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Zerschlagung von hr2 : Ist das Kulturfunk, oder kann das immer noch weg?

  • Aktualisiert am

Für den Kultursender schlägt es eher zwölf: Online-Logo für die beliebte HR2-Sendung „Der Tag“. Bild: HR

Der Hessische Rundfunk „reformiert“ seine Radiokulturwelle hr2. Aus einem kulturellen Vollprogramm wird eine Abspielstation für klassische Musik. Was halten Kulturschaffende davon? Der Antworten zweiter Teil.

          Andreas Maier

          Welt aus einer reinen Idee

          Es war an einem Abend. Und es handelte sich um den Hessischen Rundfunk, zweites Programm. Es war das Jahr 1983. Irgendwann nach zwanzig Uhr. Wir hatten eine Fernsehzeitschrift, den „Gong“. Der „Gong“ hatte in der Mitte Radioprogrammseiten eingeheftet. Ich hatte mir die Sendung vorgemerkt, die ich hörte und auf eine Kassette aufnahm.
          Ich möchte die Pointe nicht lange herauszögern, es ging einfach um Chormusik, Renaissance, der Komponist hieß Josquin des Préz.

          Ja, ich rede von musikalischer Sozialisation!

          An jenem Abend war ich wie gelähmt. Die Musik, die ich hörte, setzte mich aus mir heraus. Sie war mir völlig fremd, ich hatte so etwas noch nie gehört. Reine Vokalmusik, Renaissance, das zweite Lied im Programm hieß „Mille Regretz“. Ein furchtbarer Schmerz wohnt diesem Stück inne, und doch war ich völlig emotionslos in diesem Moment, vielleicht, weil ich so erstaunt war. Es war, als nähme man mich an die Hand und führte mich in eine klare, konturierte, sphärische Glaswelt hinein, vielleicht wie Gulliver im dritten Teil seiner Reisen. Eine Welt, die wie aus einer reinen Idee gemacht war. Ich flog durch diese Welt und konnte mich nach allen Richtungen bewegen. Es war, kurz gesagt, mein erster wirklich transzendenter Moment im Leben.

          In anderen Häusern hingen vielleicht Gainsboroughs, aber mir wurde erst in diesem Augenblick vor dem Radio beim Hören von HR2 klar, was die Welt eigentlich ist beziehungsweise was sie auch beinhaltet beziehungsweise beinhalten kann, und mir war im selben Augenblick klar, dass das meine Welt werden würde. Nennen wir es die Welt der Kunst. Nennen wir es Transzendenz. Wie auch immer. Später wurde ich Schriftsteller. Heute spiele ich jenes „Mille Regretz“ fast jeden Tag auf der Laute. Und ich habe den Augenblick vor dem Radio noch genau vor mir, es muss etwa zwanzig Uhr sechs oder zwanzig Uhr sieben gewesen sein. Damals war ich fünfzehn.

          Später, schon wieder vor fast zwei Jahrzehnten, lebte ich für neun Monate auf dem flachen Land und hörte den dortigen „Kultursender“ – ich möchte den öffentlich-rechtlichen Sender und das Bundesland aus Höflichkeit nicht nennen. Er nahm sich so aus, wie das jetzt wohl beim HR auch werden könnte. Immer dieselben Dreiminutenschnipsel, immer nur die allbekannten dämlichen Highlights einer zum Hintergrundgedudel verkommenen Musikhistorie, unterbrochen von irgendwelchen übernommenen Nachrichten alle dreißig Minuten.
          Ich war fassungslos und machte das ganz schnell wieder aus.

          Andreas Maier.

          Wie konnte sich ein Sender so erniedrigen? Keinerlei Wortbeiträge. Keine Formate wie „Doppelkopf“. Wo um alles in der Welt können Menschen sich noch vor Publikum eine Stunde unterhalten, ohne permanent weggejingelt und nach jeder Werbung neu anmoderiert zu werden? Überhaupt: Eine Stunde! Ja, ich garantiere: Diesen Unterhaltungsgedudel-Kultursender in jenem Bundesland (West!) haben bestimmt sehr viele Leute gehört! Da mussten sie sich keine Stunde „Doppelkopf“ anhören! Dafür haben sie zum zweitausendsten Mal den ersten Satz „Sommer“ von Vivaldi und zum dreitausendsten Mal das „Rondo alla Turca“ gehört. Nur wozu?

          Es wurde lanciert, es hörten nur hunderttausend Menschen HR2. Was soll das heißen? Es gehen 51.500 Menschen zu Eintracht Frankfurt, wenn das Stadion ausverkauft ist. Eintracht Frankfurt war deutscher Meister, hat den Europapokal gewonnen und zwei ziemlich berühmte Weltmeister gestellt.
          Was soll das also heißen: nur hunderttausend Menschen? Das sind doppelt so viele wie bei Eintracht Frankfurt! Tag für Tag.

          Andreas Maier ist Schriftsteller. Geboren in Bad Nauheim, lebte er in der Wetterau, Südtirol und in Frankfurt, wo er auch studierte. Heute lebt er in Hamburg. Gerade erschienen ist bei Suhrkamp sein jüngster Roman „Die Familie“, das siebte Buch seiner Reihe „Ortsumgehung“.

          Thea Dorn

          Tragischer Irrtum

          Man muss Kultursender nicht unter Artenschutz stellen. Man muss aber fragen, wie eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt ernsthaft glauben kann, sich durch die Verabschiedung von einem ihrer markantesten Merkmale „zukunftsfähig“ zu machen.

          Thea Dorn.

          Gewiss: Es sind schlechte Zeiten für die Anhänger des komplexeren Gedankens und des ausführlicheren Worts. Trotzdem sitzt die gebührenfinanzierte Amsel einem tragischen Irrtum auf, wenn sie glaubt, sie hätte im Wettstreit mit den digitalen Medienwölfen eine größere Chance, wenn sie sich die Flügel stutzt. Die flügellahme Amsel frisst der Wolf zuerst – ganz gleich, wie laut sie mit der Quotenmeute heult.

          Thea Dorn ist Schriftstellerin, Kritikerin und Moderatorin. Sie ist gebürtig in Offenbach und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihr „Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ im Knaus-Verlag.

          Nele Neuhaus

          Kein Podium für die Kultur?

          Ich bin enttäuscht und traurig darüber, dass der Hessische Rundfunk das vielseitige und intelligente Kulturprogramm der Hörfunkwelle HR2 einstellen will, um in Zukunft gänzlich im belanglosen Einheitsbrei der Radiosender unterzugehen. HR2 war der letzte Sender des Hessischen Rundfunks, den ich wegen seiner Sendeformate mit gut recherchierten und interessanten Beiträgen gerne und regelmäßig gehört habe. In Zukunft hat mich der HR damit als Hörerin verloren.

          Nele Neuhaus.

          Sehr ärgerlich finde ich außerdem, dass ich diese Veränderungen mit der Zwangssteuer Rundfunkabgabe unterstützen muss. Meiner Meinung nach ist der Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders, nicht nur trivialen Mainstream zu produzieren, sondern der Kultur ein Podium zu geben. Dann sehe ich auch ein, dafür zu bezahlen.

          Nele Neuhaus ist Schriftstellerin. Sie lebt im Taunus. Dort spielen auch ihre Krimis um die Ermittler von Bodenstein und Kirchhoff. Ihr jüngstes Werk „Muttertag“ ist im Ullstein Verlag erschienen.

          Anselm Weber

          Wie gelingt Transformation?

          Der Hessische Rundfunk ist ein entscheidender und wichtiger Partner nicht nur für das Schauspiel Frankfurt, sondern für alle kulturellen Institutionen. Mit seinen kritischen Betrachtungen und der Verbreitung unserer aller Arbeit ist er ein unverzichtbarer Partner.

          Ich halte es für unabdingbar, dass ein moderner Sender sich auf die Rezeptionsbedingungen des digitalen Zeitalters einstellt. Einem kulturinteressierten Publikum ist aber eine gewisse Flexibilität und Offenheit gegenüber aktuellen Entwicklungen zu vermitteln. Wenn Kultur in diesem Land eine Zukunft haben soll, muss sie die radikal veränderten Bewusstseinsnormen der technikaffinen jüngeren Generationen einbeziehen.

          Die geplante Transformation wird aber nur gelingen, wenn dem hr die versprochene Balance zwischen Alt und Neu gelingt. Ein solcher Prozess sollte jedoch unbedingt intern erarbeitet werden und nicht von externen Beratern. hr2-kultur muss eine Welle bleiben, die sämtlich Aspekte des öffentlich-rechtlichen Kultur- und Bildungsauftrags berücksichtigt. Vor allem die künstlerisch-produzierende Kultur (Hörspiel, Neue Musik) muss weiterhin gefördert werden, zumal der hr gerade in dieser Hinsicht große Verdienste vorzuweisen hat. Gleiches gilt für die äußerst beliebten Gesprächsformate wie „Doppelkopf“ und „Der Tag“, die eine allerorten zu beobachtende „Schnapp-Kultur“ erfolgreich aushebeln.

          Anselm Weber.


          Eine Kulturwelle, in der Begriffe wie „Kultur“ oder „Literatur“ nicht mehr vorkommen dürfen, in der es stattdessen – wie Gerüchte kolportieren – um „snackability“ gehen soll, wäre keine Kulturwelle mehr. Die laut gewordenen Proteste sollten deswegen zwingend ernst genommen werden.

          Anselm Weber ist Theater- und Opernregisseur. Er ist Intendant des Schauspiels Frankfurt.

          Zsuzsa Bánk

          Haydn auflegen kann ich selbst

          Wofür bezahle ich meine Rundfunkgebühren eigentlich? Sicher nicht, dass irgendwer Vivaldi und Haydn für mich auflegt. Das kann ich auch selbst.

          Zsuzsa Bánk.

          Zsuzsa Bánk ist Schriftstellerin und gebürtige Frankfurterin. Von ihr erschien zuletzt der Roman „Schlafen werden wir später“ im Verlag S. Fischer.

          Rolf Silber

          Versteckte Sterbehilfe

          Fernsehleute und Radiomacher haben immer mehr gemeinsam: Durch die Spartenverspargelung der Sendelandschaft wird es schwieriger für das interessierte Publikum, die Inhalte zu finden, die wir herstellen – selbst wenn gelegentlich, scheinbar, das Angebot steigt. Orientierung wäre angesagt, klare Koordinaten, Leuchttürme im Wellenmeer.

          Rolf Silber.

          HR 2 ist so was. Anstatt ihn zur Klassikabspielfarm zu machen, wäre es vielleicht besser, darüber nachzudenken, ihn selbstbewusst zu „ent-dudeln“, innerhalb des Senderahmens für noch deutlichere Orientierung zu sorgen. Und nicht ein Kultur- und Informationsprogramm, das einer selbstbewussten Modernisierung bedarf, unter dem Label „Hessenschau“ zu verräumen. Digital oder nicht: Da findet es keiner. Und noch dazu die „Welle“ abzuschaffen ist wie ein Restaurant ohne Außenwerbung und Namensschild zu eröffnen. Da können die Köche noch so gut sein, das finden nur noch Insider. Bis der Bestatter kommt. Wäre man bösartig, würde man meinen, dass es darum eigentlich geht: versteckte Sterbehilfe. Im HR selbst und seinem Umfeld gibt es doch genug Kreative, die sollte man nicht mit externen Beratungsfirmen quälen, sondern ihnen eher neue Bewegungsräume schaffen. Mal Kante zeigen, anstatt sich abzuschleifen. Schön wär’s.

          Rolf Silber ist Drehbuchautor, Regisseur und Produzent. Er ist Mitgründer der U5-Filmproduktion in Frankfurt.

          Thomas Bockelmann

          Kulturprogramm vom Feinsten

          Seit vielen Jahren beginnen meine Tage mit hr2-Kultur. Ich werde angenehm, kompetent und unaufgeregt – und ganz ohne Werbung – über die kulturellen Ereignisse in Hessen und darüber hinaus informiert und höre zwischendurch Musik vom Feinsten.

          Thomas Bockelmann.

          Ich finde es in fast schon grotesker Weise unverständlich, dass dieses hervorragende Programm eines öffentlich-rechtlichen Senders aus Wirtschaftlichkeits- und Quotenerwägungen eingestellt werden soll. Und appelliere an die Verantwortlichen, diese Entscheidung zu überdenken und zurückzunehmen!

          Thomas Bockelmann ist Schauspieler und Regisseur. Er ist Intendant des Staatstheaters Kassel.

          Martin Seel

          Verheerendes Zeichen

          Die Abwicklung eines anspruchsvollen eigenständigen Kulturprogramms durch einen öffentlich-rechtlichen Sender ist ein verheerendes Zeichen. Kulturelle Themen im weitesten Sinn, auch und gerade in ihrer politischen und sozialen Relevanz, werden zum Lückenfüller und Lückenbüßer in anderen Sparten oder in ein starres Netzmenü verbannt. Dabei geht das Beste am Radio verloren: eine für das Publikum zuverlässig unvorhersehbare Abfolge von Beiträgen, deren Landschaft man hörend durchreisen kann, so wie man sich sehend durch weite Gebiete bewegt, die immer wieder in einem anderen Licht erscheinen. Verloren geht ein Stück geistiger Bewegungsfreiheit für alle, die sich im Stau des Erwartbaren nicht zu Hause fühlen.

          Martin Seel.

          Martin Seel lehrt an der Goethe-Universität Philosophie. Er ist Gründungsmitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Von ihm erschien zuletzt „Nichtrechthabenwollen. Gedankenspiele“ im Verlag S. Fischer.]

          Uwe Eric Laufenberg

          Mit Kultur dagegenhalten

          Die Hörfunkwelle hr2 ist für mich einer der besten Sender, den die ARD überhaupt anzubieten hat. Ein Kultursender, der Kultur als das begreift, was sie in einer offenen Gesellschaft sein sollte: für jedes Thema offen, sensibel, informativ, faktenorientiert und den Nerv an der Zeit, dabei die Musik in alle Richtungen behandelnd und sendend, ohne Berührungsängste, und trotz alledem ein klassischer Kultursender. Wenn man meint, nun diesen Sender neu strukturieren zu müssen, kann es ja nur aus zwei Gründen sein. Aus einem wirtschaftlichen Grund, oder weil man denkt, dass dieses Format von Kultursendern nicht mehr zeitgemäß ist. Zum wirtschaftlichen Grund ist nur zu sagen, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender, der ja Pflichtbeiträge von seinen Zuhörern bekommt, dies wohl nur schwer argumentieren kann. Zum zweiten Punkt bleibt zu sagen: Wenn man wahrnimmt, dass eine Gesellschaft sich verflacht, unsensibel wird, mit „faked news“ und Unterstellungen operiert, Kultur und ihre Wurzeln in unserer Geschichte immer mehr ver- oder missachtet, muss man dann wirklich zeitgemäß sein? Oder ist es nicht zeitgemäßer, gegenzuhalten? – Aufrichtig, empathisch, mit Kultur eben.

          Uwe Eric Laufenberg.

          Uwe Eric Laufenberg ist Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden.

          Joachim Unseld

          Das kann nur ein Aprilscherz sein

          Alljährlich zum 1. April erlaubt sich die F.A.Z. einen journalistischen Scherz, den man fassungslos anliest, bis man merkt, dass man auf den Arm genommen wurde. An einen solchen Aprilscherz konnte man denken, als die Nachricht von der „Reform“ des Kultursenders hr2 in der F.A.Z. auftauchte, aber es war kein erster April, sondern purer Ernst. Ich war fassungslos. Und ich bin weiterhin fassungslos angesichts dieser – ich kann es fast nicht anders sagen – hirnlosen Barbarei, die Manfred Krupp, der sich scheinbar als Intendant der neuen Moderne hier mit seinem Jahrhundertvorhaben, „mehr Menschen für die Kulturberichterstattung zu interessieren“ inszeniert. Bin fassungslos, wie Herr Krupp das angestrebte Verschwinden der Wortbeiträge im Hessischen Rundfunk kleinredet.

          Joachim Unseld.

          Wer sagt ihm denn, dass die bisherigen heterogenen, zeitabhängigen, linearen und doch so attraktiven Wortbeiträge nicht gefragt sind? Die heftige Gegenreaktion der Hörer müsste ihm doch etwas mitteilen. Ich habe Respekt vor den Sorgen des Arbeitgebers Krupp, der sich über Geldzufluss, das Lebenswerk seiner Mitarbeiter und deren als Rücklage in der Bilanz zu bildende Altersvorsorge Gedanken macht. Aber mit Qualitätsanspruch hat das nichts zu tun. Vielleicht sogar geht Herr Krupp am Wunsch seiner Hörer völlig vorbei, vielleicht wollen Hörer keine „zeitunabhängige nonlineare mobile Nutzung“, die man „gezielt“ in Podcasts et cetera sucht und findet. Vielleicht sind nicht alle Menschen von einem „Virus“ befallen und wollen dauernd schneller an Inhalte kommen, die sie suchen, wie Herr Krupp sagt. Vielleicht wollen Hörer gar nicht in versteckten elektronischen Nischen suchen, sondern überrascht werden von Neuem, Unerwartetem. Vielleicht wollen geistanregende Inhalte einfach nur – wie zufällig auch immer – gefunden werden und nicht in die viel zu vielen versteckten Internetnischen abgeschoben und dort mühsam gesucht werden. Gerade heute in der Zeit digitaler Wirrnis, Verunsicherung und Fake News brauchen wir einen hr2, wie er bereits ist. Mit Intelligenz, Vielfalt und viel guter Sprache.

          Joachim Unseld ist Verleger, er leitet die Frankfurter Verlagsanstalt.

          Thomas Frickel

          Vielfalt statt Einfalt

          Ein gelegentlicher Blick in den Rundfunkstaatsvertrag würde dem Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks guttun. Denn die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, so heißt es da in Paragraph 11, haben „Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten“. Und an anderer Stelle wird beispielhaft erklärt, was damit gemeint ist: Hörspiele, Philosophie und Religion, Literatur – und manches mehr. Jedenfalls nicht die Verengung auf einen Wohlfühl-Dudelfunk für Bildungsbürger nach dem Muster des privat betriebenen „Klassik-Radios“. Auch die Berufung auf gesunkene Hörerzahlen hat in der Logik unseres öffentlich finanzierten Rundfunksystems nichts zu suchen. Denn ein öffentlich-rechtlicher Sender wie der Hessische Rundfunk steht nicht im Wettbewerb um Marktanteile, sein Gebührenprivileg dient vielmehr der Abbildung und Sicherung inhaltlicher, thematischer und künstlerischer Vielfalt. Dass diese Vielfalt immer mehr durch Einfalt verdrängt wird, sollten wir, die Beitragszahler, nicht hinnehmen – und die Rundfunkräte, die unsere Interessen gegenüber dem Sender vertreten sollen, hoffentlich auch nicht!

          Thomas Frickel.

          Thomas Frickel ist Dokumentarfilmer. Er ist Vorsitzender und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) in Frankfurt.

          Hauke Hückstädt

          Für die Jüngeren und die Älteren

          Als jemand, der Programme für viele machen möchte und in gewisser Weise mit diesen Programmen, aber auch mit diesen vielen lebt, ist mir eines vor allem klar: Man kann kein Programm gegen das Publikum machen. Und wenn so viele weghören oder zumindest über Jahre nicht mehr zuhören, dann müssen sich Programme auch ändern dürfen. Da gilt es den Redakteuren und auch der Senderleitung etwas zuzutrauen. Was wir jetzt erleben, kommt mir vor wie die Folgen von Innovationsstau und Investitionsmangel, den wir ja keinesfalls nur beim Hörfunk erleben, sondern nahezu in allen Bereichen, im Bildungsbereich, im Mobilitätssektor, im Ausbau vom Radwege- und Bahnnetz und auch im Bereich einer fortschrittlichen Literatur- und Lesevermittlung.

          Hauke Hückstädt.

          Es bringt nichts, in der Diskussion jüngeres und älteres Publikum gegeneinander auszuspielen. Dieser Diskussion wohnt immer eine Beschimpfung inne, die fehl am Platz ist. Es ist schließlich das vermeintlich ältere Publikum, von dem der gesamte große Kulturapparat in Deutschland lebt und zehrt und auf dem er aufgebaut ist. Die Frage nach Jugendlichkeit und jüngeren Hörern ist keine der Einzelaktionen aus einer Plötzlichkeit heraus. Publikumsrelevanz ist eine Haltungsfrage. Sie ist eine auf stetige Erneuerung ausgelegte Haltung aus Neugier, Formenvielfalt, Mitgestaltbarkeit und Unberechenbarkeit. Was bleibt schon über von einem jeglichen Programm, wenn wir es nach Magic-Cleaning-Verfahren in Frage stellen? hr2-Kultur hat immens wichtige Formate, und es wird wichtig sein, beim Hinwenden zur Zukunft mit dem Hintern nicht einzureißen, was jahrzehntelang aufgebaut wurde.

          Hauke Hückstädt leitet das Literaturhaus Frankfurt.

          Frank Witzel

          Gespenst des „Durchhörradios“

          Es zeugt von einer grotesken Verschlafenheit, das, was ein Sender wie hr2 zu bieten hat, bewusst in die Tonne zu treten, wo in anderen Bereichen genau um diese Ressourcen gebuhlt wird. So wie das Zauberwort „Podcast“ nichts anderes bedeutet als das, was Radio schon immer im Bereich Hörspiel und Feature gemacht hat, wird sich dieser „Podcast“ weiterentwickeln und sein Repertoire erweitern, bis er zu dem geworden ist, was Sender wie hr2 heute bereits sind.

          Frank Witzel.

          Und dort werden die Hörer sich einfinden, während das nach suspekten Marktanalysen entworfene Gespenst eines „Durchhörradios“ durch verlassene Werkhallen und menschenleere Büroflure dröhnt. Diejenigen aber, die diese Entwicklung zu verantworten haben, werden sich fragen lassen müssen, ob sie deren Konsequenzen tatsächlich nicht haben kommen sehen oder ob sie mit der Abschaffung von funktionierenden Sendestrukturen nicht ganz bewusst das in die Wege geleitet haben, was als Folge einer solchen Maßnahme bereits am Horizont zu erkennen ist: die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt.

          Frank Witzel ist Schriftsteller, Musiker und Moderator, er lebt in Offenbach. Von ihm erschien zuletzt „Uneigentliche Verzweiflung. Metaphysisches Tagebuch I“ bei Matthes und Seitz.

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