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„I’m Your Woman“ bei Amazon : Dreh dich nicht um, egal, was du hörst

Nur scheinbar ausgeruht: Jean (Rachel Brosnahan) wird verfolgt. Bild: Amazon Prime Video

Spielfilmpremiere auf Amazon: In „I’m Your Woman“ von Julia Hart ist Rachel Brosnahan auf der Flucht vor Gangstern – und verschwindet als Figur in einem Nebel aus Andeutungen.

          3 Min.

          Die Streaming-Dienste sind dabei, dem Kino den Vorrang in der Verwertungskette von Spielfilmen abzujagen. Aber noch ist es nicht so weit. Zwar wollen auch die großen Hollywoodstudios in der Corona-Krise ihre Produkte streamen. Aber sobald die Pandemie vorbei ist, werden die Kinos wieder ins Zentrum der Verwertung rücken. Und noch etwas anderes kommt hinzu. Die großen Blockbuster, die Zugmaschinen der Filmindustrie, erfordern einen Einsatz an Kapital und Marktmacht, über den die klassischen Streaming-Anbieter bislang nicht verfügen. Ob sie ins Blockbuster-Geschäft einsteigen können, wird nicht zuletzt vom Erfolg des „Herr der Ringe“-Remakes abhängen, das Amazon gerade für etwa eine Milliarde Dollar produziert. Im nächsten Jahr soll die erste Staffel der „Ringe“-Serie auf Amazon Prime laufen. Aber noch ist 2020.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „I’m Your Woman“, eine Amazon-Produktion, ist der vierte Spielfilm der amerikanischen Drehbuchautorin und Regisseurin Julia Hart. Der Film beginnt damit, dass eine Frau im rosa Morgenmantel mit Pelzbesatz im Garten eines Hauses sitzt, und er endet damit, dass dieselbe Frau vor einem anderen Haus, in dem mehrere Leichen liegen, einen Wagen wendet und davonfährt. Dazwischen gibt es mehrere Schießereien und Verfolgungsjagden, Szenen im Diner, im Waschsalon und in einem Nachtklub, aber nichts, was an technischem und ikonographischem Aufwand dem Standard von Hollywoodproduktionen entsprechen würde. „I’m Your Woman“, mit anderen Worten, ist ein Independent-Projekt, das bei Amazon Studios statt bei Sony Classics oder New Line Cinema gelandet ist, ein Film mit kleiner Besetzung und mittlerem Budget.

          Beim jüngsten Job ist etwas schiefgegangen

          Jean (Rachel Brosnahan), die Frau im rosa Morgenmantel, ist mit einem Gangster verheiratet, den man bei Julia Hart nur kurz zu Gesicht bekommt, weil er, bevor er verschwindet, nur eine einzige dramaturgische Aufgabe hat: Er bringt Jean ein Kind. Mit diesem gestohlenen oder gekauften Baby auf dem Arm flieht Jean fortan durch die Vorstadtlandschaften der amerikanischen Ostküste, denn beim jüngsten Job ihres Mannes ist etwas schiefgegangen, so dass sie sich mit Hilfe von Cal (Arinzé Kene) in Sicherheit bringen muss. Dass diese Sicherheit immer nur vorläufig ist, gehört zu den Regeln des Genres, aber in „I’m Your Woman“ bleibt die Gegenseite, die es auf Jean abgesehen hat, außerdem derart unsichtbar oder besser vielgesichtig, dass die Flucht nie in ein abschließendes Duell mündet. Der Film ist also ebenso innerhalb wie außerhalb des Thrillergenres angesiedelt, er bricht die Regeln und respektiert zugleich ihre Macht.

          Zu den Regelbrüchen gehört, dass Cal schwarz ist und dass sich zwischen der Gangsterbraut und ihrem Beschützer keine Liebesgeschichte entwickelt. Statt dessen bringt Cal Jean und ihr Baby nach einem ersten, tragisch endenden Versteck-Versuch in das Haus seiner Familie, eine Blockhütte mitten im Wald, die eine amerikanische Idylle sein könnte, wenn die Regisseurin es wollte. Aber sie will nicht. Eine Szene kurz zuvor auf der Landstraße hat gezeigt, wohin die Reise geht: Da werden Jean und Cal, die im Auto schlafen, von einem Polizisten geweckt, und nur eine Notlüge der Frau kann ihren schwarzen Begleiter vor der Festnahme oder Schlimmerem retten. Welcome to Trumpland.

          „I’m Your Woman“ spielt in den siebziger Jahren, einer Zeit der Rassenunruhen, Studentenproteste und politischen Skandale, aber man sieht nichts davon. Der historische Hintergrund erschöpft sich im Dekor: Chevrolets und Pontiacs fahren durch die Straßen, Discokugeln hängen in den Klubs von der Decke, und Aretha Franklin singt „Natural Woman“. Auch für das Weltgefühl des Films gilt, was Cals Frau Teri einmal zu Jean sagt: „Dreh’ dich nicht um, egal, was du hörst.“ Die Geschichte bleibt in einem Muster aus Stilwillen und genrehaftem Aktionismus gefangen, sie dreht sich nicht um, dabei gäbe es so viel zu sehen, selbst aus der Rückschau nach fast fünfzig Jahren. Oder gerade deshalb.

          Die englischsprachigen Kritiker, die den Film beim Jahresfest des American Film Institute im Oktober sehen konnten, waren sich uneinig, ob Rachel Brosnahan in „I’m Your Woman“ zu viel oder zu wenig zu tun hat. Im Grunde stimmt beides. Julia Hart hat ihre Idee, einen Gangsterfilm nicht um den Gangster, sondern um seine Ehefrau herum zu bauen, so konsequent umgesetzt, dass jedes andere Detail der Geschichte in einem Nebel aus Andeutungen verschwimmt. Aber dieser radikale Perspektivismus entmächtigt eben auch ihre Hauptfigur. Wir erfahren fast nichts über Jean, und auch Jean erfährt auf ihrer Flucht wenig mehr über sich, als dass sie, wenn es sein muss, kaltblütig den Abzug einer Pistole durchdrücken kann. Für die wunderbare Mrs. Maisel in der Erfolgsserie von Amazon wäre das vielleicht eine Überraschung gewesen. Für die Zuschauer von „I’m Your Woman“ kommt es nur allzu erwartet.

          I’m Your Woman läuft von diesem Freitag an auf Amazon Prime.

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