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„Jesus und der Islam“ : Im Anfang waren die Worte

Ein Dokument, das viele Fragen offen lässt: Koran-Handschrift aus dem achten Jahrhundert nach Christus Bild: © Archipel 33/François Catonné

Was sagt der Koran über den Heiland der Christen? Die Dokumentation „Jesus und der Islam“ untersucht es genau und macht eindrucksvoll klar, wie dünn der Faden der Interpretation ist.

          3 Min.

          Der amerikanische Koranwissenschaftler Shawkat M. Toorawa streicht über seinen weißen Bart und ringt nach Worten. Wie soll er diesen entscheidenden Vers aus der fünften Sure übersetzen? Was bedeutet er? Und wichtiger noch: Was sagt der Vers über das Verhältnis des Islams zum Judentum und zum Christentum aus? Wie versteht der Koran Jesus Christus, den er häufiger nennt als Mohammed und mit ehrenvolleren Titeln?

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Keim jahrhundertealter religiöser Auseinandersetzungen verbirgt sich in den fraglichen Zeilen, in denen es um die Kreuzigung Christi geht. Die Juden, steht da, hätten gesagt: „Wir haben Jesus, den Messias, den Sohn Mariens, den Gesandten Gottes, getötet.“ Aber das stimme nicht, führt der Text aus, sie hätten ihn weder getötet noch gekreuzigt. Sondern - an dieser Stelle seufzt Toorawa und sagt, es sei wirklich verzwickt: „Es war so gemacht, dass es ihnen so erschien.“ Oder: „Es wurde der Eindruck erweckt, als ob.“ Etwa in der Art, so der Forscher.

          Sein Kollege aus Tunesien, Abdelmajid Charfi, schickt voraus, den Koran zu übersetzen sei nicht die Aufgabe des Wissenschaftlers, sondern des Muftis. Dennoch, er versucht es. „Es war so wie“, schlägt er vor. Oder: „Sie waren einer Illusion erlegen.“ Oder: „Etwas Ähnliches ist ihnen erschienen.“ Die Pariser Forscherin Jacqueline Chabbi nähert sich auf etymologischem Wege, Claude Gilliot von der Universität in Marseille fragt nach dem Subjekt des Satzes - doch dessen Sinn bleibt so dunkel wie das Schwarz, mit dem die Dokumentaristen Gérard Mordillat und Jérôme Prieur ihre Gesprächspartner hinterlegen und die Texte, über die sie sprechen. In Gestalt prächtig illuminierter mittelalterlicher Handschriften sind diese im Bild: unlesbare Ornamente für alle, die des Arabischen nicht mächtig sind.

          Filetierarbeit unter dem Sprachmikroskop

          Was Mordillat und Prieur mit ihrer beinahe siebenstündigen Exegese „Jesus und der Islam“ für Arte auflegen, ist ein weiteres Wagnis und eine weitere Zumutung für Fernsehzuschauer - und brillant. Mit der Geburt des Christentums und der Apokalypse haben sich die beiden Spezialisten für religiöse Stoffe nicht weniger minutiös auseinandergesetzt. Nun erkunden sie, wie der Koran und frühe islamische Texte auf den Heiland der Christen blicken, wie sie ihn deuten und welche Zielsetzungen dahinterstecken. Für ihren Film wählen Mordillat und Prieur die denkbar konzentrierteste Form: Wir sehen und hören 26 Wissenschaftler aus aller Welt Annäherungen an Textpassagen wagen, nach Erklärungen tasten, Vorschläge unterbreiten. Mehr Abwechslung als hin und wieder eingeblendete Koranseiten und das Rascheln von Papier gönnen uns die Filmemacher nicht. Es geht um Worte und immer nur Worte, und jedes einzelne liegt auf der Goldwaage.

          In Zeiten, in denen der Koran von Salafisten in deutschen Fußgängerzonen verteilt wird und Massenmörder ihn weltweit zur Rechtfertigung ihrer Verbrechen heranziehen, regt sich neben reflexartiger Abwehr im Westen - die oft Bibelkritik mit einschließt, nach dem Motto: da stehen ebenfalls grausame Dinge - auch der Reflex, dem Koran vermeintlich mit besonderer Gutwilligkeit begegnen zu müssen, um keine religiösen Gefühle zu verletzen. Mordillat und Prieur entgehen solchen naiven Formen der Auseinandersetzung, indem sie Forscher - keine religiösen Lehrer - verschiedener Schulen und Traditionen Textkritik betreiben lassen. Nicht mehr und nicht weniger. Wir beobachten eine Art intellektuelle Filetierarbeit unter dem Sprachmikroskop. Wer die Geduld aufbringt, ihr zu folgen, lernt eine Menge.

          Bei Arte wird Koran-Exegese betrieben, Zeile für Zeile: persische Handschrift aus dem sechzehnten Jahrhundert.
          Bei Arte wird Koran-Exegese betrieben, Zeile für Zeile: persische Handschrift aus dem sechzehnten Jahrhundert. : Bild: © Archipel 33/François Catonné

          Warum etwa dieses ganze Kopfzerbrechen über das, was man als „es erschien ihnen nur so“ übersetzen könnte? Weil je nach Übersetzung oder Deutung die Aussage und damit die Stellung des Islams zu Christen und Juden eine ganz andere wird. Wenn der Text sagt, die Juden rühmten sich, Jesus getötet zu haben, und das zu Unrecht, zeigt dies einigen Forschern zufolge eine rhetorische Strategie der Diffamierung und gehört in den Kontext frühislamischer Polemik gegen die Juden: die Juden, die vermeintlichen Prophetenmörder, die vermeintlichen Christusmörder. Solche Anwürfe lassen an frühchristliche antijüdische Polemiken denken, die eine lange und unheilvolle Wirkungsgeschichte entfaltet haben. Es wäre interessant gewesen, an dieser Stelle etwas über die Perspektive jüdischer Religionswissenschaftler zu hören, aber der Film bleibt ganz auf dem Terrain der Islamwissenschaft.

          Wenn der Text sagt, die Kreuzigung habe nur ausgesehen wie eine vollzogene Todesstrafe, sei es aber nicht gewesen, können die Schlussfolgerungen in zwei Richtungen laufen  und sind es historisch auch: Es gibt islamische Traditionen, die davon ausgehen, an Stelle Jesu sei ein Doppelgänger getötet worden. Simon von Cyrene etwa oder Judas. Solche Überlegungen gab es auch bei frühchristlichen Häretikern, was manche Wissenschaftler darin bestärkt, im Islam eine synkretistische Religion zu sehen. Wieder anderen ist die Passage ein Beleg, dass das „es erschien ihnen nur so“ der koranische Versuch sei, auf eigenen Wegen der göttlichen und menschlichen Natur Jesu beizukommen und der Auferstehung.

          Tatsächlich wurde der so vieldeutige Abschnitt für Muslime zum Beleg dafür, dass Juden und Christen irrten und sich folglich Jesus am Ende der Zeiten gegen sie richten werde, um den Islam als wahre Religion aufzurichten. Für Christen wurden sie zum Beleg, dass der Koran zweifellos keine Offenbarung ist. Der Blick in den Spiegel der Texte, das macht diese Dokumentation eindrucksvoll sichtbar, zeigt eben immer vor allem das Gesicht dessen, der in ihnen liest.

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