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„Huffington Post“ in Deutschland : Bei ihr schreiben Unbezahlte für Gelangweilte

Die ganze „Huffington Post“ sei so wenig originell wie die meisten dort veröffentlichten Texte, verbreitet Arianna Huffington. Damit will sie sich gegen den Vorwurf wappnen, ihr sogenanntes Geschäftsmodell stamme gar nicht von ihr Bild: dpa

An diesem Donnerstag startet die deutsche „Huffington Post“. Auch hierzulande lautet das Prinzip: Für Beiträge wird nichts gezahlt. Derweil sieht sich „HuffPo“-Chefin Arianna Huffington mit einer Plagiatsklage konfrontiert.

          Arianna Huffington erhebt keinen Anspruch auf Originalität. Im August reichte sie beim Handelsgericht des Bundesstaats New York einen Schriftsatz ein, mit dem sie sich gegen den Vorwurf des Ideendiebstahls verteidigt. Peter Daou und James Boyce, zwei Politikberater aus dem Umfeld der Demokratischen Partei, zu deren früheren Klienten Hillary Clinton und John Kerry gehören, haben Frau Huffington und ihren Geschäftspartner Kenneth Lerer verklagt. Die Kläger behaupten, sie hätten das Konzept der Internetseite „The Huffington Post“ entwickelt. Frau Huffington hält ihnen nicht etwa entgegen, dass die nach ihr benannte Seite ihre ureigene Idee gewesen sei. Vielmehr führt sie aus, dass der Gedanke der Gründung einer Seite wie der „Huffington Post“ schon Jahre vorher in Umlauf gewesen sei. Die Kläger legen dar, sie hätten den Beklagten im Herbst 2004 ihr Konzept einer digitalen Sammeladresse für Meinungen und Nachrichten bekanntgemacht. Sie seien aufgefordert worden, einem der späteren Mitgründer der „Huffington Post“, Roy Sekoff, eine detaillierte Ausarbeitung zuzuleiten. Durch die Einschaltung dieses Mittelsmanns, so die Klage, hätten Frau Huffington und Lerer die Urheberschaft von Daou und Boyce unkenntlich machen wollen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In der Erfolgsgeschichte der „Huffington Post“, die 2011 für 315 Millionen Dollar an AOL verkauft wurde und heute häufiger angeklickt wird als die „New York Times“, gibt es noch mehr übertölpelte Väter. Andrew Breitbart, der 2012 verstorbene konservative Blogger, der wie Daou und Boyce am 3. Dezember 2004 an einem Treffen im kalifornischen Anwesen von Frau Huffington teilnahm, hat erzählt, er habe dort das Impulsreferat gehalten. Die Villa in Brentwood hatte Arianna Huffington nach ihrer Scheidung von Michael Huffington behalten, einem Unternehmer, der sich 1994 als Republikaner vergebens um einen Senatssitz beworben hatte. In Brentwood kamen an jenem Dezembertag einflussreiche Leute aus der Unterhaltungsindustrie zusammen, darunter der Musikproduzent David Geffen, die Schauspielerin Meg Ryan sowie Larry David, der Schöpfer der Fernsehserien „Seinfeld“ und „Curb Your Enthusiasm“. George W. Bush war wiedergewählt worden, und die im Hause Huffington versammelten Freiheits- und Geschäftsfreunde schrieben das der Verleumdungskampagne gegen den demokratischen Kandidaten John Kerry zu. Die Legenden von der Feigheit Kerrys in Vietnam hatten sich im Internet so schnell verbreitet, dass die Tatsachenprüfer in den Redaktionen der seriösen Presseorgane nichts dagegen ausrichten konnten.

          Eine Plattform für liberale Geister

          Wichtigster Händler an der Gerüchtebörse war Matt Drudge, der es fertiggebracht hatte, dass im Lewinsky-Skandal die altmodisch diskrete Hauptstadtpresse uninformiert oder heuchlerisch aussah. Politisch war die „Huffington Post“ als Anti-Drudge-Report konzipiert. Die Seite von Drudge ist eine reine Linksammlung. Umstandslos schickt Drudge seine Leser weiter zu den Quellen. Für die „Huffington Post“ sind dagegen Zusammenfassungen von Texten aus dem Netz charakteristisch, die so ausführlich angelegt werden, dass die Leser auf die Links zu den Originalen verzichten könnten. Der Sinn der Herkunftsnachweise ist die Abwehr von Plagiatsvorwürfen.

          In der Kombination von fünf Elementen sehen Daou und Boyce den Witz ihres Konzepts. Neben die Aufbereitung von Nachrichten aus anderen Quellen („aggregation“) sollte ein Blog liberaler Richtung mit vielen, möglichst prominenten Verfassern treten. Das Angebot sollte thematisch sortiert werden. Das neue Organ sollte auch selbst Journalismus produzieren, durch Beiträge eigener Reporter. Die Leserschaft wollte man bei der Stange und der liberalen Sache halten, indem man ihr nahelegte, sich in Lesezirkeln zu organisieren. Einer der Blogger der Debütausgabe der „Huffington Post“ vom 9. Mai 2005 war Arthur Schlesinger, der große alte Mann der liberalen Geschichtsschreibung. Auch Larry David ergriff das Wort. Julia Louis-Dreyfus, „Seinfeld“-Hauptdarstellerin, und ihr Mann Brad Hall traten mit einem Meinungsstück zur Homosexuellenehe hervor.

          Alles umsonst - Zukunft des Journalismus?

          Die prominenten Autoren verzichteten auf ein Honorar. Denselben Beitrag zur Rentabilität des Projekts erwartet die „Huffington Post“ von Autoren, die niemand kennt. Die Zahl der Blogger unter ihrem Dach geht längst in die Tausende. Nur der kleinste Teil davon ist prominent; die meisten müssen hoffen, dass ihnen die beliebte Adresse zur Prominenz verhilft. Ein New Yorker Bundesgericht entschied im vergangenen Jahr über die Klage des Bloggers Jonathan Tasini, der im Namen von neuntausend Kollegen einen Anteil von einem Drittel an dem von AOL für die „Huffington Post“ gezahlten Kaufpreis beanspruchte. Tasini hatte 2001 das Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs erstritten, wonach Verleger die Genehmigung freier Mitarbeiter einzuholen haben, bevor sie deren Beiträge auch online publizieren. Diesmal unterlag er. 216 Beiträge hatte er bei der „Huffington Post“ ohne Honorar eingestellt. Der Richter hielt ihm vor, niemand habe ihn gezwungen, diese Bedingungen zu akzeptieren. John Coffee von der Columbia Law School verglich die Kolumnisten der „Huffington Post“ mit Leserbriefschreibern. „Der Lohn besteht nicht in einer Zahlung, sondern in der Veröffentlichung.“

          Für Investoren wie Lerer, den früheren Chef der Unternehmenskommunikation von AOL, bestand der Reiz einer Gegengründung zum „Drudge Report“ in der Erwartung, Nachrichten würden von Gleichgesinnten und Gleichempörten besonders schnell weitergegeben – als elektronische Kettenbriefe mit seriöser Provenienz. Jonah Peretti, der Techniker im Gründerkreis, hatte im Jahr 2000 durch Vervielfältigung von Elektrobriefen eine Protestkampagne gegen die Arbeitsbedingungen in den Fabriken des Turnschuhherstellers Nike organisiert. Nur zwei Wochen nachdem er Kopien seiner Korrespondenz mit der Geschäftsführung von Nike an seine Freunde verschickt hatte, griff eine Zeitung die Geschichte auf. Für die „Huffington Post“ entwickelte Peretti die Idee einer Gemeinschaft, der Inhalte gleichgültig sind, des „Netzwerks der gelangweilten Büroarbeiter“: Auf der ganzen Welt säßen Leute vor ihren Bildschirmen, die sich nach Ablenkung sehnten und nur darauf warteten, den Link zu einer kuriosen Nachricht oder drolligen Meinung an Gleichgelangweilte weiterzuschicken. Damit möglichst viele Artikel sich wie Viren verbreiten, werden für redaktionelle Entscheidungen über Aufmachung und Plazierung technische Hilfsmittel benutzt, die permanent die Rezeption der Nutzer scannen. Ein Artikel wird mit zwei Überschriften lanciert – der Titel mit mehr Klicks bleibt stehen.

          Vor dem Hintergrund von Auflagenrückgängen und Anzeigenschwund wollen viele Journalisten daran glauben, dass die „Huffington Post“ die Zukunft der Zeitung darstellt: vollgestopftes Vermischtes plus Meinung, ohne Vertriebsprobleme. Medienbranchenberichterstatter beschreiben den Maschinenpark im New Yorker Großraumbüro im Ton von Schülerzeitungsreportern aus der Autofabrik. Die Herrschaft der Algorithmen redet man sich als Lenkung durch den Leser schön, um das demokratische Leitbild des liberalen Journalismus zu retten. Altliberale Alternative zu diesem Lob des Unpersönlichen ist der Persönlichkeitskult. Dann stellt man die „Huffington Post“ als Krönung des Lebenswerks der genialen Netzwerkerin Arianna Huffington dar. Dass sie 19.000 Kontakte in ihrem Telefon gespeichert hat, soll informativ sein. Überraschenderweise hat das Handelsgericht die Klage von Peter Daou und James Boyce für weitgehend zulässig erklärt. Deshalb verbreitet Arianna Huffington jetzt, die ganze „Huffington Post“ sei so wenig originell wie die meisten dort veröffentlichten Texte.

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