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Zerschlagung von hr2 : Ist das Kulturfunk, oder kann das immer noch weg?

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Thomas Bockelmann.
Thomas Bockelmann. : Bild: Picture-Alliance

Ich finde es in fast schon grotesker Weise unverständlich, dass dieses hervorragende Programm eines öffentlich-rechtlichen Senders aus Wirtschaftlichkeits- und Quotenerwägungen eingestellt werden soll. Und appelliere an die Verantwortlichen, diese Entscheidung zu überdenken und zurückzunehmen!

Thomas Bockelmann ist Schauspieler und Regisseur. Er ist Intendant des Staatstheaters Kassel.

Martin Seel

Verheerendes Zeichen

Die Abwicklung eines anspruchsvollen eigenständigen Kulturprogramms durch einen öffentlich-rechtlichen Sender ist ein verheerendes Zeichen. Kulturelle Themen im weitesten Sinn, auch und gerade in ihrer politischen und sozialen Relevanz, werden zum Lückenfüller und Lückenbüßer in anderen Sparten oder in ein starres Netzmenü verbannt. Dabei geht das Beste am Radio verloren: eine für das Publikum zuverlässig unvorhersehbare Abfolge von Beiträgen, deren Landschaft man hörend durchreisen kann, so wie man sich sehend durch weite Gebiete bewegt, die immer wieder in einem anderen Licht erscheinen. Verloren geht ein Stück geistiger Bewegungsfreiheit für alle, die sich im Stau des Erwartbaren nicht zu Hause fühlen.

Martin Seel.
Martin Seel. : Bild: Picture-Alliance

Martin Seel lehrt an der Goethe-Universität Philosophie. Er ist Gründungsmitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Von ihm erschien zuletzt „Nichtrechthabenwollen. Gedankenspiele“ im Verlag S. Fischer.]

Uwe Eric Laufenberg

Mit Kultur dagegenhalten

Die Hörfunkwelle hr2 ist für mich einer der besten Sender, den die ARD überhaupt anzubieten hat. Ein Kultursender, der Kultur als das begreift, was sie in einer offenen Gesellschaft sein sollte: für jedes Thema offen, sensibel, informativ, faktenorientiert und den Nerv an der Zeit, dabei die Musik in alle Richtungen behandelnd und sendend, ohne Berührungsängste, und trotz alledem ein klassischer Kultursender. Wenn man meint, nun diesen Sender neu strukturieren zu müssen, kann es ja nur aus zwei Gründen sein. Aus einem wirtschaftlichen Grund, oder weil man denkt, dass dieses Format von Kultursendern nicht mehr zeitgemäß ist. Zum wirtschaftlichen Grund ist nur zu sagen, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender, der ja Pflichtbeiträge von seinen Zuhörern bekommt, dies wohl nur schwer argumentieren kann. Zum zweiten Punkt bleibt zu sagen: Wenn man wahrnimmt, dass eine Gesellschaft sich verflacht, unsensibel wird, mit „faked news“ und Unterstellungen operiert, Kultur und ihre Wurzeln in unserer Geschichte immer mehr ver- oder missachtet, muss man dann wirklich zeitgemäß sein? Oder ist es nicht zeitgemäßer, gegenzuhalten? – Aufrichtig, empathisch, mit Kultur eben.

Will Wagners „Ring“ bei den Maifestspielen: Der Wiesbadener Intendant Uwe Eric Laufenberg.
Will Wagners „Ring“ bei den Maifestspielen: Der Wiesbadener Intendant Uwe Eric Laufenberg. : Bild: dpa

Uwe Eric Laufenberg ist Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden.

Joachim Unseld

Das kann nur ein Aprilscherz sein

Alljährlich zum 1. April erlaubt sich die F.A.Z. einen journalistischen Scherz, den man fassungslos anliest, bis man merkt, dass man auf den Arm genommen wurde. An einen solchen Aprilscherz konnte man denken, als die Nachricht von der „Reform“ des Kultursenders hr2 in der F.A.Z. auftauchte, aber es war kein erster April, sondern purer Ernst. Ich war fassungslos. Und ich bin weiterhin fassungslos angesichts dieser – ich kann es fast nicht anders sagen – hirnlosen Barbarei, die Manfred Krupp, der sich scheinbar als Intendant der neuen Moderne hier mit seinem Jahrhundertvorhaben, „mehr Menschen für die Kulturberichterstattung zu interessieren“ inszeniert. Bin fassungslos, wie Herr Krupp das angestrebte Verschwinden der Wortbeiträge im Hessischen Rundfunk kleinredet.

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