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Serie „Jordskott“ auf Arte : Ihr Märchenwald lehrt alle das Fürchten

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Man muss in den Wald gehen, um sich dort sicher zu fühlen. Das sagt die Forstbehörde, und die muss es wissen. Bild: © ZDF/Palladium Film

„Jordskott“ ist nicht einfach der nächste Schwedenkrimi. Aus nordischen Sagen, „Twin Peaks“-Anleihen und der Suche nach verlorenen Kindern webt die Serie einen Mystic-Thriller, der süchtig macht.

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          Als im Frühjahr 2015 die zehnteilige Serie „Jordskott“ im schwedischen Fernsehen zu Ende ging, hielt es der Sender dann doch für angebracht, auf seiner Website zwei Experten der Forstbehörde „Skogsstyrelsen“ zu Wort kommen zu lassen. Was man denn tun könne, um sich im Wald wieder sicher zu fühlen, wurden die Experten gefragt. Na, in den Wald gehen, erwiderten die. Man überwinde Ängste nur, indem man sich ihnen stelle. Und die Furcht komme „in der Regel“ aus dem Inneren des Besuchers, mit dem Wald selbst habe sie nichts zu tun.

          Kinder verschwinden tief unter den Wipfeln

          Sie haben gut reden – die Fachleute, die Naturgeister für Kopfgeburten halten. In der fürchterlich packenden Mystery-Serie „Jordskott“, die Arte nun nach Deutschland bringt, geht die Bedrohung „in der Regel“ vom Wald aus. Was das bedeutet, merkt man nicht gleich, weil der Auftakt so heimtückisch ist: „Jordskott“ tarnt sich als Allerweltskrimi. Eva Thörnblad (Moa Gammel), eine alleinstehende Polizistin, fährt nach dem Suizid ihres Vaters zurück in die Provinz, aus der sie stammt. Der See, an dem Evas Tochter Josefine vor sieben Jahren verschwand, liegt ebenfalls dort, und wieder durchkämmen Suchtrupps die Gegend nach einem Kind. Ein Junge ist weg. Die Dorfpolizei überfordert den Bürodrucker mit der Flugblatt-Produktion. Der Kollege, den die Reichspolizei zur Verstärkung schickt, stutzt die Presse zurecht. Das Sägewerk, das Evas Vater gehörte, wird von machtlüsternen alternden Männern und Sekretärinnen beherrscht.

          Fernsehtrailer : „Jordskott - Die Rache des Waldes“

          Dass man dranbleibt, liegt an dem gespenstischen, mit ausgestopften Tieren geschmückten Herrenhaus, in dem Evas Vater lebte, und an den „Twin Peaks“-Zitaten, die der Serienschöpfer Henrik Björn eingestreut hat. An der Straße nach Silverhöjd heißt ein hölzernes Ortsschild die Besucher willkommen. Die Wälder sind endlos, Wasserfälle rauschen dahin, die Ästhetik ist nocturn und kühl, und als Pendant zum „verdammt guten Kaffee“ gibt es ein phänomenales Stück Beerentorte, mit dem sich der Ermittler von der Reichspolizei (Göran Wass) der ernsten Eva als Sympathieträger empfiehlt. Dazu das Sägewerk, klar. „Jordskott“ will sich vor der Mutter des Mystery-Booms verneigen. Das hätte peinlich werden können, wirkt aber erstaunlich natürlich.

          Nordischer und finsterer geht es kaum

          Übernatürlich sozusagen. Die Sache kommt urplötzlich ins Rutschen wie ein Baumstamm, der von einem seichten Gewässer ins Wildwasser saust – und unversehens kippt die Serie von einem Schwedenkrimi, wie man ihn hundertfach gesehen zu haben glaubt, in ein tiefdunkles „Nordic Noir“. Nordischer und finsterer als in diesem Thriller kann es jedenfalls kaum zugehen, der als beste Serie mit dem schwedischen Fernsehpreis „Kristallen“ ausgezeichnet wurde.

          In diesem unwirklichen Grenzland, wo unterhöhlte Schattenwälder und einsame Seen von monströsen Geschöpfen bewohnt werden, bohren Kinder, die gleich lebenden Toten umherwandeln, ihre Finger andächtig in die Erde einer Topfpflanze. Halbstarke werden mit grellem Pfeifen betäubt und ins Wasser gezerrt. Im Fluss treiben Leichen wie Zeichen, zwischen den Ikea-Regalen einer Bibliothek hockt ein Pensionär, der die alten Volkssagen beim Wort zu nehmen vermag und die etwas wohlfeil formulierte These aufstellt: „Ihr Vater hatte sich den gesamten Wald zum Feind gemacht.“ Man kann nur hoffen, dass da einer rechtzeitig an die fünf Bier für die Männer vom Sägewerk denkt.

          Ist Josefine (Stina Sundlöf) nach sieben Jahren wirklich zurückgekehrt?
          Ist Josefine (Stina Sundlöf) nach sieben Jahren wirklich zurückgekehrt? : Bild: © ZDF/Palladium Film

          Wie kommt man auf solch eine Geschichte? Der 1973 geborene Autor und Regisseur Henrik Björn, ein von Filmen wie „Pans Labyrinth“ faszinierter Reklamefilmer, hat in einem Interview erzählt, bei der Entwicklung von „Jordskott“ an Wesen gedacht zu haben, von denen ihm seine Großmutter einst auf langen Spaziergängen in den Wäldern erzählt hat. Ihr waren das Volk der Vittra, Gestalten wie die Huldra und die Kräfte der Wassergeister offenbar ein Begriff.

          Dass man die Bezüge der Serie zur nordischen Mythologie ernst nimmt, statt über Szenen wie jene mit der Topfpflanze zu lachen, liegt nicht bloß an der wohltemperierten Story. „Jordskott“ bindet den Zuschauer durch einen herausragenden, mit weltverlorenen Fiedeln, warmem Klavier, dosiertem Engelsgesang und allen erdenklichen Naturgeräuschen belegten Soundtrack. Der Mensch ist im beseelten Wald nur zu Gast. Atmosphärisch ist das ebenso einnehmend wie die Landschaftskulissen, die das Team in der Nähe der Silbergruben von Sala in Västmanland, in Upplands-Bro bei Stockholm und im nordschwedischen Jämtland auftrieb, um sie zu einer beklemmenden Phantasiewelt zusammenzuschieben. Das trägt über manche Holzschnitzereien im Plot hinweg und macht süchtig nach diesem Zauberwald des Gruselns.

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