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„Huffington Post“ in Deutschland : Bei ihr schreiben Unbezahlte für Gelangweilte

Alles umsonst - Zukunft des Journalismus?

Die prominenten Autoren verzichteten auf ein Honorar. Denselben Beitrag zur Rentabilität des Projekts erwartet die „Huffington Post“ von Autoren, die niemand kennt. Die Zahl der Blogger unter ihrem Dach geht längst in die Tausende. Nur der kleinste Teil davon ist prominent; die meisten müssen hoffen, dass ihnen die beliebte Adresse zur Prominenz verhilft. Ein New Yorker Bundesgericht entschied im vergangenen Jahr über die Klage des Bloggers Jonathan Tasini, der im Namen von neuntausend Kollegen einen Anteil von einem Drittel an dem von AOL für die „Huffington Post“ gezahlten Kaufpreis beanspruchte. Tasini hatte 2001 das Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs erstritten, wonach Verleger die Genehmigung freier Mitarbeiter einzuholen haben, bevor sie deren Beiträge auch online publizieren. Diesmal unterlag er. 216 Beiträge hatte er bei der „Huffington Post“ ohne Honorar eingestellt. Der Richter hielt ihm vor, niemand habe ihn gezwungen, diese Bedingungen zu akzeptieren. John Coffee von der Columbia Law School verglich die Kolumnisten der „Huffington Post“ mit Leserbriefschreibern. „Der Lohn besteht nicht in einer Zahlung, sondern in der Veröffentlichung.“

Für Investoren wie Lerer, den früheren Chef der Unternehmenskommunikation von AOL, bestand der Reiz einer Gegengründung zum „Drudge Report“ in der Erwartung, Nachrichten würden von Gleichgesinnten und Gleichempörten besonders schnell weitergegeben – als elektronische Kettenbriefe mit seriöser Provenienz. Jonah Peretti, der Techniker im Gründerkreis, hatte im Jahr 2000 durch Vervielfältigung von Elektrobriefen eine Protestkampagne gegen die Arbeitsbedingungen in den Fabriken des Turnschuhherstellers Nike organisiert. Nur zwei Wochen nachdem er Kopien seiner Korrespondenz mit der Geschäftsführung von Nike an seine Freunde verschickt hatte, griff eine Zeitung die Geschichte auf. Für die „Huffington Post“ entwickelte Peretti die Idee einer Gemeinschaft, der Inhalte gleichgültig sind, des „Netzwerks der gelangweilten Büroarbeiter“: Auf der ganzen Welt säßen Leute vor ihren Bildschirmen, die sich nach Ablenkung sehnten und nur darauf warteten, den Link zu einer kuriosen Nachricht oder drolligen Meinung an Gleichgelangweilte weiterzuschicken. Damit möglichst viele Artikel sich wie Viren verbreiten, werden für redaktionelle Entscheidungen über Aufmachung und Plazierung technische Hilfsmittel benutzt, die permanent die Rezeption der Nutzer scannen. Ein Artikel wird mit zwei Überschriften lanciert – der Titel mit mehr Klicks bleibt stehen.

Vor dem Hintergrund von Auflagenrückgängen und Anzeigenschwund wollen viele Journalisten daran glauben, dass die „Huffington Post“ die Zukunft der Zeitung darstellt: vollgestopftes Vermischtes plus Meinung, ohne Vertriebsprobleme. Medienbranchenberichterstatter beschreiben den Maschinenpark im New Yorker Großraumbüro im Ton von Schülerzeitungsreportern aus der Autofabrik. Die Herrschaft der Algorithmen redet man sich als Lenkung durch den Leser schön, um das demokratische Leitbild des liberalen Journalismus zu retten. Altliberale Alternative zu diesem Lob des Unpersönlichen ist der Persönlichkeitskult. Dann stellt man die „Huffington Post“ als Krönung des Lebenswerks der genialen Netzwerkerin Arianna Huffington dar. Dass sie 19.000 Kontakte in ihrem Telefon gespeichert hat, soll informativ sein. Überraschenderweise hat das Handelsgericht die Klage von Peter Daou und James Boyce für weitgehend zulässig erklärt. Deshalb verbreitet Arianna Huffington jetzt, die ganze „Huffington Post“ sei so wenig originell wie die meisten dort veröffentlichten Texte.

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