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Zerschlagung von hr2 : Ist das Kulturfunk, oder kann das immer noch weg?

  • Aktualisiert am

Für den Kultursender schlägt es eher zwölf: Online-Logo für die beliebte HR2-Sendung „Der Tag“. Bild: HR

Der Hessische Rundfunk „reformiert“ seine Radiokulturwelle hr2. Aus einem kulturellen Vollprogramm wird eine Abspielstation für klassische Musik. Was halten Kulturschaffende davon? Der Antworten zweiter Teil.

          11 Min.

          Andreas Maier

          Welt aus einer reinen Idee

          Es war an einem Abend. Und es handelte sich um den Hessischen Rundfunk, zweites Programm. Es war das Jahr 1983. Irgendwann nach zwanzig Uhr. Wir hatten eine Fernsehzeitschrift, den „Gong“. Der „Gong“ hatte in der Mitte Radioprogrammseiten eingeheftet. Ich hatte mir die Sendung vorgemerkt, die ich hörte und auf eine Kassette aufnahm.
          Ich möchte die Pointe nicht lange herauszögern, es ging einfach um Chormusik, Renaissance, der Komponist hieß Josquin des Préz.

          Ja, ich rede von musikalischer Sozialisation!

          An jenem Abend war ich wie gelähmt. Die Musik, die ich hörte, setzte mich aus mir heraus. Sie war mir völlig fremd, ich hatte so etwas noch nie gehört. Reine Vokalmusik, Renaissance, das zweite Lied im Programm hieß „Mille Regretz“. Ein furchtbarer Schmerz wohnt diesem Stück inne, und doch war ich völlig emotionslos in diesem Moment, vielleicht, weil ich so erstaunt war. Es war, als nähme man mich an die Hand und führte mich in eine klare, konturierte, sphärische Glaswelt hinein, vielleicht wie Gulliver im dritten Teil seiner Reisen. Eine Welt, die wie aus einer reinen Idee gemacht war. Ich flog durch diese Welt und konnte mich nach allen Richtungen bewegen. Es war, kurz gesagt, mein erster wirklich transzendenter Moment im Leben.

          In anderen Häusern hingen vielleicht Gainsboroughs, aber mir wurde erst in diesem Augenblick vor dem Radio beim Hören von HR2 klar, was die Welt eigentlich ist beziehungsweise was sie auch beinhaltet beziehungsweise beinhalten kann, und mir war im selben Augenblick klar, dass das meine Welt werden würde. Nennen wir es die Welt der Kunst. Nennen wir es Transzendenz. Wie auch immer. Später wurde ich Schriftsteller. Heute spiele ich jenes „Mille Regretz“ fast jeden Tag auf der Laute. Und ich habe den Augenblick vor dem Radio noch genau vor mir, es muss etwa zwanzig Uhr sechs oder zwanzig Uhr sieben gewesen sein. Damals war ich fünfzehn.

          Später, schon wieder vor fast zwei Jahrzehnten, lebte ich für neun Monate auf dem flachen Land und hörte den dortigen „Kultursender“ – ich möchte den öffentlich-rechtlichen Sender und das Bundesland aus Höflichkeit nicht nennen. Er nahm sich so aus, wie das jetzt wohl beim HR auch werden könnte. Immer dieselben Dreiminutenschnipsel, immer nur die allbekannten dämlichen Highlights einer zum Hintergrundgedudel verkommenen Musikhistorie, unterbrochen von irgendwelchen übernommenen Nachrichten alle dreißig Minuten.
          Ich war fassungslos und machte das ganz schnell wieder aus.

          Andreas Maier.
          Andreas Maier. : Bild: Jens Gyarmaty

          Wie konnte sich ein Sender so erniedrigen? Keinerlei Wortbeiträge. Keine Formate wie „Doppelkopf“. Wo um alles in der Welt können Menschen sich noch vor Publikum eine Stunde unterhalten, ohne permanent weggejingelt und nach jeder Werbung neu anmoderiert zu werden? Überhaupt: Eine Stunde! Ja, ich garantiere: Diesen Unterhaltungsgedudel-Kultursender in jenem Bundesland (West!) haben bestimmt sehr viele Leute gehört! Da mussten sie sich keine Stunde „Doppelkopf“ anhören! Dafür haben sie zum zweitausendsten Mal den ersten Satz „Sommer“ von Vivaldi und zum dreitausendsten Mal das „Rondo alla Turca“ gehört. Nur wozu?

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