebiet der Terrorgruppe IS oder „Daesh“, ein Fünftel von ihnen sind Frauen.

          Sinnsucherin ohne Halt

          Sie bereisen den „fremden Planeten“, von dem Julia träumt, sich aber gar keine Vorstellung macht. Von dem Gemetzel, von den Vergewaltigungen will sie nichts hören. Als Kommissar Borowski (Axel Milberg) ihr die Geschichte von dem „Emir“ erzählt, der eine junge Mutter von drei Kindern immer und immer wieder vergewaltigt und – weil sie nicht korrekt auf Arabisch den Koran vorliest – das jüngste ihrer Kinder langsam zu Tode foltert, schaltet sie auf Allahu-Akbar-Autopilot.

          Der Regisseur Raymond Ley, der sich mit Doku-Dramen einen Namen gemacht hat, kreist in diesem Film, zu dem Charlotte I. Pehlivani das Drehbuch geschrieben hat, um diese Figur der Julia, die Mala Emde, mit der Ley schon bei dem Film „Meine Tochter Anne Frank“ zusammengearbeitet hat, mit aller Eindringlichkeit spielt. Sie gibt eine siebzehnjährige Sinnsucherin, die jeden Halt verloren hat und das perfekte Opfer derjenigen ist, die von einem Gott predigen, der einem jede Entscheidung abnimmt. „Ich will einen starken Gott. Ich will Regeln, ich will auf der guten Seite stehen“, sagt Julia in dem Videotagebuch, das sie mit Abschiedsbotschaften an ihre verhasste Mutter führt. Damit ist das Mädchen bei dem Imam Abu Abdullah (Ferhat Keskin) und bei Amina Jaschar (Sithembile Menck) genau an der richtigen Adresse. Sie weisen ihr den Weg „für die lange Reise“, von der jeder, der bei Verstand ist und sich um die junge Frau sorgt, weiß, dass sie in den Untergang führt.

          Uneinge Ermittler:Borowski (Axel Milberg), Kesting (Jürgen Prochnow), Sarah Brandt (Sibel Kekilli) und Schladitz (Thomas Kügel, von links).

          Das zu schildern gelingt dem „Tatort“ eindrucksvoll. Man merkt, dass mit dem Islamwissenschaftler Marwan Abou Taam, der als Terrorismusexperte für das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz wirkt, dem Filmteam jemand zur Seite stand, der weiß, warum und wie junge Leute, wie junge Mädchen unter die Salafisten geraten; wie bei ihnen die Gehirnwäsche funktioniert und warum sie ihre freiwillige Unterwerfung als Befreiung erleben.

          Das trägt für neunzig Minuten, in denen man sich als Zuschauer vom Krimi freilich weitgehend verabschieden muss. Wir sehen ein stimmiges Psychogramm und eine von der Kamera (Philipp Kirsamer) in schmucklose Bilder gefasste Milieustudie, die damit beginnt, dass direkt neben dem Kommissariat Flüchtlinge einquartiert werden (so war es am realen Drehort des Kieler „Tatorts“ auf einem Gelände der Bundesmarine tatsächlich).

          Borowski geht auf Kollisionskurs

          Was wir aber auch sehen, ist eine Filmhandlung, die ausgesprochen mühsam konstruiert worden ist: Julias Freundin Maria ist ermordet worden, die Konvertitin, die bald nur noch vollverschleiert herumläuft, bezichtigt ihren Bruder der Tat. Nur so wird die Polizei überhaupt auf sie aufmerksam. Nur so kommt es zum Konflikt zwischen den beiden Kommissaren, die erst einen, dann zwei Morde aufzuklären haben, und dem Verfassungsschutz, der in Person des Ermittlers Kesting (Jürgen Prochnow) für die dunkle Seite der Staatsmacht herhalten muss. Vollkommen klar, dass Borowski und Kesting, die alte Bekannte sind, auf Kollisionskurs gehen. Der Verfassungsschützer will an die Hintermänner des Terrors herankommen, an die Schleuser, die für den Frauennachschub beim IS. Der Kommissar will den oder die Täter finden und – eine junge Frau retten.

          Mit der Rolle des gütigen Ersatzvaters kommt Axel Milberg bestens zurecht wie auch Sibel Kekilli mit ihrem Part als Kommissarin, die niemals Feierabend macht und sich in die Arbeit flüchtet, um nicht über den Sinn ihres Lebens nachdenken zu müssen. Im Fall Julias versuchen sich die beiden als Lebensberater, aber für jemanden, der nach einer Welt in Schwarz und Weiß sucht und die Menschen in Gläubige und „Kuffar“, also Ungläubige, unterteilt, sind sie als Vorbilder erst einmal nicht so überzeugend. Um Überzeugungsarbeit aber geht es diesem „Tatort“ und um sonst nichts.

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