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„Ich gehöre ihm“ im Ersten : Er hat ihr Leben verkauft

Zu Beginn scheint alles so leicht: Cem (Samy Abdel Fattah) und Caro (Anna Bachmann) verbringen einen ihrer ersten Abende in der Disco – Szene aus „Ich gehöre ihm“. Bild: WDR/Kai Schulz

Wie „skrupellose Loverboys“ junge Mädchen zu ihren Sexsklavinnen machen: „Ich gehöre ihm“ erzählt eine Geschichte, die sich nicht für Dramatisierungen eignet – weil sie dramatisch wahr ist.

          Prinzessin: So hat Caro noch niemand genannt. „Deine Augen“, sagt Cem, „der Wahnsinn“. Er habe sich verliebt, wie noch nie. Sie sei sein Ein und Alles, mit ihr wolle er sein Leben teilen, sagt er. „Du und ich, wir schaffen das. Wir beide.“ Was er damit meint, bekommt die fünfzehnjährige Caro schnell zu spüren. Er meint, dass sie für ihn anschaffen geht. Schließlich muss die Wohnung, die er für sie beide gekauft hat, bezahlt werden. Das Leben in der großen Freiheit, die er dem Mädchen verspricht, hat seinen Preis. Den Preis bezahlt sie, denn sie hat kein Leben mehr. Sie gehört ihm.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Ich gehöre ihm“ heißt der Film von Angela Gilges und Ruth Olshan, die das Drehbuch geschrieben haben, und Thomas Durchschlag, der für die Regie verantwortlich ist. „Skrupellose Loverboys“ ist der Themenabend der ARD benannt. Er zeigt, zuerst im Spielfilm, dann in einer Dokumentation, wer diese „Loverboys“ sind, was sie tun und wie ihre Masche funktioniert. Wie kann es sein, dass eine Fünfzehnjährige aus einer glücklichen Familie, in null Komma nichts in eine solche Abhängigkeit von einem Verbrecher gerät?

          „Ich will das eigentlich nicht. Ich liebe dich doch.“

          Eben noch schmachtete Caro unschuldig nach einem Jungen in ihrer Klasse, nun steht sie auf dem Straßenstrich. Dazwischen liegt ein falscher Honeymoon, in dem Cem ihr scheinbar all seine Aufmerksamkeit schenkte, sie auf Händen trug, und, von einer Minute zur anderen, der Umschlag in größte Brutalität, um Caros Willen zu brechen. Dafür sorgen die anderen „Loverboys“, die über sie herfallen. Dafür sorgen die „Freier“, die mit einem jungen Mädchen Sex in allen erdenklichen Varianten haben, also sie vergewaltigen wollen. Dafür sorgen die Drogen, die Cem seiner „Prinzessin“ verabreicht, und dafür sorgen seine Schmeicheleien. Ist Caro nicht gefügig, prügelt er auf sie ein oder lässt seine Mitverbrecher auf sie los. Nur um anschließend zu sagen: „Ich will das eigentlich nicht. Ich liebe dich doch.“ Caro soll sich für das verantwortlich fühlen, was mit ihr geschieht. Und das tut sie.

          Ihre Eltern sind zuerst ahnungs- und dann machtlos. Die beste Freundin ist naiv und trägt das Ihre dazu bei, dass Caro dem scheinbaren Glamour ihres neuen Freundes verfällt. Der Lehrer, der die Sache durchschaut und Caro seine Hilfe anbietet, wird von Cem mit einer Prügelattacke zum Schweigen gebracht. Caro soll weiter zur Schule gehen und gute Noten mitbringen, sagt ihr „Loverboy“. Er isoliert sie von allen anderen. Beenden könnte das alles nur sie selbst, indem sie ihn anzeigt. Welche Gefahr das für sie und ihre Familie bedeutet, kann man sich ausmalen. Denn der „Loverboy“ hat ein Netzwerk.

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          Diese Geschichte eignet sich nicht für Dramatisierung – weil sie dramatisch wahr ist. Sie beruht auf einer wahren Geschichte, wie sie sich viele Male im ganzen Land ereignet, wie sie sich in Großbritannien oder den Niederlanden zu einem großen kriminellen Geschäft entwickelt hat. Dessen Ware sind Kinder, sind Mädchen, die zu Sexsklavinnen gemacht werden. Seine Neue sei gerade dreizehn, sagt einer der „Loverboys“ aus Cems Clique, die schaffe „locker zwanzig am Tag“. Schaffen die Mädchen ihr Tagespensum nicht, ist der „Loverboy“ mit der Abrechnung nicht zufrieden, wissen sie, was ihnen blüht. Es wird schlimmer und schlimmer.

          Da muss man nichts inszenieren, und das unternimmt der Film erst gar nicht. In seiner ersten Hälfte wirkt er wie ein unspektakulärer Jugendfilm – ein Mädchen hat den üblichen Ärger zu Hause und mit den Erwachsenen, fühlt sich unverstanden, hat große Träume und verliebt sich – wie eine Polizeibeamtin nüchtern sagt –, „in den Falschen“. In Cem, der ihr Leben zerstört. Anna Bachmann als Caro, Samy Abdel Fattah als Cem, Maria Simon und Bernd Michael Lade als Caros Eltern tragen das Ihre dazu bei, dass dieser Film erreicht, was er bewirken will. Er macht begreifbar, mit welcher Gefahr wir es hier zu tun haben, mit einem sich ausbreitenden, menschenverachtenden, kriminellen Phänomen, dem nur schwer beizukommen ist. Eine erste Voraussetzung ist, Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, was „Loverboys“ sind, was sie tun und wie sie es tun. Man sollte „Ich gehöre ihm“ an Schulen zeigen, und die nachfolgende Dokumentation „Verliebt, verführt, verkauft“ von Diana Ahrabian ebenfalls.

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