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„Tatort“ Schweiz : Ausgezogen, die Welt das Fürchten zu lehren

Sie ahnt, was in ihm vorgeht und kennt wahrscheinlich auch den Grund: Sarah Hostettler und Antoine Monot jr. als Karin und Simon Amstad. Bild: dpa

Die Schweizer beenden die „Tatort“-Sommerpause und kennen dabei kein Erbarmen: In „Ihr werdet gerichtet“ geht es nicht um die Frage, wer der Täter ist, sondern darum, wie viele Opfer der Rächer hinrichten wird.

          So erbarmungslos präzise hat selten ein „Tatort“ angefangen wie dieser. Mit zwei Schüssen in Luzern beendet er die Sommerpause der Reihe. Was wir in den ersten Sekunden von „Ihr werdet gerichtet“ sehen, ist eine Exekution auf offener Straße: Die dunkle Scheibe eines todesschwarzen Transporters gibt einen Spalt frei, eine Mündung zielt, ein Projektil trifft, das nächste ebenso, zwei Männer liegen mit gesprengter Schädeldecke in ihrem Blut. Sie werden nicht die letzten Opfer eines Täters sein, von dem wir wenig später erst die Füße, dann die Frisur und schließlich den ganzen Mann sehen (Antoine Monot jr.), weil es nicht darum geht, wer der Mörder war. Sondern darum, wie viele Menschen der zum Sniper mutierte Automechaniker Simon Amstad töten wird, bevor die Polizei ihn fasst. Oder ob er ihr überhaupt in die Fänge geht. Und vor allem: warum Amstad auszieht, systematisch Leben auszulöschen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Antwort auf die letzte Frage wird beinahe so schnell geliefert wie die nach dem Gesuchten. Ein eigens herbeigerufener Profiler hält uns und dem eilig zusammengestellten Sondereinsatzkommando, das Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) unterstützen soll, einen Edukativvortrag, der mit lustigen schweizerischen Kehllauten unterlegt, aber fürs Drehbuch (Urs Bühler) wohl bei Wikipedia abgeschrieben wurde. Es geht um „Posttraumatische Verbitterungsstörungen (PTED)“, „Posttraumatisches Wachstum“ oder, griffiger ausgedrückt: das Michael-Kohlhaas-Syndrom.

          Schattenkampf mit einem Unbekannten

          Da wird also einer in seinem Rechtsempfinden so tief enttäuscht, dass er sich selbst zum Richter und Henker aufschwingt. Amstad, dem wir nach Hause zu seiner kranken Frau und durch den Alltag folgen, bleibt für die Kommissare eine gesichtslose Diagnose, ein Täterprofil. Ist er, wie Kleist den Protagonisten seiner berühmten Novelle vom rasenden Rosshändler charakterisiert hat, „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“? Darauf, dass Antoine Monot jr. einen Charakter verkörpern muss, der gleichermaßen abstoßend wie in seinem Handeln nachvollziehbar ist, an dem nichts Unmenschliches ist, sondern den nur allzu Menschliches, der gerechte Zorn, auf die andere Seite der Moral geschleudert hat, kommt es an in diesem „Tatort“.

          Es gelingt Monot in vielen Szenen und doch nicht immer. Wenn sein Amstadt die Hand nach seiner Frau ausstreckt, mit der Schreckliches geschehen sein muss, und sie nicht zu berühren wagt, geht wirklich ein Riss durch die Welt. Wenn Monot die Augen aufreißt, um seine Figur erstarren zu lassen ob ihrer Taten, gerät sie allzu knuffig. Das wahre Grauen unter einer vermeintlich heilen oder wieder geheilten Oberfläche scheint in den Nebenrollen auf: Sarah Hostettler als Karin Amstad und Misel Maticevic als Amstads Freund Simic, der als Heckenschütze im Bosnien-Krieg Dutzende tötete, geben glänzende Vorstellungen ab.

          Das Spiel mit dem Wissensvorsprung

          Für die Kommissare bleibt in dieser Konstellation nur der Schattenkampf mit einem Unbekannten. Wie tief das Dunkel ist, das sie erhellen müssen, will Regisseur Florian Froschmayer sinnfällig machen, indem er seinen Film fast monochrom blau-schwarz tönt. Kostüme, Räume, Oberflächen - die Nachtfarben sorgen für eine kompakte Atmosphäre der Bedrohung, aber es wäre wohl auch ohne so viel inszenierte Düsternis gegangen und auch ohne so manchen Kameraflug mit der Drohne. Eingeblendete SMS will eigentlich auch niemand auf dem Bildschirm sehen.

          Doch mit jedem weiteren Mord steigt der Druck auf die Ermittler und auf den Täter. Hektik kommt auf, Fehler passieren, das Tempo erhöht sich. Reto Flückiger rastet aus, weil er einen Vergewaltiger vor dem Serienmörder schützen muss. Amstads Frau ahnt etwas und schwankt zwischen Verrat und Loyalität. Liz Ritschard muss kühlen Kopf bewahren, obwohl ihr die Bilder der Leichen nicht aus dem Kopf gehen. In „Ihr werdet gerichtet“ ist vieles Dienst nach Vorschrift, und das Finale - Alleingang des Kommissars - ist konventionell. Was den Film trotzdem zu einem guten „Tatort“ macht, ist das gekonnte Spiel mit dem Wissensvorsprung des Zuschauers. Und mit den Dilemmata, in denen die Figuren stecken.

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