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Sat.1 zeigt „Die Hebamme“ : Spiel mir das Lied von der Geburt

Nach diesem Film wird die Geburtenrate in Deutschland weiter sinken: Josefine Preuß macht als Hebammen-Azubi einiges durch Bild: Sat.1

Im Historienfilm sind Frauen heldenhaft, Männer sind gemeingefährlich. So wird vom Abendland erzählt, bei der „Wanderhure“ und der „Pilgerin“. Nun ist „Die Hebamme“ dran. Zu viel Geschlechtertrennung?

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          Das Wunderbare an Historienschinken mit Titeln nach dem Schema „weiblicher Artikel plus Berufsbezeichnung“ ist: Sie können so gnadenlos unhistorisch sein, wie sie wollen, Hauptsache, eine rebellische junge Frau von heute stapft durch das Blut und den Matsch der Vergangenheit ins Morgenrot der Emanzipation.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ob Mittelalter oder Goethe-Zeit - einerlei -, „Die Wanderhure“, „Die Pilgerin“ und nun eben „Die Hebamme“ durchleben alle den gleichen Film. Eigentlich wäre es mal eine spaßige Aufgabe für einen Cutter mit zu viel Freizeit, die drei Geschichten zu einem Opus magnum des deutschen „Event-Fernsehens“ für Frauen zu verschneiden, zumal zweimal dieselbe Hauptdarstellerin auftritt.

          „Na, was gibt's?“

          Josefine Preuß hat gerade erst im „Wanderhuren“-Aufguss des ZDF ein Pilgerkreuz nach Santiago de Compostela geschleppt, nun ruft sie in einer Oliver-Berben-Produktion für Sat.1 als neunzehnjährige Hebammenschülerin ein fröhliches „Hallo“ in die Runde, ganz so, als wäre das anno 1799 die gängige Begrüßung gewesen.

          Die Dialoge (Buch: Thorsten Wettcke) gehören ohnehin zum Unterhaltendsten, was die Verfilmung des Romans von Kerstin Cantz zu bieten hat: Da knallt altertümelnder Wortdekor wie „tugendhaft“ und „buhlen“ zu Knickserei und Zylinderlupfen auf Sätze wie: „Was gibt’s?“, „Geht’s dir gut?“ und „Die ist immer mies drauf und betrunken“, dass es nur so eine Freude ist.

          Josefine Preuß spielt mit gewohnter Souveränität die Berufsjugendliche im historischen Kostüm, die beim Heiratsantrag vor Lachen durch die Nase prustet. Man kann nur hoffen, dass die Achtundzwanzigjährige bald Figuren darstellen darf, die so alt sind wie sie selbst.

          Kleines, tapferes Mädchen gegen den Rest der Welt

          Die andere Charaktere unterteilen sich in Frauen und Männer. Wobei die Männer Professionen wie Serienmörder, Landstreicher, Richter, Pfarrer oder Apotheker nachgehen und - wenn es gutgeht - Frauen nicht recht verstehen. Wenn es schlechter läuft, schwängern sie, bis endlich ein Sohn zur Welt kommt, machen sich über die Magd her, missbrauchen Frauen zu Forschungszwecken oder bringen sie gleich um. In anderthalb Fällen lieben sie auch.

          Frauen sind entweder tapfere Hebammen oder tapfere Gebärende, bis auf eine Ausnahme. Aber die verwahrloste Haushebamme hatte sicher ein schweres Schicksal. Arme Menschen sind sehr, sehr schmutzig in diesem Film, und weil es ums Kinderkriegen geht, sind eigentlich alle ständig voller Blut.

          Allein auf weiter Flur: Nach dem Tod ihrer Mutter schlägt sich die junge Gesa im Marburg von 1799 durch Bilderstrecke

          Es fließt in Strömen von Steißgeburt über Kaiserschnitt, Zwillingsgeburt, Totgeburt, Abort und Tod im Kindsbett bis in die Kriminalgeschichte, die mit der Story verbunden ist. Heraus kommt: Herzensgutes Mädchen vom Land kommt auf Geheiß seiner sterbenden Mutter in die Stadt, um in ihre beruflichen Fußstapfen zu treten, landet in einer Art Horrorkabinett und findet doch sein Glück.

          Anfangs treibt eine Leiche nach der anderen in der Lahn. Selbstmörder, heißt es. Sie alle landen beim Anatomen Dr. Clemens Heuser (Andreas Pietschmann) auf dem Tisch, der bald Gesas Verlobter sein wird. Er war auch der erste Mann, in den sie auf dem Marktplatz gestolpert ist. Den ersten Kuss gibt es im Seziersaal, den ersten Sex im Heu, die erste Krise, als er ihr sagt: Also, nach der Heirat ist aber Schluss mit deiner Berufstätigkeit. Nicht zur Nachahmung empfohlen.

          Dann aber findet Heuser heraus: Das waren gar keine Freitode. Ein Serienmörder geht um in Marburg. Im Gebärhaus, in dem Gesa ihre Ausbildung absolviert, herrschen ohnehin Angst und Schrecken. Dort aber, wo Axel Milberg erfreulich uneindeutig als grausam-gütiger Medicus Professor Kilian waltet, gibt es für die Zuschauerinnen (männliche Zuschauer wird der Film kaum finden) noch am meisten zu lernen.

          Blutrot eingefärbte Bilder, Flammenschrift auf den Wänden

          Wer nicht wohlhabend genug war, zu Hause zu entbinden, ging in der Frühzeit der medizinischen Geburtshilfe in ein Geburtshaus, um gebärend als „lebendes Objekt“ für Studenten herzuhalten. Der ZDF-Film „Die Hebamme - Auf Leben und Tod“ mit Brigitte Hobmeier hat dieses Kapitel der Medizingeschichte, dem ungezählte Frauen und Kinder zum Opfer gefallen sind, 2011 klar und kühl erzählt. Aber er gehörte auch zu einem anderen Genre.

          Die Sat.1-Variante ist eine üppig ausgestattete Historienschmonzette mit Schauermomenten, sie setzt auf Kitsch und Schock, wenn im Anatomiesaal Studenten mit der Zange im Körper einer Kreißenden stochern, der Gesa die Stirn kühlt. Dazu gibt es allerlei optische Sperenzchen (Kamera: Wolf Siegelmann): blutrot eingefärbte Bilder, Flammenschrift auf Wänden, Gruselanimationen und Details wie das Pseudo-Rokoko-Gemälde einer Hochschwangeren: „Das ist meine Mutter wenige Tage vor meiner Geburt“, heißt es dazu. Klar, war damals ein gängiges Bildmotiv. Wer Spaß an solchem Quatsch hat, kommt auf seine Kosten.

          Leben, Liebe und so weiter

          Mit Spannung ist es in „Die Hebamme“ (Regie: Hannu Salonen) dagegen nicht weit her. Immer wieder hetzt ein Kapuzenmann mit Ledermaske durchs Bild. Ist es der Landstreicher, der Apotheker, mit dem die mysteriöse Parade-Geburtshelferin Elgin (bewundernswert stoisch: Lisa Maria Potthoff) eine tragische Liebe verbindet, oder doch der Anatom?

          Einer von ihnen wird den Freitod wählen, einer gerädert werden, und was aus dem Dritten wird, weiß man nicht genau. Ist auch nicht so wichtig. Die Menschheitsthemen Liebe und Freundschaft, Geburt und Tod werden durchgehechelt, das alles in hübscher Düster-Kulisse, wie es sich gehört. Und am Schluss wartet die lichte Schwestern-Botschaft, die da lautet: In der Frauen-WG wird alles gut.

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