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„Nacht der Wissenschaften“ : Humboldt-Uni distanziert sich von Vortrag zu Geschlecht und Gender

Humboldt-Universität in Berlin Bild: Picture Alliance

Gegen den geplanten Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht über Geschlecht und Gender an der Berliner Humboldt-Uni macht eine Gruppe wegen angeblicher „Transfeindlichkeit“ mobil. Die Uni sagt den Vortrag ab. Und distanziert sich von der Doktorandin. Dafür geht ihr Vortrag bei Youtube live.

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          Die Humboldt-Universität Berlin hat einen im Rahmen der „Langen Nacht der Wissenschaften“ geplanten Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht abgesagt. Sie wollte am gestrigen Samstagnachmittag darstellen, dass es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt. Die linke Gruppierung „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“ rief zu einer Gegendemonstration auf.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Vollbrechts „These“, heißt es in einer Mitteilung der Gruppierung, sei „unwissenschaftlich, menschenverachtend und queer- und trans*feindlich“. Dass die Humboldt-Universität einer „bekanntermaßen trans*feindlichen Referentin eine Bühne bietet, ist skandalös“, so der Aufruf. „An unserer Uni gibt es keinen Platz für Queerfeindlichkeit. Wir sehen uns auf der Straße!“, schreibt der „Arbeitskreis“ auf Twitter. Die Universität sagte den Vortrag daraufhin wenige Stunden vor dem Termin ab, aus Sicherheitsgründen, wie es zunächst heißt.

          „Mit möglicher Eskalation rechnen“

          „Der Vortrag wurde im Interesse der Gesamtveranstaltung ,Lange Nacht der Wissenschaften' abgesagt“, sagte die Universitätssprecherin Birgit Mangelsdorf auf Anfrage von FAZ.NET, „um Akteur:innen wie Besucher:innen die ungestörte Teilnahme an diesem Fest der Wissenschaften in Berlin zu ermöglichen.“ Der Referentinnenrat (RefRat) der Universität habe „am Freitag eine E-Mail an die gesamte Studentenschaft verschickt“, in welcher „er zur Teilnahme an einer Demonstration gegen den Vortrag von Frau Vollbrecht aufrief. In der Folge wurden dann auch Gegenaktionen von Vollbrecht-Unterstützer:innen angekündigt und vorbereitet. Wir mussten deshalb mit einer möglichen Eskalation rechnen, die die gesamte ,Lange Nacht der Wissenschaften' überschatten würde.“

          „Grundsätzlich“, so die Sprecherin weiter, verstehe sich die Humboldt-Universität „als ein Ort, an dem kein Mensch diskriminiert werden sollte, sei es wegen seiner Religion, seiner vermeintlichen Rasse, seiner sexuellen Identität oder wegen irgendeines anderen Merkmals, das als Unterscheidungsmerkmal angesehen wird.“ Die „Meinungen“, die Frau Vollbrecht in einem Artikel in der Zeitung „Die Welt“ am 1. Juni vertreten habe, stünden „nicht im Einklang mit dem Leitbild der HU und den von ihr vertretenen Werten. Die HU hat sich dem ,den wechselseitigen Respekts vor dem/der Anderen' verpflichtet. Wir distanzieren uns daher von dem Artikel und den darin geäußerten Meinungen ausdrücklich.“

          Man beabsichtige, „einen Folgetermin zum Thema zu organisieren, bei dem Frau Vollbrecht aber auch Vertreter:innen von RefRat und Trans-Gruppen eingeladen werden“, damit „das Thema in einer der Universität angemessen Weise diskutiert werden kann“.

          Damit wird der Vortrag von Marie-Luise Vollbrecht von der Universität gewissermaßen vorverurteilt, zumindest in einen fragwürdigen Kontext gerückt. Für sich stehen darf er nicht. Ein Vortrag wohlgemerkt, in dem es um die biologischen Grundlagen der Fortpflanzung geht. Der Titel lautet: „Geschlecht ist nicht gleich (Ge)schlecht. Sex, Gender und warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt". Es geht also um den Unterschied zwischen biologischem Geschlecht und der Zuschreibung der sozialen Geschlechterrolle (Gender). Von Transaktivisten wird, wer auf eine solche Unterscheidung Wert legt oder - wie in diesem Fall - über biologische Grundlagen der Fortpflanzung referiert, allerdings häufig als „transfeindlich“ angegriffen.

          Absage „aus Angst vor Gewalt“

          So ergeht es auch Marie-Luise Vollbrecht, die an einem Artikel der „Welt“ mitgeschrieben hatte, gegen den die Trans-Szene ebenfalls Sturm lief und auf den sich die Kommunikationschefin der Humboldt Universität nun bezieht. Die queere Jobmesse „Sticks & Stones“ hatte den Springer-Verlag, der die Veranstaltung seit Jahren unterstützt hatte, nach Erscheinen des Artikels umgehend ausgeladen. Der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner wiederum sah sich veranlasst, den Artikel als „unterirdisch“, wissenschaftlich „bestenfalls grob einseitig“ und im Ton „oberflächlich, herablassend und ressentimentgeladen“ abzukanzeln. Döpfner wandte sich zugleich gegen den Cancel-Reflex des Messeveranstalters, der Uhlala Group. Für den Gastbeitrag einer Zeitung würden „18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Unternehmens pauschal in Mithaftung genommen“.

          Die Doktorandin äußerte sich in der „Bild“-Zeitung. Die Absage mache sie „traurig“, wird Marie-Luise Vollbrecht zitiert. „Das Einknicken vor radikalen gewaltbereiten Aktivisten, die kein Verständnis von Biologie haben“, sei „verständlich, aber alarmierend.“ Von einer sachlichen Debatte könne man nicht mehr reden, „wenn Veranstaltungen aus Angst vor Gewalt abgesagt werden“. Der Vorfall, so Marie-Luise Vollbrecht in der „Bild“, sei ein weiteres Beispiel, „mit welchen radikalen Mitteln Genderideologen vorgehen“.

          Im Internet melden sich aber auch zahlreiche Stimmen zu Wort, die Marie-Luise Vollbrecht unterstützen, etwa unter dem Hashtag #LetWomenSpeak bei Twitter, unter dem sich nicht nur zu diesem Anlass Wortmeldungen finden, die darauf verweisen, dass eine intolerante Trans-Szene insbesondere die Positionen von Feministinnen bekämpft und diese persönlich angreift, auf Demonstrationen sogar mit körperlicher Gewalt.

          Auf ihrem eigenen Twitteraccount verweist Marie-Luise Vollbrecht auf die Ironie, dass die Universität den Vortrag mit dem Verweis auf Sicherheitsbedenken absage und ihr Thema gerade die Rolle der Wissenschaft auf einem Gebiet sein sollte, das voller Fake News sei. Am Nachmittag konnte man dem Vortrag bei Youtube dann folgen. Und sich die Frage stellen, warum sich die Unversität bemüßigt sieht, sich von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin und Doktorandin zu distanzieren und ihr zu unterstellen, sie stehe nicht im Einklang mit dem „Leitbild“ und den „Werten“, welche die Humboldt Universität vertrete .

          Bildungs- und Wissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) äußerte sich in der „Bild“-Zeitung kritisch zum Verhalten der Humboldt-Universität: „Es darf nicht in der Hand von Aktivisten liegen, welche Positionen gehört werden dürfen und welche nicht“, sagte sie. Und weiter: „Wissenschaft lebt von Freiheit und Debatte. Das müssen alle aushalten.“

          Der Sprecher für Forschung der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Adrian Grasse, sagte auf Anfrage von FAZ.NET: „Es ist eine bedenkliche Entwicklung, wenn an unseren Hochschulen Veranstaltungen aus Angst vor Protesten im Vorfeld abgesagt werden. Die Wissenschaftsfreiheit ist ein hohes Gut und lebt vom Diskurs, von Rede und Gegenrede. Ich werde den Vorgang parlamentarisch aufgreifen und den Senat fragen, ob er die Freiheit der Wissenschaft in Berlin in Zukunft noch gewährleisten kann.“

          Auf der Webseite der Humboldt-Universität findet sich zu dem Vorgang nichts, auf der Webseite der „Langen Nacht der Wissenschaften“ ist der Eintrag zu dem Vortrag gelöscht. Auf Twitter gibt sich die Uni gut gelaunt: „Auf den Campus Adlershof, Mitte und Nord gibt es viel zu entdecken“, heißt es da: „Stoffe der Zukunft, HU-Startups, ein Würfel, der das gesamte Wissen der Physik enthält und mehr“.

          Oder: „Gerade saß schon die Ernährungskrise auf dem Sessel. Als nächstes darf die Wasserkrise über ihre Probleme sprechen. Kommt vorbei und hört euch an, was die Krisen der Natur gerade beschäftigt.“ Das Motto der „Langen Nacht der Wissenschaften“ lautet: „Alles auf Anfang: Krisen. Wissen. Lösen. Die Humboldt-Universität stellt Lösungsansätze aus der Wissenschaft vor.“

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